Die halbe Wahrheit : Des Glückes Unterpfand

Das mit dem Pfand ist im Prinzip eine urdeutsche Angelegenheit, dachte ich kürzlich in meinem Lieblingssupermarkt.

Esther Kogelboom

Das mit dem Pfand ist ja im Prinzip eine urdeutsche Angelegenheit, dachte ich kürzlich in meinem Lieblingssupermarkt, als ich mit zwei Stoffbeuteln voller leerer Flaschen vor dem Pfandautomaten anstand. Steht schon in der Nationalhymne: „Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand“. So nahm Herr von Fallersleben den Fall Emmely um die beiden herrenlosen Pfandbons bereits prophetisch vorweg. Als hätte er geahnt, dass einmal die Zeit kommen würde, in der 1,30 Euro viel Geld sind.

Vor mir in der Schlange stand zufälligerweise meine frühere Nachbarin, Oma Zilinsky, auch sie mit zwei geblümten Stoffbeuteln voller Leergut. Oma Zilinsky ist eine der letzten Alten, die noch in der Oderberger Straße wohnen, in einer Einraumwohnung zwischen lauter Zimmerpflanzen mit geschienten Zweigen und perfekt abgestaubten fleischigen Blättern. Sie war im ganzen Haus berüchtigt für ihre Zettel, mit denen sie die anderen Nachbarn und mich freundlich, aber bestimmt auf Nachlässigkeiten hinwies, zum Beispiel das Betreten der eigenen Wohnung mit „Hackenschuhen“ oder das Rauchen im Hausflur. Oma Zilinskys spektakulärste Aktion war sicher die eigenhändige Demontage des Altpapier-Mülleimers unter den Briefkästen. „Achtung, der Feuerteufel geht um. gez. Zilinsky“, hatte sie in ihrer Schnörkelschrift auf den Zettel geschrieben. Ich habe mich leider nie getraut, zu fragen, ob Oma Zilinsky vielleicht in der DDR als Hausvertrauensmann das Hausbuch führte. Dafür spricht jedenfalls, dass sie ein fotografisches Gedächtnis besaß und alles über jeden wusste.

„Wen haben wir denn da“, sagte sie, als sie mich in der Schlange vor dem Pfandautomaten erkannte. Sie musterte mich von der Mütze bis zu den Stiefeln. „Wohl jut im Futter!“ Bevor ich sie begrüßen konnte, hatte sie sich schon leise fluchend der Zukunft zugewandt, griff in ihren Beutel und steckte in dem ihr eigenen Zeitlupentempo eine leere Cola- Zero-Flasche ins Loch. Der Automat blinkte blau, drehte die Plastikflasche um die eigene Achse, schien sich zu verschlucken und saugte die Flasche widerwillig ein, um sie backstage aufschlagen zu lassen. Saug- plopp, saug-plopp. Der Vorgang wiederholte sich ungefähr ein Dutzend Mal. Hinter mir reichte die Schlange inzwischen bis zum Kaffeeregal. Die Leute wurden ungeduldig. Oma Zilinsky drückte den Knopf und wartete auf den Pfandbon. Aber es kam keiner aus dem Schlitz. Sie drückte den Knopf erneut, diesmal eine Spur entschlossener.

Ich freute mich schon auf eine der inspirierenden Zilinsky’schen Tiraden inklusive Aufstampfen und Auf-die-modernen-Zeiten-Schimpfen, von denen ich nie gedacht hatte, dass ich sie vermissen könnte.

Doch statt des üblichen gesellschaftskritischen Vortrags murmelte sie nur „Na so was“ und sah sich hilfesuchend um. Da öffnete sich die Tür neben dem Automaten, und ein Mann in Latzhose trat heraus, als hätte er den ganzen Tag auf seinen Einsatz gewartet. In der Hand hielt er eine der Cola-Zero-Flaschen, in der noch ein kleiner Rest schwappte: „Hier ist ja der Übeltäter.“ Oma Zilinsky schaute betreten über den Rand ihrer Brille: „Ick dachte, Sie sind ’ne Maschine.“ – „Ick BIN ’ne Machine“, erwiderte er. „Ach“, machte Oma Zilinsky. „Tja“, machte der Latzhosen-Mann.

Oma Zilinsky steckte die Flasche noch einmal ins schwarze Loch, es machte saug-plopp. Der Latzhosen- Mann nickte ermutigend, sie drückte den Knopf. Es surrte, Oma Zilinsky zog den Pfandbon mit spitzen Fingern aus dem Schlitz, drehte sich um und überreichte ihn mir mit feierlicher Geste. „Reicht für ’ne Schachtel Cabinet“, sagte sie und kniff mir ein Auge. Sie kannte meine Marke immer noch.

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