Die halbe Wahrheit : Mücken & Tarantino

Von Esther Kogelboom

Dass der Sommer seinen Zenit überschritten hat, merkt man daran, dass die Mücken ungefähr so aggressiv sind wie die amerikanischen Talkshowgäste, die Sonya Kraus in „Talk Talk Talk“ im Fernsehen vorführt. Sie sind penetrant, sie nerven und sie haben nur Böses im Sinn.

Ich übernachtete vergangenes Wochenende in Werder in einer Ferienwohnung, die meine Eltern gemietet hatten. Ich lag unter einer leichten Decke auf einem ausgeklappten Klappsofa und dachte über dies und das nach, als ich das typische zunehmende Summen hörte. Schnell verkroch ich mich unter die Decke, wo es sehr schnell sehr heiß wurde. Ich schlug sie zur Seite, und es summte wieder. Diesmal schwoll das Geräusch innerhalb kürzester Zeit an, setzte für eine Sekunde aus und begann wieder von vorn. Ich schlug wild um mich, bevor meine Hand nach dem Knopf der Stehlampe tastete.

Im Wohnzimmer der Ferienwohnung saßen Mücken an den Wänden, auf den von den Vermieterin selbst gestalteten Bildern („Espresso – hot and strong“), auf dem Flatscreen, auf den Ikea-Vorhängen. Selbst auf dem Klappsofa hatten es sich mindestens zwei bequem gemacht.

Zu Hause hätte ich jetzt den Staubsauger genommen, aber in der Ferienwohnung war keiner. Im Urlaub soll man sich entspannen und nicht etwa staubsaugen. Theoretisch ein gutes Konzept.

Ich zupfte mein Nachthemd zurecht und sah mich um. Keine Fliegenklatsche weit und breit, nur ein zerfledderter Tagesspiegel auf dem Tisch. Ich rollte die Zeitung zu einer Baseballkeule aus Papier, umfasste das untere Ende mit beiden Händen und holte aus.

Klatsch! Zwei auf einen Streich. Da! Schon wieder. Ich stieg auf einen Stuhl, von dort auf den Tisch. Klatsch! Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und hielt mich mit der freien Hand an der Lampe fest.

Mist. Ein Blutfleck entstellte die weiß verputzte Zimmerdecke. Ein Blutfleck, in dem haarfeine, verdrehte Mückenbeine klebten. Ich wischte mit einem nassen Glitzi-Schwamm über die Stelle. Jetzt war es kein kleiner dunkelroter Fleck mehr, sondern ein großer rosa Fleck. Ich fragte mich, ob das wohl mein Blut war und betrachtete den Glitzi-Schwamm, an dessen rauer Seite die Mückenbeine jetzt klebten.

Ich dachte, ein Blutfleck würde schon nicht auffallen, und machte weiter. Wenn es gut lief, fielen die Mücken einfach betäubt von der Wand. Lief es schlecht, gab es mehr Blutflecken.

Falls Quentin Tarantino noch in der Stadt sein sollte: Ich biete ihm hiermit die Werderaner Ferienwohnung als Kulisse für eine Baller-Szene an. Til Schweiger kommt rein und entsichert die Walther PKK. Alles echtes Blut an den Wänden. Die blutverschmierte Ausgabe des Tagesspiegel und der Glitzi-Schwamm mit den ausgerissenen Beinen würden sich als Requisiten anbieten – so wie ich mich als brutale, charismatische Komplizin. Als Soundtrack dazu käme John Lee Hooker mit „Boom Boom Boom“ infrage.

Ich dachte: Tarantino wäre ganz schön blöd, wenn er dieses Angebot ablehnen würde. Dann klatschte ich so lange weiter, bis meine Mutter in der Tür auftauchte, aufschrie und sich mit ausgebreiteten Armen schützend vor das „Espresso – hot and strong“-Bild stellte.

In diesem Augenblick begann es zu jucken. Ich schaute an mir herab: feine rote Punkte an allen Körperstellen, die nicht vom Nachthemd bedeckt waren.

Ich ließ die Papierkeule fallen und gab einem Juckreiz nach, der innerhalb kürzester Zeit anschwoll und trotz Fenistil, Zwiebelhälften und Spucke bis heute keine Sekunde aussetzte.

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