Die halbe Wahrheit : Rutschen & Schnarchen

Null Euro plus Steuern und Gebühren. Um Weihnachten und Neujahr herum gibt es bei uns ein Party-Cluster. Fast alle Frauen in meiner Familie haben um diese Zeit Geburtstag – und ausgerechnet in der Saison 2008/09 gibt es viele runde Geburtstage mit unbedingter Präsenzpflicht.

Esther Kogelboom
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Ich bin also gerade dabei, die Billigflüge, die ich, mir selbstgefällig innerlich auf die Schulter klopfend, bereits Anfang Oktober gebucht habe, tapfer abzufliegen.

Und was heißt Billigflüge: Die drei Hin- und Rückflüge kosteten 0 Euro plus Steuern und Gebühren, wenn man online eincheckt und nur Handgepäck mitnimmt. Anfang Oktober war ich stolz auf meinen Geiz: Drei Hin- und Rückflüge machten zusammen 45 Euro.

Zuerst kam der Geburtstag von Tante Anneliese. In aller Herrgottsfrühe fuhr ich mit dem Zug nach Schönefeld. Es lief alles wie am Schnürchen, nur dass ich mein Geschenk, eine Flasche Rumpunsch, an der Sicherheitskontrolle abgeben musste. Dann wurde ich mit meinem Mitreisenden in einen hell erleuchteten Raum mit wenigen Sitzgelegenheiten getrieben, und nach einigen Minuten öffnete jemand mit Warnweste das Gatter. Ich fuhr die Ellenbogen aus und versuchte, als Erste aufs Rollfeld zu gelangen. Welche Schlange ist länger, am Vorder- oder Hintereingang der Maschine? Freie Platzwahl.

Eine knappe Stunde später kreisten wir über dem alten Militärflughafen in Westdeutschland. Mir schwante nichts Gutes, weil es offenbar sehr windig war. In meinem Kopf flackerten Szenen aus „Mogadischu“, und als das Kind neben mir seinen Vater fragte, wann es denn endlich über die schönen orangefarbenen Rutschen von der Sicherheitskarte hinausgleiten dürfe, meldete sich der Pilot und sagte mit starkem holländischen Akzent, er lande dann jetzt. Das Kind schluchzte laut, und der Vater sagte: „Ich bin schweißgebadet.“ Es wurde keine sanfte Landung.

Beim zweiten Flug zu Großtante Irmis und Tante Bettis Geburtstagen fragte eine Stewardess: „Ist ein Arzt oder eine Krankenschwester an Bord?“ Sofort lösten bestimmt 15 Mitreisende ihre Gurte und stürmten Richtung Cockpit. Alle wollten Helden sein. Zum Glück war niemand in Lebensgefahr. Nur einem älteren Herrn war schlecht geworden. Kein Wunder bei dem ruppigen Start, den der Pilot hingelegt hatte. Und da meldete er sich auch schon, mit gewohnt holländischem Akzent: „Auf die rechte Sheite shen Shie Hannover.“ Anschließend hielt mir ein Steward ein Rubbellos unter die Nase. Für nur zwei Euro hätte ich die Chance, Millionärin zu werden.

Am Tag vor Weihnachten rechnete ich mit dem Schlimmsten. Die Billigfluglinie hatte eine Mail geschickt, in der klein gedruckt stand, man dürfe keine verpackten Geschenke im Handgepäck transportieren. Ich befürchtete eine vorzeitige Massenbescherung an der Sicherheitskontrolle, aber nichts dergleichen passierte. Im Gegenteil: Die Männer an der Durchleuchtungsmaschine kamen offenbar gerade von einer Freundlichkeitsschulung und stellten mir eine Frage auf Russisch. Ich sagte, dass ich nichts verstehe, woraufhin mich der Mann in weiteren drei Sprachen bat, meinen Gürtel abzulegen.

Alles schien perfekt, ich hatte sogar Zeit, mir eine „Gala“ gegen die Angst vor dem holländischen Piloten zu kaufen. Immer, wenn ich vor irgendwas Angst habe, lese ich die „Gala“: „Exklusiv: Ricky Martin – Die süßen Zwillinge des Latin Lovers“. Und schon ertönte die inzwischen bereits vertraute Ansage meines Lieblingspiloten mit den üblichen Hinweisen auf Hannover, Flughöhe und Außentemperatur. Neben mir übertönte ein Mann mit seinem Schnarchen die Motoren, und ich wusste, bald würde ich wieder zu Hause sein. Aber auf dem Rückflug, schwor ich mir, werde ich ein Rubbellos kaufen.

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