Zeitung Heute : Die halbe Welt im Fluss

Die Chinesen nennen sie „das große Wasser“ – die Flut bedroht auch Asien

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Von Harald Maass, Peking

Über eine Mauer aus Sandsäcken blicken die Bauern im Dorf Qingtan auf das erdbraune Wasser. Sie schauen auf den Dongting, Chinas zweitgrößten See, der so groß ist wie Luxemburg und dessen Uferdämme nach tagelangem Regen brechen könnten. Familien packen ihren Hausrat in Plastikplanen. Nur noch ein paar Zentimeter fehlen bis zur Kante des Dammes – läuft er über oder bricht, sind die Häuser und Felder von zehn Millionen Menschen in der Südprovinz Hunan vom Wasser bedroht. „Der Deich ist unsere Lebensversicherung“, sagt der lokale Parteisekretär Feng Zhengliang. Der Monsun mit seinen Überschwemmungen kam in diesem Sommer früher als sonst, 1000 Menschen kamen bis jetzt ums Leben.

China hat seine jährliche Naturkatastrophe, am Dongting-Damm entscheidet sich, wie groß sie wird. Der See ist das wichtigste Überlaufbecken für den Jangtse-Strom, den drittgrößten Fluss der Erde. Zuletzt sind die Dämme hier 1998 gebrochen. 4000 Menschen kamen damals ums Leben. Seit Juni seien 100 Millionen Chinesen von Fluten betroffen gewesen, berichtet die Regierung. In der Südprovinz Yunnan starben Anfang der Woche 55 Menschen bei einem Erdrutsch. In Guangdong tötete der Tropensturm „Vongfong“ acht Menschen. Ähnlich sieht es im Osten und in Zentralchina aus. Bei jedem neuem Gewitter und jedem Sturm sterben Männer, Frauen und Kinder.

Doch von einer Katastrophe spricht hier, ganz anders als in Deutschland, noch keiner. Den staatlichen Zeitungen und Fernsehnachrichten Chinas sind die Überschwemmungen bisher nur kurze Meldungen wert. Hochwasser sind hier normal. Schon immer leiden die Bauern unter den jährlichen Überschwemmungen. „Hong Shui“ – „Das große Wasser“ – nennen die Menschen am Jangtse die immer wiederkehrende Flut. Jeden Sommer, wenn die Regenzeit beginnt, brechen die Flüsse über die Ufer. Das Wasser reißt die Ernte, die Häuser und manchmal ganze Dörfer mit sich.

Haustüren statt Sandsäcke

Die Bäuerin Yi Yanghua kann an der Wand in ihrem Wohnzimmer die Wasserränder der letzten Überschwemmungen zeigen. 1996 stieg das schlammige Wasser des Dongting-Sees auf Brusthöhe. In den Häusern schwammen die Holzmöbel. Zwei Jahre später stieg das Wasser erneut, diesmal bis an das Kinn der Bäuerin. „Einige Familien benutzten damals ihre Haustür, um die Löcher im Deich zu stopfen“, erzählt Yi Yanghua.

Diesmal könnte es noch schlimmer werden, warnen die lokalen Kader. Weil der Dongting-See die angrenzende Stadt Yueyang mit 600000 Menschen überschwemmen könnte, rief die Provinzregierung am Mittwoch den Notstand aus.

Die jährlich wiederkehrende Katastrophe ist zum Teil hausgemacht. Im Wirtschaftsboom der vergangenen Jahrzehnte wurden in China viele Schutzwälder abgeholzt, Sümpfe trocken gelegt und natürliche Feuchtgebiete zugeschüttet, um Platz für Wohnhäuser und Fabriken zu machen. Weil immer mehr Bauern immer mehr Land brauchten, wurden die Überschwemmungsgebiete entlang der Flüsse besiedelt. Für Großprojekte wie den Drei-Schluchten-Staudamm am Jangtse wurden die Flussufer mit Beton befestigt und der Lauf begradigt. Die Folge ist, dass es für die Wassermassen keine natürlichen Auffangbecken mehr gibt. Schon bei vergleichsweise geringen Regenmengen drohen die Deiche zu brechen.

Den Opfern helfen weder Versicherungen noch staatliche Wiederaufbauhilfen. China ist zu arm, um den Überschwemmungsopfern zu helfen. Das Rote Kreuz und die lokalen Behörden liefern, wenn überhaupt, nur Zelte. In Hunan leben die Flutopfer in primitiven Baracken auf den Deichen. Unter Plastikplanen sitzen sie auf den Habseligkeiten, die sie retten konnten. Szenen, wie sie sich jetzt auch in Indien, Bangladesch, Kambodscha und Laos abspielen; in Thailand läuft der Mekong über, in Vietnams Hauptstadt Hanoi der Rote Fluss. Und in Deutschland die Elbe.

Sie sitzen auf den Deichen und warten darauf, dass der Regen aufhört und das Wasser zurückgeht. Dann werden sie sich aus ein paar Ziegelsteinen neue Hütten bauen, auf den Feldern eine neue Saat ausstreuen und hoffen, dass es nächstes Jahr weniger regnet.

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