Die halbe Wahrheit : Der ewige Frühling

Esther Kogelboom

Das Internet, diese kleine Zauberkiste, hat mich um meinen Resturlaub betrogen. Den Ort auf den Kanaren, wo das Ferienhaus angeblich stehen soll, gibt es gar nicht. Gut, vielleicht hätte ich darauf bestehen sollen, dass die Agentur die genaue Adresse des Anwesens schickt, bevor ich die Anzahlung überwiesen habe. Aber es sah so schön aus, der Himmel leuchtete blau, es gab sogar eine Terrasse und einen Outdoor-Whirlpool, der sprudelt, wenn man Münzen einwirft.

Die Agentur schickte eine knapp gehaltene Mail mit der Anfahrtsbeschreibung. Der letzte Satz lautet: "José erwartet Sie gegen 17 Uhr in der Cafeteria Las Rosas. Er spricht Spanisch und wird Ihr Bargeld entgegennehmen."

Hm. Ich suchte zuerst auf Landkarten, dann mithilfe von Google. Die Straße, die auf der Wegbeschreibung genannt stand, gab es nicht. Google Earth zuckte einen Moment, bevor es den Ort irgendwo im mittleren Chile fand. Als ich näher heranzoomte, winkten drei Campesinos in die Kamera. Vielleicht Josés abgezockte Cousins?

Ich traue dieser Kanareninsel nicht über den Weg. Die letzte Meldung kam von dpa: "Weiße Pracht auf den Inseln des ewigen Frühlings: Die Berge auf Teneriffa und Gran Canaria haben am Wochenende die heftigsten Schneefälle der vergangenen Jahre erlebt." Schade, weil ich eigentlich ohne meine Mütze verreisen wollte.

Grundsätzlich halte ich mich für einen Menschen, der jeder Jahreszeit ihre schönen Seiten abgewinnen kann. Doch jetzt reicht es. Wie immer Mitte Februar kann ich nicht mehr. Die dicken Pullover fangen plötzlich zu kratzen an, die Absätze der Stiefel sind schon seit Weihnachten abgelaufen. Von drei grippalen Infekten und viel zu langen Fernsehabenden gezeichnet, erkläre ich: Ab sofort ist die Kälte nicht mehr gemütlich, sondern nur noch lästig. Außerdem geht es darum, dem schrecklichen Karneval zu entfliehen.

Meine Freundin, von Geburt an Rheinländerin, ist auch am Ende. Sie hat den Mietwagen zu unserer Reise gebucht, natürlich im Internet. Die Frucht ihrer quälenden Recherche ist der billigste Fiat Uno der Welt, ohne Radio, Gurte und wahrscheinlich auch ohne Bremsen. Wir lasen uns gemeinsam das Kleingedruckte durch: Sollte sich ein Reifen als schadhaft erweisen, stand dort sinngemäß geschrieben, sei eine Eigenbeteiligung in Höhe von 10 000 Euro fällig. Von Schneeketten war erst gar nicht die Rede.

Wir sahen uns schon bis an unser Lebensende als Fußpflegerinnen im örtlichen Luxushotel unsere Schulden abarbeiten, da entdeckten wir eine Telefonnummer auf dem aus gedruckten Zettel: die Hotline der Autovermietung. Wir versuchten es auf Englisch. "Hello, we have a question concerning the contract", hob ich an, doch da war die Leitung bereits tot. Beim nächsten Mal landeten wir in einer Warteschleife, in der "Für Elise" lief. Gefühlte Stunden später meldete sich eine Männerstimme. Nachdem ich ihm mein Anliegen geschildert hatte, lachte er ein heiseres Lachen und sagte mit entzückendem Akzent: "Germans always worry. See you at the airport."

Ich fühlte mich ertappt. Wo war meine Ferienvorfreude geblieben? Warum sorgte ich mich plötzlich um Schneeketten, Mietverträge und falsche Adressen?

"Fehlt nicht mehr viel, und wir werden zu Beschwerde-Deutschen", sagte meine Freundin, kniff die Augen zusammen. "Beschweren ist genauso deutsch wie die Sehnsucht nach dem ewigen Frühling."

Halbwegs versöhnt blätterten wir im Reiseführer. "Besonders lohnt sich eine Reise Mitte Februar", stand dort schwarz auf weiß, "dann feiern die Inselbewohner ihren Karneval, der dem in Rio de Janeiro um nichts nachsteht."

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