Die halbe Wahrheit : Streifenhörnchen & Gynäkologen

Von Esther Kogelboom

Ich habe unglaubliche Angst davor, eines Tages mit einer Streifenhörnchenfrisur aufzuwachen. Das ist nämlich gerade der beliebteste Style unter den Friseurinnen. Und was Friseurinnen gut finden, versuchen sie ja, größtenteils auf Kundenköpfe zu übertragen.

Ich habe leider keine Erklärung dafür, warum die Billig-Haarstudios der Stadt gerade voller Streifenhörnchenfrisuren sind, aber ich kann dafür beschreiben, wie die aussehen: Nehmen wir als Beispiel das monochrom blauschwarz gefärbte Deckhaar, eine Grundvoraussetzung für die Streifenhörnchenfrisur. Nicht dass Blauschwarz nicht sowieso eine schwierige Farbe wäre, weil sie auch den gesündesten Teint erstrahlen lässt wie ein Stückchen Gorgonzola in der Innenraumbeleuchtung des Kühlschranks, nein, jenes Blauschwarz wird zu meinem großen Verdruss zusätzlich durch weißblonde Blocksträhnen in Ponyhöhe kontrastiert.

Ganz wichtig ist offenbar, dass keinesfalls das komplette Haar „durchgesträhnt“ wird, sondern eben nur ein kleiner Teil desselben. Zwei, drei breite Streifen, alles ein paarmal aggressiv über die Rundbürste geföhnt/gezerrt – und fertig.

Die Suche nach einer guten Friseurin ohne Streifenhörnchenfrisur gleicht auf fatale Weise der Suche nach einem guten Gynäkologen. Neu ist, dass man sowohl beim Frauenarzt als auch beim Friseur einen Anamnesebogen ausfüllen muss: Hätten Sie gerne a) mehr Glanz, b) mehr Volumen oder c) den aktuellen Streifenhörnchenstyle? Hätten Sie gerne a) die Pille, b) eine rostige Spirale oder c) ein neuartiges Hormonstäbchen, dessen Langzeitfolgen noch unerforscht sind? Beantworten Sie die Fragen bitte gewissenhaft.

Es gibt Gynäkologen, die sind wirklich seltsam. Da wären unter anderem diejenigen zu nennen, die neben dem üblichen Programm auch Bauchstraffungen und Botoxspritzen anbieten. Ein lukrativer Kreislauf: Erst neun Monate Schwangerschaftsbegleitung, beim Kaiserschnitt schnell die Bauchdecke mitstraffen und etwas Botox in das Babygesicht, damit es auf den ersten Fotos nicht so zerknautscht aussieht! Doch die Botoxgynäkologen sind wahrscheinlich weniger schlimm als die, die bereits auf ihrer Homepage ankündigen, jedes Zipperlein ausschließlich mit „stichfestem“ Biojoghurt heilen zu wollen.

Meine Freundin berichtete bei einem großen Glas Pfefferminztee mit Honig von einem besonders krassen Arzt: „Herr Dr. hat mir am Rechner Fotos seines verbeulten Mini-Vans gezeigt.“ Nur ein paar Sekunden sei der Herr Dr. während der Fahrt eingenickt und schon sei er in einen brandenburgischen Graben gerutscht, erzählte sie mit ungläubig geweiteten Augen. Ein kurzer Blick in ihre Krankenakte habe ihn zu einem hämischen Kommentar über ihre „biologische Uhr“ veranlasst. Sex hieß bei ihm „Verkehr“. Anschließend habe er ihr die ersten Sätze von „Der kleine Prinz“ als Hörbuch vorspielen wollen.

„Aber da habe ich die Flucht ergriffen. Dummerweise rannte ich direkt in die Arme der Fußnagel-Sprechstundenhilfe. Und ich sage dir, das ist Wahnsinn: Der Typ hat eine Sprechstundenhilfe, die auch im Januar barfuß in Adiletten herumschlurft! Jeder, der will, kann einen Blick auf ihre Fußnägel erhaschen. Die sehen aus, als würde sie mit den Füßen filterlose Marlboro rauchen! Außerdem ist ihre ballonseidene Hose so kurz, dass man ohne weiteres die trockene Haut an ihren Schienbeinen erkennen kann.“

„Und dann?“, wollte ich wissen.

„Nichts. Zehn Euro Praxisgebühr für nichts und wieder nichts.“

Sie nahm einen Schluck Pfefferminztee und wirkte resigniert, während ich still für mich über die Frisur der Sprechstundenhelferin spekulierte.

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