Die halbe Wahrheit : Urgroßonkel Tei und das Küchenbuffet

Esther Kogelboom
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Meine Eltern haben sich getrennt, und ich weiß gar nicht, wie ich damit um gehen soll. Das alte Küchenbuffet von Urgroßonkel Wilhelm selig kommt jetzt zu mir, sie wollen es nicht mehr sehen. Es störe die funktionale Schlichtheit der neuen weiß lackierten Schrankwand, erklären sie am Telefon. „Obwohl – Schrankwand ist nicht das richtige Wort.“

Wenn Eltern moderner sind als Kinder, dann stimmt irgendwas nicht. Aber ich muss halt immer an Urgroßonkel Tei denken und werde sentimental.

Als Tei in den Ersten Weltkrieg zog, war er erst 18 und heiß verliebt in seine Freundin. Für die hatte er in der Werkstatt seines Vaters vorher noch schnell ein crazy Küchenbuffet mit allen möglichen Geheimfächern geschreinert. Tei glaubte bestimmt fest daran, dass er es aus dem Krieg wieder nach Hause schaffen und heiraten würde, aber er starb, glaubt meine Oma, am Pellegrino-Pass. Seiner Freundin blieb nur der Schrank, den meine Eltern in den 70er Jahren vom Dachboden retteten und auf arbeiten ließen.

In dem Zimmer, in dem das Buffet einst stand, herrschte immer eine besondere Stimmung, weil nur an Feiertagen dort gegessen wurde. Und es gab die Süßigkeitenschublade voller Bitterschokolade

Bis vor kurzem verwahrten meine Eltern ihre winzige Hausbar in einem der Geheimfächer: eine Flasche Chantré und eine klebrige Flasche Cassis-Likör aus Frankreich. Als Kind genehmigte ich mir ab und zu heimlich einen kräftigen Schluck Likör, zum Beispiel, nachdem meine vermeintlich beste Freundin ihre Kommentare mit rosa Lackstift in mein Tagebuch geschrieben hatte oder ich mit Pauken und Trompeten durch die Fahrprüfung gefallen war.

Außerdem stapelte sich das „gute“ Geschirr darin, mit Suppentopf und allen Schikanen, sowie eine beacht liche Korkenziehersammlung.

Das Küchenbuffet steckt voller Familienerinnerungen, und bald schon zieht es bei mir ein, weil meine Eltern an einem frostigen Wochenende mithilfe von zwei kleineren Presslufthämmern die Wand herausgebrochen haben, vor der es 35 lange Jahre stand. Als ich mich darüber beschwerte, sprach mein Vater eiskalt: „Glaub bloß nicht, dass wir hier ein Heimatmuseum für dich einrichten.“

Ich weiß zwar nicht, was Urgroßonkel Tei dazu gesagt hätte, aber ich wollte mehr über sein Schicksal herausfinden und recherchierte beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge – leider ohne Ergebnis. Unmittelbar nach der Recherche schickte mir die Kriegsgräberfürsorge einen Überweisungsträger zu. Ich sollte bitte großzügig spenden, für die Gräber der toten deutschen Soldaten aus beiden Weltkriegen.

Seitdem glüht in mir das schlechte Gewissen, weil ich der Kriegsgräberfürsorge kein Geld überwiesen habe. Jedes Mal, wenn ich im Spätverkauf unnütze Dinge wie Sechserträger und Salzstangen kaufe, denke ich an die Kriegsgräberfürsorge. Sollte ich nicht endlich spenden? Ist es nicht unmoralisch, sich diebisch über Urgroßonkel Teis Küchenbuffet zu freuen, aber keinen Cent übrig zu haben für die Entmoosung des Denkmals für den unbekannten Soldaten?

Andererseits: Wer pflegt eigentlich die Gräber derer, die mein entfernter Verwandter vermutlich erschossen hat?

Meine Oma hat mir neulich die Postkarten gezeigt, die Urgroßonkel Tei aus dem Ersten Weltkrieg mit der Feldpost an seine Freundin geschickt hat. Fest steht, dass er mikroskopisch klein Sütterlin schreiben konnte, so verschnörkelt wie die Schnitzereien am Buffet, und an der Front musste es viel geregnet haben. Es war eine Art Starschnitt – wenn man alle Postkarten zusammenlegte, ergaben sie eine Landschschaft mit vielen Soldaten darin. Der letzte Teil fehlte.

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