Die halbe Wahrheit : Fischgrätparkett & Schienenschleifmaschinen

Von Esther Kogelboom

Kennen Sie schon den dümmsten aktuellen Sprachtrend? HALLO ist der dumm! HALLO geht der mir auf die Nerven! Wie geil ist DAS denn? Wir telefonieren.

Alle reden gerade so, es ist wie verbale Noro-Grippe. Meiner Meinung nach liegt das an den Leuten, die amerikanische Serien für den deutschen Markt synchronisieren.

Zum Beispiel neulich, als sich etwa 200 Personen in einem Treppenhaus an der Pappelallee sammelten, um eine freie Wohnung zu besichtigen: Ich fand mich zwischen zwei junge Frauen eingequetscht, offenbar handelte es sich um Studentinnen, die eine WG gründen wollten.

„Wie voll ist DAS denn?“

„Furchtbar. Hast du an die Schufa-Auskunft gedacht?“

„Schufa-Auskunft? Nein.“

„HALLO! Wie Banane bis DU denn?“

Super, dachte ich, sollen sie sich nur zerstreiten, dann kriege ich die Wohnung. Kriegte ich aber nicht. Bei jeder Wohnungsbesichtigung war bisher irgendein Investmentbanker, Tierarzt oder Verwaltungsbeamter, der seine Papiere in schönere Ordner geheftet hatte oder eine Visitenkarte mit goldener Prägung vorweisen konnte.

Meine Freundin verriet mir ganz uneigennützig den Schienenschleifmaschinen-Trick, mit dem sie die Konkurrenz ausgestochen hat. Der geht so: Besichtigt man ein attraktives Objekt, das zufällig in der Nachbarschaft einer Straßenbahntrasse liegt, nimmt man die anderen Interessenten beherzt zur Seite: „Die Straßenbahn an sich ist natürlich sehr leise, aber nachts, wenn die Schienenschleifmaschine kommt, ha, dann steht man senkrecht im Bett. Ein unglaublicher Krach. Wie, davon haben Sie nie gehört? Dann sind Sie gerade erst zugezogen? Ha, ha!“ Bei mir hat es bis jetzt nicht funktioniert.

Beim nächsten Anlauf fuhr ich nach Wedding, zum absolut Äußersten entschlossen. Die Exerzierstraße wird die nächste Brunnenstraße, ich bin mir ganz sicher. In die vielen leeren Ladengeschäften werden bald schon Galeristen einziehen, denen Mitte zu Banane geworden ist. Man muss nur dran glauben.

Ich wartete vor dem Haus, als der Makler seinen glänzenden Alpha Spider schwungvoll auf dem Bürgersteig parkte. Anstelle einer konventionellen Begrüßung sagte er: „Wie jetzt? Sie sind die Einzige?“

Missmutig präsentierte er den riesigen Altbau – Stuck, Flügeltüren, Fischgrätparkett –, der bereits für 500 Euro monatlich zu haben sein sollte. Scheinheilig fragte ich: „Und, wie ist die Gegend so?“

Der Makler antwortete spontan erfrischend aufrichtig: „Ich möchte hier nicht tot überm Zaun hängen. Äh, aber die Gegend kommt. Es ist ja fast wie Mitte, nur mit multikulturellem Flair.“ Ich sagte: „Wir telefonieren.“

Schnell begriff ich, dass die Wohnungssuche das politisch Unkorrekteste ist, was man machen kann. Will man nicht nach Wedding oder Neukölln ziehen, ist man sofort ein Neocon. Will man nicht nach Weißensee oder Tiergarten ausweichen, fühlen sich die ehrbaren Bewohner von Tiergarten oder Weißensee beleidigt. Legt man Wert auf einen guten Kaffeeladen und etwas Grün in Laufweite, ist man die blöde Soja-Coffeeshop-Tante mit den Townhouse-Ambitionen.

Manchmal sind Wohnungen auch lustig. Mein Liebling war bis jetzt die Maisonette-Platte direkt am U-Bahnhof Weinmeisterstraße. Dort gab es zwei Zimmer, aber auch zwei Badezimmer, eines davon komplett verspiegelt. Einen halben Tag lang habe ich überlegt: Wenn man hier mit der Flex und dort mit einem großen Eimer Alpinaweiß … So schreitet die Zeit voran.

Auf dem Immobilienmarkt oszilliere ich zwischen Größenwahn, Bescheidenheit und Machbarkeitswahn. HALLO ist das kompliziert.

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