Die halbe Wahrheit : Fernweh & Büffelgraswodka

Von Esther Kogelboom

Um das Fernweh in den Griff zu kriegen, bestellte ich ein Buch im Internet: „Let’s go Roadtripping USA – The complete Coast-to-Coast-Guide America“. Doch es half nichts, denn seitdem plane ich eine imaginäre Reise. Den Hang zu imaginären Reisen habe ich von meinem Vater geerbt, dessen Hobby die Lektüre von Atlanten ist. Als Kind saß ich oft mit ihm am Küchentisch, auf dem er die Landkarten ausgebreitet hatte. So saß er, die Ellenbogen vorsichtig auf das rutschige Papier gestützt, die Lesebrille auf der Nase, und zeigte mir Berge, Skiabfahrten, Strände am Indischen Ozean. Als Nachttischlampe hatte er zeitweilig einen beleuchteten Globus. Leider muss mein Vater seine Fernreisen alleine antreten, weil meine Mutter nicht gerne fliegt. Das fand sie dummerweise bei ihren Flitterwochen heraus, die sie in angstvoller Erwartung des Rückflugs verbrachte.

Jetzt sitze ich am Küchentisch und blättere in meinem „Let’s go“-Reiseführer. Noch habe ich mich nicht entschieden, ob ich lieber die Willy- de-Ville-Gedächtnisroute durch die Südstaaten, den Anthony-Kiedis- Highway durch Kalifornien oder den Bruce-Springsteen-Turnpike durch New Jersey nehmen soll. Ich befragte meine weitgereiste Freundin bei einem doppelten Büffelgraswodka auf Eis in unserer neuen Lieblingsbar.

„Ich würde auf keinen Fall über die Route 66 fahren“, sagte sie. „Da sind bestimmt nur dicke deutsche Biker unterwegs, solche mit verfilzten grauen Töpfen unter dem Motorradhelm. Wie wäre es mit dem Will- Smith-Weg von Miami nach Key West?“

„Keine schlechte Idee, wirklich nicht“, murmelte ich versonnen.

Das Gute am Fernweh ist ja, dass alle Möglichkeiten offen sind. Wenn man Fernweh hat, denkt man nicht an Mittelplätze im Flugzeug, bewaffnete Überfälle, Überlandfahrten in Bussen und schmerzvolle Magen- Darm-Infekte nach dem Genuss einheimischer Spezialitäten oder nach der Zustellung von Kreditkartenabrechnungen des Grauens. Während Heimweh sich wie ein greller Halogenspot auf einen einzigen Punkt richtet, ist das Fernweh sozusagen der diffuse Deckenfluter der Sehnsucht: Viele Orte kommen infrage, sie sind zum Glück unfassbar zahlreich, und das Geniale ist, es werden immer mehr, je mehr man sich bereits angeschaut hat. Deswegen habe ich auch überhaupt kein Verständnis für Mondtouristen (außer Hans-Dietrich Genscher).

Jeder fremde Ort birgt die Möglichkeit, dass man auch selbst für kurze Zeit jemand anders sein könnte. Ich würde sofort eine Reise buchen, bei der man aus seiner Haut schlüpfen kann – allerdings nicht ohne Garantie, dass ich nach 14 Tagen wieder ich selbst bin. Und nicht ohne Reiserücktrittsversicherung und Auslandskrankenversicherung. Das habe ich von meinem Vater gelernt.

Meine Freundin, die diesen Ausführungen geduldig bis gelangweilt gelauscht hatte, bestellte noch zwei Büffelgraswodka. „Komm, wir gucken uns ein bisschen Google Earth an“, sagte sie. „Klapp mal dein Laptop auf.“

So verbrachten wir noch eine Weile im Super-Wireless-Hotspot-Café. Nachdem wir die Schluchten der Rocky Mountains und das Weiße Haus in Washington in aller Ausführlichkeit von oben betrachtet hatten, wurde ich langsam müde. Auch meine Freundin wirkte erschöpft von der weiten virtuellen Reise. Ich nahm mir vor, am Ostersonntag Google Earth auf dem Computer meines Vaters zu installieren.

Zusammen liefen wir zur U-Bahn, doch wo sonst der Eingang zur Treppe ist, befand sich jetzt ein heruntergelassenes Gitter. Es sind die unvorhersehbaren Ereignisse, die eine Weltreise erst spannend machen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar