Die halbe Wahrheit : Man kann nie zu viele Saucen haben!

Von Esther Kogelboom

Zu den Aktionen, die man vermeiden soll, wenn man hektischer Natur ist, gehört das Fleisch-Fondue. Es birgt zu viele Gefahrenquellen: Heißes Fett, das einen anspringt! Hoch explosiver Spiritus! Streit um die spitzen zweizinkigen Gabeln mit den Farbmarkierungen!

Das habe ich mir jetzt nicht theoretisch am Schreibtisch ausgedacht, sondern praktisch erprobt. So war ich mit zwei weiteren Fondue-Neulingen im Kaufhof zum Saucen-Shopping. Kein Mensch kann sich vorstellen, wie viele Saucen es dort gibt. Wir waren überwältigt und kauften sie alle: die sonnengelbe Mega-Bruzzel-Sauce, die scharfe süß-saure Chili-Sauce, die rauchige BBQ-Variante, die rosa Knoblauch-Cocktailsauce und ein paar Avocados und Zitronen als Bausatz.

Nun hat das Fondue seinen Siegeszug irgendwann in den Burning Seventies begonnen, in dem Jahrzehnt also, in dem wir Fondue-Neulinge geboren wurden. Für uns bedeuten rosa Knoblauch-Cocktailsauce und Teller mit Nischen eine durchaus angenehme, rituelle Reise in die Kindheit. Doch nicht nur das: Ein Fondue-Abend ist wegen des offenen Feuers auch eine Reise in die frühe Kindheit der Menschheit allgemein.

Als die Spiritusflamme nach langwierigem Zündeln endlich loderte, erschien auch der Gast. Er trug einen Rucksack auf dem Rücken, aus dem ein buschiger Rosmarinstrauch herausragte. „Ich hab’ noch ein bisschen was mitgebracht“, sagte er und kramte außerdem ein birnenförmiges Objekt aus Plastik zutage, in dessen Innerem sich eine Kugel befand. „Das ist der Flavour Shaker von Jamie Oliver. Damit macht man blitzschnell ein paar Marinaden. Man kann nie zu viele Saucen haben!“

Der Gast ließ keinen Einwand gelten, und so bog sich die Esstischplatte schließlich unter einer Vielzahl von Saucen in allen Schattierungen der Alpina-Baumarkt-Palette. So viele Delikatessen gab es früher nicht, da tunkte man sein Fleisch eisern in Curry-Ketchup. (Wäre dies ein analytischer Generationsaufsatz, würde hier stehen: „Aber wenn schon unsere Renten nicht mehr so sicher sind wie die der Eltern, so sind unsere Dips wenigstens kreativer. Was Ihnen Willy Brandt war, ist uns Jamie Oliver.“ Aber es geht wirklich nur ums Essen.)

Wir versicherten uns gegenseitig, wie groß unser Hunger war: „Ich habe extra das Mittagessen ausfallen lassen.“ – „Ich habe heute nur ein halbes Brötchen gefrühstückt.“ – „Mir ist schon ganz schlecht vor Hunger.“

Vor uns türmten sich Berge von rohen Fleischwürfeln unterschiedlicher tierischer Herkunft. Angespannte Stille breitete sich aus.

Ich versenkte die beiden Zinken meiner Fonduegabel in einem Stückchen Rindfleisch, ließ es vorsichtig in das siedende Kokosfett gleiten. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie mein Nebenmann ohne zu schlucken etwas halbrohes verschlang – begleitet von Warnrufen: „Achtung, das ist nicht richtig durch! Huch, pass doch auf!“ Mein Nebenmann hatte sich den Gaumen verbrannt.

Ein Fondueabend ist nur dann richtig gemütlich, wenn man selbst satt ist. Dann nämlich passiert Folgendes: Die Frauen lehnen sich entspannt zurück und trinken Wein, während die Männer die abgelegten spitzen zweizinkigen Gabeln der Frauen untereinander aufteilen.

Es wird immer einen Mann geben, der am Ende triumphierend rohe Fleischwürfel auf alle sechs Gabeln spießt. Und es wird eine Frau geben, die am folgenden Abend Reste so geschickt verwertet, dass ein neues Essen draus wird. Das ist der Lauf der Dinge.

Unsere Kolumnistin, 32, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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