Die halbe Wahrheit : Feiertage & Knautschzonen

Von Esther Kogelboom

Ich habe Ärger mit dem Physiotherapeuten, der immer sagt, dass ich mich entspannen soll. Er knirscht für gewöhnlich an meiner Halswirbelsäule herum, dreht meinen Kopf in unnatürliche Positionen und bettet ihn danach auf ein glühendes Fango-Kissen. Aber jetzt habe ich einen Termin verschlafen, und der Physiotherapeut ist sauer auf mich. Weil ich ein schlechtes Gewissen habe, verspanne ich mich gerade aufs Neue. Ich kann geradezu spüren, wie sich in meiner Schulter eine Kugel aus Verhärtung bildet.

Dabei sind Feiertage doch eigentlich dazu da, dass man sich entspannt. Überall entspannen die Leute sich um die Wette, als wäre der Hauptpreis eine monatliche Sofortrente in astronomischer Höhe. Wichtig scheint ein gesunder Teint zu sein: In der Drogerie ist die Selbstbräunungscreme ausverkauft. Vor den Cafés wird mit bräunlichem Gesicht Sahnetorte gegessen und mit Prosecco Aperol auf Eis heruntergespült. Es wird auch gern kurze Strecken spazieren gegangen und die neue Sonnenbrillenmode präsentiert.

Doch zurück zu meiner Halswirbelsäule. Sie ist ein bisschen angeschlagen, weil ich auf meine Freundin gehört habe. Sie hatte mir geraten, doch einfach mal sportlich zu tun und mit dem Fahrrad zu fahren. Selbstlos überließ sie mir ihr hübsches pinkfarbenes Sportfahrrad.

„Super“, jubelte ich. „Davon habe ich schon lange geträumt!“

Schwungvoll trat ich in die Pedale. Es ging die Schönhauser Allee bergab, der Fahrtwind zerzauste mein Haar. Ein herrliches Gefühl, so befreiend. Ich fragte mich, wie ich all die Jahre auf ein Fahrrad verzichten konnte.

Plötzlich, etwa in Höhe des menschenumtosten Pfefferbergs, sah ich eine Gruppe Krawalltouristen auf dem Radweg stehen. Einer von ihnen hielt einen Stadtplan in der Hand, die anderen steckten die Köpfe darüber zusammen. Ich tastete blitzschnell zur Klingel. Das Problem war, dass es an dem verrosteten Lenker keine Klingel gab.

Aus reinem Überlebenswillen rief ich: „Klingelklingel, klingelklingel! Hallo-KLINGEL!“ Dann trat ich feste in den Rücktritt. Ich trat ins Leere. Das Fahrrad rollte erbarmungslos weiter, die Krawalltouristen kamen gefährlich nahe. Ich lenkte mich und das Fahrrad auf den Bürgersteig. Der Vorderreifen prallte auf irgendeine sinnlose Erhebung, und ich ließ mich wie ein nasser Kartoffelsack auf das Pflaster fallen.

Zu gerne hätte ich das Bewusstsein verloren, dann hätte ich diesen Moment der Peinlichkeit nicht erleben müssen. Aber so schlimm war es leider nicht, das meinten auch die unversehrt gebliebenen Krawalltouristen. Ich erklärte ihnen noch schnell den Weg zum Mauerpark, dann schob ich das Fahrrad den kurzen Weg zu meiner Freundin zurück.

Die sagte zu dem Vorfall: „Eines steht fest: Ich werde trotzdem nie-nie-niemals einen Fahrradhelm aufsetzen. Es ist mir wirklich total egal, ob mein Kopf kaputtgeht.“

Ich finde, das ist eine echte Herausforderung an das moderne Design: Warum gibt es noch keine Fahrradhelme, für die man sich nicht schämen muss? Fahrradhelme von Michalsky? Murkudis? Stattdessen gibt es rote Plastikhelme mit schwarzen Punkten. Bin ich etwa ein geschäftstüchtiger Marienkäfer-Student auf dem Weg zur Marienkäfer-Vollversammlung?

Jeder Mensch brauchte eine natürliche Knautschzone, an der alle negativen Einflüsse einfach abprallen. So eine Art sich selber aufpustender Airbag müsste das sein, der einen besonders dann beschützt, wenn es hart auf hart kommt. Schade, dass die Evolution noch nicht so weit ist.

Bis dahin gebe ich mich mit den Knautschzonen des Kalenders zufrieden: Bald ist zum Glück schon wieder Pfingsten.

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