Die halbe Wahrheit : Kabale & Liebe

Von Esther Kogelboom

Es gibt eigentlich nur eine einzige Möglichkeit, alles über einen bestimmten Menschen zu erfahren. Man muss seine Sachen durchwühlen, möglichst ohne Spuren zu hinterlassen: Kontoauszüge, Schufa-Auskunft, Einkaufslisten, Steuerschätzung, Tagebücher, Fotoalben, Impfpass, Reisepass, Festplatten (auch mobile). Da dies jedoch völlig zu Unrecht als unmoralisch gilt, empfiehlt sich eine unverdächtige Alternative: die Reclamheft-Analyse.

Die meisten haben irgendwo in den hinteren Ecken des Bücherregals diesen verräterischen gelben Stapel. Wer kann diese Überbleibsel des Deutsch-Unterrichts oder des Studiums schon einfach so wegwerfen? Nie wieder davor oder danach hat man ein Drama so gründlich gelesen, nie wieder hat man ein Büchlein vergleichbar ausgiebig beschriftet und kommentiert.

Genau hier liegt des Pudels Kern begraben: Nichts sagt mehr über den Menschen aus als die Textchen oder die Skizzen, mit denen er – jugendlich, direkt, noch unzynisch – während einer zähen Schulstunde ein Reclamheft nach seinem Geschmack, seiner Weltsicht umgestaltete. Damals besaß man zu diesem Zweck ein Federmäppchen mit Bleistiften, Anspitzer, Radiergummi und einer Tube Alleskleber.

Ich fand das „Manifest der Kommunistischen Partei“. Mehrmals stand mit Bleistift an den Rand geschrieben: „Genau!“ Einmal: „Überproduktion von Waren führt zur Revolution“. Oder: „DKP!“ Dann gab es Zeichnungen von lachenden Strichmännchen. Insgesamt machte das Kommunistische Manifest einen zerfledderten Eindruck – im Gegensatz zu Goethes „Faust“. In Goethes offenbar ungelesenem „Faust“ fand ich eine Taxiquittung aus Hannover: „Stadtfahrt“. Ohne Datum! Was hatte das zu bedeuten? Ich legte die beiden Reclamhefte sorgfältig zurück ins Regal, zu den anderen. In diesem Moment löste sich Schillers „Kabale und Liebe“, und ein Passfoto fiel heraus. Es zeigte ein rotwangiges Mädchen mit aufgebauschter Dauerwelle. Vielleicht die Ortsvorsitzende der kommunistischen SchülerInnengruppe?

Das Schlimme am Schnüffeln ist, dass man sich hinterher wie eine Schnüfflerin fühlt: schwach und misstrauisch. Man kann es nicht wiedergutmachen, weil man ja weiß, was man weiß.

In diesem Zustand traf ich meine Freundin auf eine Pizza. Während sie ihre „Quattro Stagioni“ fachmännisch in die einzelnen Jahreszeiten zerlegte, sagte sie: „Mich wundert, dass der Frühling auf dieser Pizza genauso viel Platz einnimmt wie der Winter. Eigentlich müsste der Winter deutlich größer sein als ein Viertel, und der Sommerabschnitt dürfte maximal aus einem schmalen Paprikastreifen bestehen. Das ist doch alles Betrug.“ Meine Freundin verfügt über ein ausgeprägtes Judiz.

„Ist es auch Betrug“, fragte ich, „in fremden Reclamheften zu schnüffeln?“

„Sobald man sich davon Einblicke in die Psyche der Zielperson verspricht und auch erhält, ist es ganz eindeutig vorsätzlicher Betrug“, urteilte sie.

Missmutig knabberte ich am Herbst herum. Jedenfalls ging ich davon aus, dass das Stück mit den Champignons der Herbst sein sollte.

Ich finde, es gibt mehrere Kategorien von Geheimnissen. Da wären die Geheimnisse, von denen man auf gar keinen Fall will, dass sie entdeckt werden. Es gibt auch welche, von denen man sich fast ein bisschen wünscht, dass jemand sie lüftet, weil man sie dann teilen kann. Schließlich wären da die offenen Geheimnisse, aber die sind nicht der Rede wert.

Auf unseren Tellern stapelten sich Pizzaränder. „Überproduktion von Waren führt ganz klar zur Revolution“, sagte meine Freundin und schob den Teller zur Seite.

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