Die halbe Wahrheit : Sandalen & Seltsamkeiten

Von Esther Kogelboom

Meine Freundin und ich sind ohne Strümpfe vollkommen andere Menschen: gut gelaunt und fröhlich. Es gibt nichts Schöneres, als nach einer unendlich langen Wintersaison Omas Selbstgestrickte einzumotten. Weg damit! Jetzt bricht die Sandalensaison an. Endlich.

Die Füße sind schon da, fehlen nur noch die Sandalen.

Auf meinem Erkundungsspaziergang durch das Berliner Sandalendreieck Alte Schönhauser / Münzstraße / Neue Schönhauser stieß ich auf einen Laden, an dem sich ein Interior Designer mal so richtig ausgetobt hatte: An einer Wand stapelten sich Holzscheite, daneben stand ein Bollerofen, der trotz der verhältnismäßig tropischen Temperaturen seiner Bestimmung nachkam, sprich bollerte. Daneben saß ein Schlaks in Trainingsjacke und rosa Stonewashed-Jeans und las Zeitung.

Als ich den Laden betrat, sprang er auf, verlagerte sein Fliegengewicht von einem Pink-Panther-Beinchen auf das andere, zupfte nervös an seinem Kinnbärtchen und äußerte mit flatternder Stimme einen relativ verhaltenen Willkommensgruß, den ich freundlich erwiderte.

Längst hatte ich die wunderschönen Ledersandalen im Schaufenster erspäht. Ich durfte sie anprobieren und fragte den Schlaks nach seiner Meinung.

Da flatterte sein Oberkörper wie ein frisch gewaschenes Bettlaken im Wind. Auf der Stirn und an den Schläfen des Schlakses vermehrten sich glitzernde Schweißtropfen. „Ja“, sagte er und starrte mit leerem Blick auf die Holzscheite an der Wand, „ganz gut.“

Um den qualvollen Dialog abzukürzen, löste ich die kleinen goldenen Schnallen, so schnell es ging, und schlüpfte aus den Sandalen. Ich deutete vorsichtig an, dass mir die Schuhe gefielen und ich sie gerne kaufen würde. Dem Schlaks entgleiste das Gesicht, als sei eine Herde Schafe hineingaloppiert. Bestürzt fasste er sich an den Kopf. Er schien mit aller Kraft um Fassung zu ringen, schließlich presste er hervor: „Hast du so 40 Euro passend?“

Ich beeilte mich, zwei 20-Euro-Scheine auf den Designertresen zu legen. Bevor ich über den überraschend günstigen Preis nachdenken konnte, zog mich die nächste Aktion des vor Angst zitternden Schlakses in ihren Bann: Er wühlte unter Einsatz seines ganzen Körpers in einer Schublade, um nach geraumer Zeit einen altmodischen Quittungsblock von „Zweckform“ hervorzuziehen.

Dann suchte und fand er einen Kugelschreiber, der jedoch derart ausgetrocknet war, dass er auf dem Papier Druckstellen hinterließ, wo Schrift sein sollte. Der Schlaks durchwühlte eine weitere Schublade. Ich betete, dass er erfolgreich sein würde.

Der Ofen bollerte. Bumm!

Ich fragte mich, ob ich etwas falsch gemacht hatte. War ich Teil einer Installation geworden? War ich Opfer einer neuen Show von Hape Kerkeling?

Jetzt begann der Schlaks, das Quittungsformular mit Kinderschönschrift auszufüllen. Für das Vogel-V von „Vierzig“ gab er sich besonders große Mühe. Weil er so feuchte Hände hatte, rutschte ihm der Stift aus der Faust. Beim Abreißen des dünnen Zettels riss er ihn ungeschickt in der Mitte durch.

In dieser Stadt gibt es viele seltsame Menschen, aber dieser gehörte zur Gruppe der Allerseltsamstem.

Ich musste ihn einfach fragen, was denn los sei.

Augenblicklich schien er sich eine winzige Nuance zu entspannen. „Mein Freund hat mich gebeten, nur mal schnell auf den Laden aufzupassen“, sagte er und schaute mich zum ersten Mal an.

Ich machte, dass ich wegkam. So schnell würde ich nie wieder an Sandalen für 40 Euro kommen.

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