Die halbe Wahrheit : Lurchi & the City

Von Esther Kogelboom

Ein Kleidungsstück, das man länger als ein Jahr nicht getragen hat, kann man guten Mutes dem Altkleidercontainer zuführen, heißt es.

Meine entschlossene Freundin hat ausgiebig ausgemistet, wofür sie jeden Respekt verdient. Natürlich ging es nicht um ihre Sachen, sondern um die ihres Freundes. Sie brauchte mehr Platz im gemeinsamen Kleiderschrank.

„Da war diese Kunstlederhose“, erzählte sie bei einem Praterpils. „Dann die drei sandfarbenen Maßanzüge, die er sich auf einer Exkursion von einem offenbar blinden Inder hat nähen lassen.“

„Und“, fragte ich gespannt, „wie hat er sich bei dir bedankt?“

Meine Freundin guckte betreten auf den Biertisch. Nachdem ihre Aktion aufgeflogen war, war der Mann zum Altkleidercontainer gerannt. Er versuchte, den indischen Zwirn und die Clockhouse-Kunstlederhose mit einem verbogenen Kleiderbügel herauszufischen, was ein trickreicher Schließmechanismus jedoch verhinderte. Es folgten Schuldzuweisungen, Tränen, das Übliche halt, wenn Männer gerade mal wieder hormonellen Schwankungen unterliegen.

Wahnsinn: Die meisten Männer sind froh, wenn Frauen ihnen bei der Kleiderwahl helfen. Meine Freundin war zu ihrer großen Verzweiflung an einen absolut beratungsresistenten Mann geraten.

Was das für sie bedeutet? Nicht hinsehen, wenn er seine Traveller- Sandalen trägt. Die Contenance wahren, wenn in der Schmutzwäsche eine Cordhose mit Bundfalten liegt. Sie liebt ihn ja trotzdem.

Meine Freundin nahm einen Schluck Praterpils und wischte sich über den Mund. Ihre Augen hellten sich langsam auf.

„Wenigstens“, sagte sie, „gibt es bald den Sex-and-the-City-Film.“

„Zu einer Serie, die man länger als ein Jahr nicht gesehen hat, braucht man keinen Film mehr“, sagte ich. „Mir doch egal, was aus den vier alten Transen wird.“

Meine Freundin guckte traurig, und ich beeilte mich, zu sagen, dass ich auch schon unheimlich auf die neuesten Kreationen der Stylistin Patricia Field gespannt sei. Ich wollte ja keine Spielverderberin sein.

Ich glaube übrigens, viele Frauen tun sich schwer mit der geschmacklichen Autonomie ihrer Männer, weil sie noch ihre Mütter erlebt haben, wie die wiederum ganz selbstverständlich Hemden, Hosen und Schlipse für ihre Männer ausgesucht haben.

Bei uns war das so: Jede Saison ging es einmal mit der ganzen Familie nach Holland in ein Riesenkaufhaus. Dort sollte mein Vater einen neuen Anzug und ein neues Freizeitoutfit bekommen. Meine Mutter, meine Oma und der offenkundig schwule holländische Verkäufer mit der blonden Tolle regelten das. Am meisten faszinierte mich der Kreidezerstäuber, mit dem der Verkäufer den Stoff markierte, wo gekürzt werden musste. Und gekürzt werden musste fast immer.

Mein armer Vater fügte sich widerstandslos in sein Schicksal. Er drehte und bückte sich auf Kommando, bevor er am Ende den Scheck ausfüllte und die Einkaufstaschen im Kofferraum des Golfs verstaute. Er hatte, was Oberbekleidung anging, überhaupt nichts zu sagen.

Danach ging es meist noch in ein deutsches Schuhgeschäft, wo ich meine Füße röntgen lassen musste und zum Ausgleich für die Strahlenbelastung ein Lurchi-Heft bekam und im Lurchi-Karussell fahren durfte, bis ich mich auf die lila Usambara-Veilchen mit den behaarten Blättern übergeben musste, die sie in der Fußgängerzone in die Betonkübel gepflanzt hatten.

Was am Schuhekaufen so toll sein soll, kann ich wirklich nicht verstehen. Ist doch gut, wenn Männer das heutzutage alleine machen.

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