Zeitung Heute : Die Hallig ruft

Freiwilligendienste sind für viele eine Alternative nach dem Schulabschluss

Aliki Nassoufis[dpa]

Kindern im Verein das Fußballspielen beibringen, alten Menschen aus der Zeitung vorlesen oder im Naturpark Nistkästen aufhängen: Wer nach dem Schulabschluss nicht gleich mit einer Ausbildung oder einem Studium loslegen will, für den könnte ein Freiwilliges Soziales oder ein Freiwilliges Ökologisches Jahr eine Alternative sein. Gut 30 000 junge Leute im Alter zwischen 16 und 27 nutzen pro Jahr diese Chance, neue Arbeitsfelder kennen zu lernen und sich sozial zu engagieren. Wer diesen Herbst anfangen will, muss sich allerdings beeilen: Bis April müssen die Bewerbungsunterlagen abgegeben werden.

„So ein Jahr hat viele Vorteile“, ist sich Uwe Slüter, Sprecher des Bundesarbeitskreises Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in Düsseldorf, sicher. „Man kann sich nach der Schule neu orientieren und sich in einem Berufsfeld ausprobieren, bevor es ernst wird.“

Die 19-jährige Lena aus Königsbrück in Sachsen hat genau ds getan: „Ich wollte nach dem Abi nicht sofort anfangen zu studieren.“ Stattdessen wollte sie wissen, ob eine Arbeit im sozialen Bereich etwas für sie sein könnte. Das FSJ in einem Epilepsiezentrum der Diakonie in der Nähe von Dresden machte Lena dann so viel Spaß, dass sie sich nun sicher ist: Sie will Sozialpädagogik studieren.

„Diese Zeit ist für viele auch privat sehr wichtig, weil man häufig von zu Hause auszieht, sein Leben alleine organisiert und dadurch selbstständiger wird“, sagt Jochen Frey, pädagogischer Leiter des Freiwilligen Ökologischen Jahres (FÖJ) in Rheinland-Pfalz in Mainz. Zudem sei die Berufserfahrung, die sich während der zwölf Monate sammeln lässt, bei späteren Arbeitgebern gern gesehen. „Die Leute haben immerhin ein Jahr lang in einem Betrieb gearbeitet und kennen sich daher mit bestimmten Abläufen und Strukturen aus, die ihnen auch in einer anderen Stelle wieder nützlich sein können.“

Welchen Schulabschluss ein Interessent in der Tasche hat, ist beim FSJ ebenso wie beim FÖJ egal: Beide stehen nicht nur Abiturienten offen, sondern auch Haupt- und Realschülern. Und auch wer schon eine Ausbildung hinter sich hat, kann sich bewerben. Voraussetzung ist lediglich, dass die Schulpflicht erfüllt wurde und der Bewerber nicht älter als 27 Jahre ist.

Seit einigen Jahren sind die beiden Angebote auch Alternativen für potenzielle „Zivis“. Denn laut dem Bundesfamilienministerium in Berlin können anerkannte Kriegsdienstverweigerer anstelle ihres Zivildienstes einen zwölfmonatigen Freiwilligendienst absolvieren. Die Folge davon: Waren zuvor knapp 80 Prozent der Teilnehmer Mädchen und junge Frauen, steigt nun der Anteil der Jungen kontinuierlich. Wer Interesse an einem FSJ oder einem FÖJ hat, der hat aber erst einmal die Qual der Wahl. Die Palette der Einsatzgebiete reicht vom Vögel beobachten auf einer Hallig in der Nordsee über das Hüten von Heimkindern bis zum Job als Aushilfe im Jüdischen Museum Berlin. Wer lieber beim Biobauern arbeiten, Behinderte betreuen oder sich als Moderator beim offenen Radiosender versuchen will – auch das ist möglich und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland.

Die wichtigste Frage, die sich Interessiert stellen, lautet daher: „Wo möchte ich mich ein Jahr lang engagieren?“ Bei vielen Jugendlichen seien die Plätze im Ausland besonders begehrt. Doch davon gibt es nur sehr wenige. Außerdem laufen die Bewerbungsfristen meist schon Anfang des Jahres ab. „Da könnte man sich jetzt schon wieder für das nächste Jahr bewerben“, sagt Uwe Slüter.

Hilfe bei der Suche nach dem passenden Platz bieten die Broschüre „Für mich und für andere“ des Familienministeriums und die Webseiten der Bundesarbeitskreise FSJ und FÖJ. Dort sind etwa die Anbieter nach Bundesländern geordnet aufgelistet. So können Interessenten bei den einzelnen Trägern die Bedingungen abfragen. Denn während die meisten zum Beispiel mehrwöchige Schulungen anbieten, kann vor allem die Bezahlung sehr unterschiedlich ausfallen. Bei einigen Anbietern können die Jugendlichen wählen, ob sie ein ganzes Jahr, nur sechs Monate oder vielleicht sogar eineinhalb Jahre arbeiten wollen. Außerdem können sie sich zumindest bei einigen Stellen noch bis kurz vor Beginn des Freiwilligendienstes im August, September oder Oktober bewerben.

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