Die halbe Wahrheit : Kauf dir eine Schwalbe!

Von Esther Kogelboom

Männer denken, Frauen seien nichts als wehrlose Spielbälle der Hormone. Sie nehmen an, dass wir wie beim Tennis hin- und herploppen: Aufschlag Östrogen, Rückhand Progesteron, Volley Testosteron – Netz. Spiel, Satz und Weinkrampf.

Ich wurde zuletzt beim Verlassen einer Dekra-Prüfstelle von einem dieser unkontrollierbaren Heulkrämpfe niedergeschmettert, die unser Geschlecht nicht nur bei Automechanikern so unbeliebt machen. Fast hätte ich geschrieben: „zu Recht unbeliebt“, aber das wäre ja unsolidarisch.

Mein kleines, geliebtes Auto war nicht mehr über den Tüv gekommen. Beziehungsweise sollten die Kosten für die Reparatur seinen Wert übersteigen. Natürlich nur den materiellen Wert des Wagens. Gefühlt ist das Auto so teuer, dass es sich nicht einmal Snoop Dogg für seinen Fuhrpark leisten könnte.

Ich sage nur: Es ist noch nicht lange her, da habe ich ein paar Tage in meinem Auto gewohnt. Zusammen waren wir auf der Flucht vor allem Möglichen, die Scheibenwischwasserspritzanlage war mir eine treue Munddusche, der Rückspiegel ein braver Schminkspiegel. Das Lieblingslied des kleinen, geliebten Autos ist von Ben Kweller: „Penny on the Train Track“. Darin heißt es: „If you don’t get behind your own life, get behind the driving wheel.“ Mensch, genau! Das Auto hat lautstark mitgesungen, mit starke französische Accent. Außerdem hat es Ledersitze und quietscht kaum. Es kann bergab bis zu 170 Sachen fahren.

Ein ansonsten vertrauenswürdiger Kollege riet in der Mittagspause, ich solle mir eine Schwalbe zulegen. Das geht aber nicht, denn eine Schwalbe ist kein fahrender Schrank, in den man alles reinstopfen kann. In einer Schwalbe kann man nicht dauerhaft eine Luftmatratze und einen Blasebalg transportieren, nur für den Fall, dass man an einem Badesee vorbeikommt. Auf einer Schwalbe können nur asiatische Schlangenmenschen knutschen – unter Einsatz ihres Lebens. Vom drohenden Blitzeis-Winter und der Helmpflicht ganz zu schweigen.

Straßenbahn. Bus. S-Bahn. Ich muss wieder U-Bahn fahren. Im öffentlichen Raum bin ich eine Schnecke ohne Haus, eine urbane Nacktschnecke. Ich denke darüber nach, bald Amok zu laufen.

Man hört ja immer wieder Geschichten von Leuten, die ein unauffälliges Leben führen und dann plötzlich scheinbar grundlos ausrasten. Betrachtet man ihre Schicksale genauer, wird man feststellen, dass sie meist ihre Umsatzsteuervoranmeldung über Jahre hinweg falsch oder gar nicht ausgefüllt haben, ihr Auto verkaufen müssen, vergeblich auf Telefonanrufe warten und unter einer Hausstauballergie leiden. Kurz, die depperten Krümel des Seins schichten sich täglich auf, bis schließlich ein Tiramisu aus verschiedenen Kopfschmerzen (z. B. hämmernd, pochend, sägend) daraus wird. Und nicht – wie bei anders Disponierten – ein gesellschaftlich weithin akzeptiertes Iglo-Bistro-Baguette.

Iglo-Bistro-Baguette-Typen machen zum Ausgleich Sport und Entspannungsübungen, heften ihre Kontoauszüge in dafür vorgesehene Ordner und werden dafür zu allem Überfluss mit einer durchtrainieren Figur belohnt.

Tiramisu-Typen sind eher schwammig, still und drehen halt irgendwann durch.

Da soll jetzt auf gar keinen Fall wertend gemeint sein.

Ich hoffe einfach, dass es ein durch und durch lebenstüchtiger Iglo-Bistro-Baguette-Typ ist, der mein Auto kauft.

Unsere Kolumnistin, 32, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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