Die halbe Wahrheit : Die Insel der Katzen und Kampfhunde

Esther Kogelboom
259429_0_7f36f5fe.jpg

Seit gestern kann ich verstehen, wie man zur Katzenfrau wird. Bei Brigitte Bardot stand sicher auch zuerst nur ein einziges, vielleicht getigertes Kätzchen vor der Tür, das sie mit blauen Kulleraugen anguckte.

Madame Bardot stellte ihr eine Schale Milch hin, und am nächsten Tag strich ihr nicht nur das Tigerkätzchen um die schlanken Unterbeine, sondern auch ein ebenso süßes graues Kätzchen. Mit welchem Recht also sollte sie das Tigerkätzchen füttern und das Graue darben lassen?

Es widersprach Madame Bardots Sinn für Gerechtigkeit, auch nur daran zu denken. Sie öffnete eine weitere Milchflasche, ihr erster Schritt ins Leben einer Katzenfrau. Die Nachricht, dass es bei ihr was zu fressen gibt, verbreitete sich schneller als eine Floh-Pandemie.

So werde ich auch enden, wenn ich nicht schleunigst von dieser Kanareninsel abreise. Jeden Tag finde ich ein weiteres maunzendes Bergkätzchen, das seine Kulleraugen routiniert zum Einsatz bringt. Ich habe Friskies besorgt, in der Geschmacksrichtung „Salmón, Trucha y Atún“. Mit ihren spitzen Zähnen zerknuspern die Fellbündel das Trockenfutter. Heute Morgen waren es schon vier Kulleraugenpaare, die mich erwartungsfroh anguckten. Das Ganze hier ist wahrscheinlich mein Einstieg in das lange Leben als Katzenfrau. Man ist diesen unmittelbaren Kontakt mit der Natur als Städter ja nicht mehr gewohnt. Auch das Wetter ist hier aufdringlicher: Entweder die Sonne knallt für eine Minute, oder schwere Regentropfen platschen aus tief hängenden Wolken, die wie schmuddelige Wäschefetzen durch die Luft sausen. Kühle Nässe durchzieht Gebälk und Knochen.

Mieses Wetter auf den Kanaren: Ich kann jetzt Holz hacken und einen Kanonenofen heizen – eine gute Voraussetzung für mein Dasein als menschenscheue Katzenfrau, die in den kurzen Perioden zwischen den Fütterungen unter einer karierten Wolldecke vor dem warmen knackenden Ofen hockt. So habe ich Zeit, das Gästebuch der Ferienwohnung zu studieren. „Tiere zählen hier sehr wenig. Man sieht es auch auf den Märkten. Ein Grund für uns, nicht wieder hierherzukommen“, schrieben die Tierfreunde „Ute + Werner“ am 11.1.2005.

Vielleicht waren „Ute + Werner“ auch auf dem Jahrmarkt, wo man beim Pfeilwerfen statt überdimensionaler Teddybären und Schlüsselanhänger Plastikboxen mit schillernden Goldfischen gewinnen kann, und danach waren sie im Restaurante Tipico, wo als Delikatesse geschmortes Kaninchen auf der Karte steht, das – nur von Größe und Form her – auch Katze sein könnte.

Auch habe ich noch nie so verwachsene Hunde gesehen wie hier: einen Schäferhund mit nur fünf Zentimeter kurzen O-Beinen, einen Dackelmischling, dessen Haare so lang sind, dass sie wie eine Schleppe hinter ihm herschleifen und man nicht weiß, ob er vorwärts oder rückwärts geht, einen räudigen Kettenhund mit verkrustetem Fell, dessen nächtliches Wauzen und Jaulen einen unter dem klammen Laken stocksteif wach liegen lässt.

In der Dorf-Bodega hängen neben Bildnissen des Inselvulkans zwei Bilder von zähnefletschenden Kampfhunden, vom Künstler bis in die speicheltriefenden Lefzen sehr genau herausgearbeitet. Der Wirt hat ein paar Regale voller Pokale, die er wahrscheinlich bei wilden Hundekämpfen im Lorbeerwald gewonnen hat. Er serviert ausschließlich Fleisch, angeblich entweder Rind oder Schwein, als einzige Beilage leuchtet am Rand der Platte eine Zitronenscheibe. Man muss die Katzen auf dieser Kanareninsel einfach vor den vielen Gefahren beschützen,denen sie rund um die Uhr ausgesetzt sind. Ich muss jetzt Schluss machen. Draußen vor der Tür hat es scheu, aber nachdrücklich miaut.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar