Die halbe Wahrheit : Man darf nicht alles für bare Münze nehmen!

Von Esther Kogelboom

Ich war krank und musste das Bett hüten, was ja an und für sich nicht unangenehm ist. Weil ich bereits krank war, wollte ich nicht auch noch einen abgeklemmten Lesearm riskieren, so dass ich mir das Fernsehgerät an das Fußende des Bettes rollen ließ. Wenn ich nicht schlief oder heißen Tee trank, schaute ich viele unterschiedliche Sendungen zu allen möglichen Uhrzeiten an. Ich tauchte in eine mir bislang vollkommen unbekannte Welt ab.

Ziemlich schnell erkannte ich: Im deutschen Fernsehen wandern sie entweder aus – es werden Kinder auf Austauschjahr gezeigt oder Erwachsene, die „für immer“ weggehen –, suchen eine Ferienimmobilie auf Malle, Fuerte, Tiger, Flocke & Co., kotzen Blut im Dschungel und kümmern sich rasch um die Tischdeko, bevor Matthias Matussek Ariadne von Schirach aus dem brennenden Fernsehturm rettet.

Es ist auffällig, dass der Fernsehturm binnen kürzester Zeit gleich zweimal für deutsche Horrorfilme herhalten musste. Im ersten Film war es nur ein Sturm, der die Fenster entlang der Aussichtsplattform eindrückte („Tornado – Zorn des Himmels“). Im zweiten Film namens „Das Inferno – Flammen über Berlin“ löst ein Kabelbrand über der Küche des Fernsehturm-Restaurants eine Feuersbrunst aus. In meinen Fieberträumen ging es viel um den guten alten Fernsehturm, wie man sich vorstellen kann. Meist flog ich aus dem Fenster, mal Richtung Rotes Rathaus, mal Richtung „Berliner Zeitung“.

Deswegen war ich umso schockierter, als der italienische Teil der Verwandtschaft auf den Besuch der silbernen Kugel pochte.

Ich wand mich, erzählte von den jüngsten Horrorfilmen und meinen Alpträumen. Sie verspotteten mich nur.

Schließlich kippte ich oben auf dem Turm ein paar Berliner Kindl vom Fass in mich rein, während die Italiener fasziniert die Zeit stoppten, in der wir uns einmal rumdrehten.

Irgendwo da unten mussten sie sein, die günstigen 3-Zimmer-Wohnungen in Mitte, nach denen gerade alle suchen.

Am Nachbartisch hatte ganz offenbar jemand ein Date mit einer Stewardess. Sie erklärte ihm, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit sie das Anschnallzeichen aktivieren darf. Ich fragte mich, was in dem Mann vorging, als er sein Stewardessen-Date ausgerechnet ins Fernsehturm-Restaurant einlud? Vielleicht, damit sie Berlin mal von oben sehen kann? Originelle Idee. Hätte fast von einem Pro-7-Drehbuchautoren sein können. Ich fühlte mich überhaupt wie in einem TV-Movie, kurz bevor die Terroristen kommen („Alex – Alarmstufe Rot“).

Bei der Runterfahrt im Aufzug fragte ich den Liftboy, was er von diesen Fernsehfilmen hält. Die Frage gefiel dem Mann. Es sei unmöglich, die geschlossenen Fahrstuhltüren wie in dem Tornado-Film mit den Händen auseinanderzuschieben, sagte er und demonstrierte das kurz, indem er alle zehn Fingerkuppen in den Türschlitz klemmte. Er zog kräftig. Wir rasten in den Abgrund, sechs Meter pro Sekunde schnell. Die Italiener guckten erwartungsvoll, aber die Tür blieb geschlossen. Der Liftboy vom Alex ist ja zum Glück nicht the next Uri Geller.

Beim Aussteigen rief er uns hinterher: „Zu ,Das Inferno’ hab ich auch eine Meinung!“ Ich drehte mich interessiert um. „Man darf nicht alles für bare Münze nehmen! Das war kompletter Schwachsinn“, rief er und wünschte einen angenehmen Abend.

Dann drückte er einen Knopf, und die beiden metallenen Türen schlossen sich sanft vor seinem weisen Gesicht.

Unsere Kolumnistin, 32, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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