Die halbe Wahrheit : Northbound & Southbound

Von Esther Kogelboom

Bis jetzt habe ich noch keine vernünftige Methode entdeckt, wie man sich in einer großen Stadt wie dieser rasch fortbewegen kann. Erstaunlicherweise gibt es eine solche Methode nicht, wie auch für die meisten der wirklichen wichtigen Menschheitsprobleme bislang keine Lösung gefunden wurde. Ich kann das manchmal nicht glauben. Was macht so ein Erfinder eigentlich den ganzen Tag? Ich meine, bei Conrad Electronic verkaufen sie 50 verschiedene Nadeln für Plattenspieler, es gibt so hoch entwickelte Dinge wie papierdünne Laptops und MMS, aber der Mensch muss Tag für Tag auf Rolltreppen stehen, die in zugige Schächte hinabführen. Warum nur?

Wer in einer Stadt lebt, dessen Leben ist wie gelähmt, weil er permanent kurze Distanzen überwinden muss, für die er unverhältnismäßig viel Zeit braucht.

Deswegen wurden Spiderman und King Kong erfunden. Die Menschen träumen davon, mit einem Satz von einem Hausdach aufs nächste springen zu können. Ich bin dafür, dass die Erfinder ihre Kraft bündeln und 24 Stunden am Tag daran arbeiten, dass wir endlich fliegen lernen. Wenigstens Kurzstreckenflüge müssten doch machbar sein!

Diese etwas unfruchtbaren Gedanken machte ich mir an Bord des Docklands Light Railway, einer der ersten fahrerlosen Bahnen der Welt, die London City Central mit den neuen alten Docks und dem City Airport verbindet. Die Bahn blieb zwischen den Stationen „East India“ und „Canning Town“ auf freier Strecke stehen. Es war keiner da, der eine beruhigende oder entschuldigende Durchsage hätte machen können. Ich befand mich ja in einer der ersten fahrerlosen Bahnen der Welt.

Erst nach ein paar Minuten ging es ruckelig-surrend weiter, und während in Berlin ein Aufstand losgebrochen wäre, hielten die Londoner still, jeder für sich, die weißen iPod-Kabel hingen ihnen wie zu lange gekochte Glasnudeln aus den Ohren.

Die Chefs des Londoner Nahverkehrs haben eine ganz einfache Methode entwickelt, um die Fahrgäste vor dem Durchdrehen zu schützen: Sie ziehen mit ihren ahnungslosen Probanden ein strenges Fitnessprogramm durch – wer sich viel bewegt, regt sich nicht so schnell auf.

In diesem Sinne erschien auf der Anzeigetafel am Bahnsteig: „Next train to Morden Platform 4“. Dahinter eine blinkende „1“, was bedeutet, dass der nächste Zug bereits in einer Minute in Gleis 4 eintrifft. Ich klackerte unzählige schmale Stufen mit bronzefarbenem Metallbeschlag auf und ab, sprang auf eine vergleichsweise sehr schnell rollende Rolltreppe – Northbound? Southbound? – und traf mit den Seitenstichen einer untrainierten Sprinterin auf Gleis 4 ein. Dort meldete die Anzeigetafel: „Next train to Morden Platform 2“, dahinter eine blinkende „1“. Ich hetzte wieder zurück, erlebte mehrmals diese dem ungewohnten Linksverkehr geschuldeten Rempelsituationen, bei denen einem plötzlich ein stets in dieselbe Richtung ausweichender Fremder gegenübersteht – Sorry! Sorry! Excuse me! Pardon me! – und schnappte nach Luft. Der Vorgang wiederholte sich insgesamt vier- oder fünfmal. Die Chefs der Londoner Verkehrsbetriebe hatten sich eine hochmoderne Choreografie ausgedacht, ich fühlte mich ein bisschen wie ein Schauspieler in Elfriede Jelineks „Sportstück“. Wer will schon nach Morden?

Die Briten mit ihren Glasnudelkabeln absolvierten ihr tägliches Fitnessprogramm mit stoischer Gelassenheit. Wahrscheinlich, weil sie daran glauben, dass die U-Bahn-Rennerei nur der kollektive Anlauf ist für die große Stunde des Menschenflugwesens, die gewiss bald kommt.

Mehr über „Transport Problems“ schreibt Markus Hesselmann in seinem London-Blog auf tagesspiegel.de

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