Die halbe Wahrheit : Stoßlüften & dauerlüften

Von Esther Kogelboom

Anspruch und Wirklichkeit, dazwischen liegen manchmal Welten, Galaxien, Universen. Neulich schlug ich mich durch einen peitschenden Regensturm am Roten Rathaus vorbei bis zur Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte. Im Warteraum dampften weiße Wolken aus meiner Jeans, wirklich! Und aus den Haarspitzen tropfte der Regen auf die Papiere und wischte die Buchstaben zu Tintenklecksen.

Teil des Mietvertrags war auch eine Anlage mit dem Titel „Richtig lüften und heizen“. Ich begann zu lesen: „Alle, auch wenig benutzte Räume sollten Sie regelmäßig mindestens viermal am Tag lüften.“

Ich stutzte. Zum einen: wenig benutzte Räume? Nun, da denkt die WBM sicher an den Gästetrakt im Ostflügel oder an die Garage. Dann: Viermal am Tag? Ich würde meinen Beruf aufgeben müssen oder einen günstigen Luft-Sitter aus Moldawien engagieren. Vielleicht gibt es einen bei myhammer.de! Weiter hieß es: „Dazu alle Fenster gleichzeitig ganz öffnen (Querlüftung, Durchzug), damit sich der Luftaustausch schnell vollzieht.“

Ich warf einen sorgenvollen Blick nach draußen, wo Neptun zufrieden in seinem Brunnen zu baden schien. Orkanartige Böen umtosten ihn, die Gräten der billigen Regenschirme zersplitterten, aber die besseren wirkten ebenfalls schon ziemlich mitgenommen.

„Dies gilt auch, wenn es regnet oder kalt ist“, stand auf der Anlage ausdrücklich weiter geschrieben. Bei der WBM kennen sie keine Gnade.

Ich war immer gegen die Stoßlüftung. Durchzug ist das Allerschlimmste, da werde ich so schnell krank, dass man mir dabei zusehen kann, und außerdem knallen die Türen. Der Vorteil wäre natürlich: Wenn ich erst die Grippe habe, muss ich zu Hause bleiben, könnte also dem Luft-Sitter aus Moldawien frei geben, ohne weiteres selbst viermal am Tag stoßlüften und so den Klimawandel in der Wohnung herbeiführen. Na ja, ich bin eben eher eine Dauerlüfterin: Fenster auf Kipp. Der Luft-Sitter hätte unterdessen die Möglichkeit, beim Goethe-Institut einen Sprachkurs zu machen. Das muss man auch mal bedenken. Nicht immer nur Klima, Klima, Klima.

Ich spürte, wie sich unter meinen Augen schwarze Tümpel aus wasserfester Wimperntusche bildeten.

Der Grund für den scharfen Lüftungsbefehl der WBM ist natürlich weniger die Sorge um das Klima als drohender Schimmelbefall der Wände als Konsequenz von zu großer Feuchtigkeit. Deswegen rät sie ferner, Wäsche nicht innerhalb der Wohnung zu trocknen.

Mit verschwommenem Blick starrte ich auf meine Wartenummer, die auf dem Tischchen vor mir lag: 905. Meine Jeans war inzwischen an den Knien fast trocken, schien es. Es roch nach nassem Hund, aber es war weit und breit kein nasser Hund in Sichtweite.

Vielleicht werde ich künftig nie wieder trockene Wäsche haben. Mit nassen Klamotten sah ich mich bereits zitternd und bibbernd im eiskalten Durchzug sitzen. So viele Grippen kann ein einzelner Mensch gar nicht verkraften.

Eine andere Möglichkeit wäre natürlich, einfach immer neue Anziehsachen zu kaufen, damit man erst gar keine Wäsche waschen muss. Deswegen gibt es wahrscheinlich in Mitte so viele tolle Geschäfte. Weil die WBM den Bürgerinnen und Bürgern von Mitte vom Wäschetrocknen abrät beziehungsweise die Anschaffung eines Wäschetrockners ans Herz legt.

Knister, knarz. Eine Durchsage erklang: „Die Neunhundertfünf in die Vierhundertdreizehn bitte, die Neunhundertfünf.“

Ich betrat den Raum und sagte eine schlappe Grußformel auf.

„Meine Güte“, bemerkte die Frau von der WBM und lächelte, „Sie sind aber ganz schön durch den Wind.“

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