Die halbe Wahrheit : Wir sind im Urlaub und nicht auf der Flucht!

Von Esther Kogelboom

Während ich diese Zeilen schreibe, schaue ich über den Rand meines Laptops auf einen exakt 2875 Meter hohen Berg, den Sasso Putia, zu Deutsch: Peitlerkofel. Man könnte sagen, dass der Sasso Putia schuld ist an meiner derzeitigen Unbeweglichkeit. Gestern habe ich ihn bezwungen, so sagt man wohl. Die Wahrheit ist: Der Sasso Putia hat mich bezwungen, dieser mausgraue Gigant aus Gestein, und gnädigerweise mit einer Platzwunde am Bein und einem Muskelkater erster Güte wieder losgelassen.

(Meine Freundin, die mich beim Grappa zur Besteigung des Sasso Putia überredet hatte, leidet gerade unter einem Sonnenstich, weil sie sich geweigert hatte, eine unmoderne Kopfbedeckung zu tragen. Ich möchte an dieser Stelle einmal festhalten, dass am Berg, vor allem am Sasso Putia, jegliche Art von Kopfbedeckung akzeptabel ist.)

Für mich bedeutet Urlaub: herumliegen, nichts tun, meine alte „Bunte“ lesen. Diese Auffassung teilt eigentlich auch meine Freundin, die bereits bei der Anreise klargestellt hatte: „Wir sind im Urlaub und nicht auf der Flucht.“ Doch nachdem wir uns tief in die eisigen Gletscherspalten von Seehofers Psyche abgeseilt hatten, um dort mehrere Spinatknödel und Kaiserschmarrn zu verspeisen, verspürten wir das an sich vollkommen natürliche Bedürfnis, uns auch in echt zu bewegen. Außerdem wohnen in unserer Schutzhütte (2004 Meter über dem Meer) ein paar ältere Badener, die herumrennen wie junge Gämsen. Die Badener haben alles dabei, was man braucht: ausfahrbare Wanderstöcke aus Titan, atmungsaktive Unterhemden gegen Wanderschweiß, die hippesten Trekkingboots und die durchblutungsfördernde Arnika-Salbe. Denen wollten wir beweisen, dass man auch in Jeans und Pullover hochalpin werden kann. Früher kannten die Leute auch keine Fleecewesten, gell?

Nachdem wir etwa vier Stunden gelaufen waren, erst durch wunderschöne Nadelwälder, vorbei an glitzernden Bergflüssen und duftenden Kräuterwiesen, erreichten wir die Forc Putia, zu Deutsch: Peitlerscharte. Von hier aus sollten wir in einer Stunde den Gipfel erklimmen, also quälten wir uns weiter steil bergauf. Das, was zuerst ein Weg gewesen war, versickerte in einem Geröllfeld, das Geröllfeld wurde zu einer Felswand, die im Prinzip senkrecht vor uns stand. Vereinzelte Wanderer kamen uns entgegen, die meisten von ihnen sicherten sich mit Karabinerhaken an dem in die Felswand gebohrten Drahtseil.

„Ich will hier hoch“, sagte meine Freundin und wischte sich mit dem Ärmel ihrer Strickjacke über ihre laufende Nase. Ich nickte und kletterte einem satten Himmelblau entgegen. Links und rechts tat sich der Abgrund auf. Ich versuchte, konzentriert zu atmen. Genau in dem Moment, als ich merkte, dass es für mich nicht mehr weiterging – ich klammerte mich wie ein rheumatischer Schimpanse auf einem Stück Stein fest, meine Freundin war außer Sichtweite, vor mir ein massiver Überhang – erschien einer der badischen Köpfe über dem Felsvorsprung: „Ja, grüaß di! Willsch, dass i a Räuberleiterle mache, dua?“ Ich willigte ein, er stieg ab, ich setzte einen kräftigen Schritt auf seine verschränkten Finger, fühlte einen glühenden Schmerz in meinem rechten Bein und zog mich mit letzter Kraft zum Gipfel, wo meine Freundin mit einem Stück Speck auf mich wartete.

Der letzte Eintrag im Gipfelbuch vor unserem war: „Hier droben ist jedermann Gott ein kleines Stückerl näher.“ Seit gestern glaube ich, wenn es einen Gott gibt, wohnt der im Tal und kommt vielleicht aus Baden-Baden.

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