Die halbe Wahrheit : Suche das Glück nicht mit dem Fernrohr!

Esther Kogelboom

Was bedeutet eigentlich Gemütlichkeit? Ich finde, gemütlich ist der Übergang von der Kälte in die Wärme, wenn man langsam auftaut, die vormals abgestorbenen Füße und Hände zu kribbeln beginnen, der Kiefer beim Auftauen zu knistern scheint und langsam wieder beweglich wird.

Insofern ist Island ein sehr gemütliches Land. Nirgendwo sonst ist der Übergang von draußen nach drinnen so schön. Hier kann man bereits im Juni halbgefrorenen Atemwölkchen nachsehen, mit der Fingerspitze Herzen auf beschlagene Fenster zeichnen und im Café heißen Gewürztee genießen.

Man muss das alles natürlich mögen. Man muss sich mit einer Wollmütze auf dem Kopf und festem Schuhwerk an den Füßen gefallen, das ist eine wesentliche Voraussetzung.

Die Isländer haben ein Sprichwort, es heißt: Suche das Glück nicht mit dem Fernrohr.

Das bedeutet wahrscheinlich, dass man das Glück ohne ein Fernrohr suchen soll, was bedingt, dass sich die Glücksportion eines jeden bereits in dessen unmittelbarer Nähe aufhält. Und es heißt, dass man die individuell verträgliche Glücksportion schnell übersieht, wenn man das ganz große, grenzenlose Glück sucht. Dieses Sprichwort hat nur am Rande mit Astrophysik zu tun. Eigentlich ist es ein kurzes Plädoyer für mehr Bescheidenheit und größere Gelassenheit.

Mit dieser demütigen Einstellung habe ich mir am Mývatn-See blubbernde Erde im Schwefeldampf angesehen. Es war mehr eine hellgraue, flexible Masse, die von einer gewaltigen Kraft aus dem Inneren an die Oberfläche der Erde geschleudert wurde. Auf meinem Reisenotizblock steht, geschrieben in meiner vor Kälte zittrigen Handschrift: „Wie weiße Wandfarbe, in die Asche gefallen ist, die Konsistenz irgendwie sahnig-weich, eine kochende Milchsuppe mit Püriertem vom alten Stein.“

(Kann sein, dass mir der Schwefeldampf das Gehirn etwas vernebelt hat. Der Dampf, der auf Fotos spektakulär aussieht, ist in der freien Natur etwas weniger romantisch. Machen wir uns nichts vor: Er riecht kräftig nach faulen Eiern.)

Das Innere der Erde fand ich schon immer recht interessant. Früher nahm ich an, es sehe so aus wie das Innere eines Apfels und habe eine Art Kerngehäuse. Das war, bevor ich mit den anderen Kindern in den Schacht des Bergbaumuseums in Bochum fahren musste. Von da an glaubte ich, wir leben alle auf einer dünnen Brotkruste und darunter liegt ein unfassbar großes Reich mit unerschöpflichen Steinkohlevorräten, für die man gar nicht mal besonders tief graben muss. Und wenn man doch mal tief gräbt, können uns die Kängurus aus Australien zusammen mit einheimischen Maulwürfen durch den Tunnel besuchen kommen.

Es ist unmöglich, sich in Island nicht daran zu erinnern, dass es im Inneren der Erde heiß ist. Man kommt sich neben sprotzelnden Geysiren und angefahrenen versteinerten Lavaformationen vor wie ein hilfloses Tier ohne schützendes Fell, das auf einem hochexplosivem Dampfkessel spazieren geht und sich Sorgen um die falschen Sachen macht.

Wer aus Island heimreist, fährt mit der aufgefrischten Gewissheit, dass einem sowieso jeden Moment alles um die Ohren fliegen könnte, von mir aus sogar Elfen und andere humanoide Insekten.

Aber vorher, dachte ich, mache ich es mir noch schnell mit einem heißen Gewürztee und etwas Trockenfisch auf dem Sofa gemütlich. Glück auf!

Unsere Kolumnistin, 32, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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