Die halbe Wahrheit : Think global, act local!

Von Esther Kogelboom

Ich werde gerade zum Öko, genauer gesagt zum Öko aus Faulheit. Das ruiniert mich nicht nur finanziell, sondern auch mental. Es dauert nämlich nicht mehr lange, und ich kann richtig mitreden. Wenn ich nicht aufpasse, weiß ich bald, welches Obst wann Saison hat.

Schuld daran ist der Bioladen, neben dem ich wohne. Der erzieht mich schleichend zum aufgeklärten Verbraucher. Die netten Verkäuferinnen wissen ja nicht, dass ich nur aus Bequemlichkeit komme. Aber der Kopfsalat und die Tomaten schmecken wirklich viel besser. Doch leider gehen mir diese uncoolen Markennamen auf die Nerven, die man offenbar mitbezahlen muss. Der Fruchtaufstrich wird von der Firma „Zwergenwiese“ angerührt. Der Kreuzkümmel der Firma „Sonnentor“ heißt nicht etwa „Kreuzkümmel“, sondern „Mutterkümmel“. Auf der Packung heißt es: „Sie (unsere Produkte) sind ein Gruß der Menschen, die jedem einzelnen alle Liebe und Sorgfalt angedeihen ließen.“ Welche Menschen? Schon klar, wenn man Bioprodukte kauft, kriegt man die volle Packung Liebe und Geborgenheit gleich mit.

Auch komisch ist der Tee, der einem unterstellt, dass man ein Problem hat. Die Firma „Golden Temple Natural Products“ nimmt an, dass man Gewürztees nur dann trinkt, wenn man irgendwo ein Defizit verspürt. Mir steht der Sinn schlicht nach einem kräftigen Gewürztee – aber auf der Packung spricht ein Typ namens Yogi Bhajan: „Wenn wir Gott nicht in allem sehen können, können wir ihn gar nicht sehen.“ Ferner heißt es: „Intuition muss geschult werden und ist doch ein Segen.“

Ach ja, der Tee trägt den Namen „Klarer-Geist-Tee“.

Mein Geist ist inzwischen klar wie Kloßbrühe. Deswegen habe ich mir auch die Kundenkarte des Bioladens besorgt, damit Yogi Bhajan über jeden einzelnen Granatapfel Protokoll führen kann, den ich für 7,99 Euro kaufe. Ein zufriedenes Lächeln wird über sein Gesicht huschen, wenn ich wieder einmal nicht am „Dr. Hauschka“-Display vorbeigehen kann. Das „Dr. Hauschka“-Regal ist im Bioladen nicht ohne Grund dort aufgebaut, wo in normalen Supermärkten die Flachmänner stehen – als Teaser in unmittelbarer Kassennähe.

Gestern habe ich im Bioladen einen Mann an der Käsetheke beobachtet. Sein gutes, bezirkstypisches Aussehen (Prenzlauer-Berg-Brille, Prenzlauer-Berg-Architektenschal mit Fischgrätmuster) benutzte er, um mit der rotwangigen Verkäuferin zu flirten. Er verlangte, dass sie ihm „ein mikroskopisch kleines, fast schon nicht mehr existierendes Stückchen Parmesankäse“ abwiegt. Die Frau tat, wie ihr geheißen. Der Mann nahm das in Papier eingewickelte Nichts an sich, warf einen prüfenden Blick auf den Preis und sagte: „Wahnsinn, das sind immer noch 1,80 Euro!“

Er ist nur einer von vielen attraktiven neurotischen Singles, die in meinem Bioladen einkaufen. Erstaunlich, dass sie als Zielgruppe noch nicht von den Textern der Biowarenetiketten entdeckt worden sind. Warum spricht Yogi Bhajan nicht von der Teepackung zu denen: „Think global, act local! Wenn wir weiter von Penelope Cruz träumen, verschließt sich unser Blick für die süße Brünette von nebenan.“

Wenn man einmal damit angefangen hat, im Bioladen zu kaufen, kann man so schnell nicht damit aufhören. Es ist wie eine Sucht. Ich überlege ernsthaft, wieder in eine Gegend zu ziehen, in der ein „Plus“ in Laufweite liegt. Dort heißen die Biosachen wenigstens einfach nur „Bio-Bio“.

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