Zeitung Heute : „Die Handschrift redet“

Was Dichter mit ihrem „literarischen Fingerabdruck“ über sich selbst verraten

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Wer im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar Manuskripte studiert, kann sich dem Eindruck nicht entziehen, dass er hier philologische Indiziensicherung betreibt. Wie eine Hades-Welt ist die dortige Handschriftenabteilung in lang gestreckten, von Kunstlicht illuminierten Kellerfluchten untergebracht. Die Temperaturen sind spürbar herabgekühlt, damit die Manuskriptbestände in den grünen Archivkästen vor Trockenheit geschützt bleiben. Die lautlos vorübereilenden Mitarbeiter erscheinen in ihren hellen Kitteln und Handschuhen wie Anatomen im Seziersaal. In dieser Unterwelt der Schrift lagern auf 15 000 Quadratmetern Tausende von Manuskripten, Briefen, Tagebuchblättern, Skizzen und Zeichnungen deutschsprachiger Autoren von Goethe bis zur Moderne: Gerhart Hauptmann, Alfred Döblin und Erich Kästner.

Dichterhandschriften besitzen eine eigene Sprache, in der sich Schreibgewohnheiten, aber auch die Kompositionsgesetze literarischer Texte abzeichnen können. Die Orte, an denen solche Handschriften lagern, sind daher als Magazine der Erinnerung zugleich Räume für detektivische Spurensuche.

Die Handschrift bietet wichtige Aufschlüsse über das spezifische Rollenverständnis eines Autors, sein Verhältnis zur eigenen Arbeit und die Rituale, denen er seinen Schreiballtag unterwirft. In ihren Ordnungsstufen, Organisationsmustern und Chaosgraden dokumentieren Manuskripte unterschiedlichste literarische Praktiken. Sie können, wie im Fall Thomas Manns, ein Planungsethos offenbaren, das den Schreibakt bis ins letzte Detail durchdringt: die Zeiteinteilung, das zu leistende Pensum und die Beschaffenheit der Texte sind genau festgeschrieben.

Sie können Inszenierungsabsichten verraten, wie im Fall Ernst Jüngers. Er vermachte der Nachwelt nur Textfassungen, bei denen Papier, Tintenfarbe und Seitenaufteilung dem Diktat der ästhetischen Stilisierung gehorchen. Sie können einen pragmatischen Umgang mit dem Schreiben belegen, wie ihn die von gemäßigten Korrekturen durchzogenen Handschriften Schillers und Heines unter Beweis stellen. Sie können kleine Schlachtfelder der unaufhörlichen Verbesserungslust vorführen, auf denen Tilgungen, Neuansätze und heftige Berichtigungen einen Krieg der Buchstaben ausfechten - so bei Kleist und Hölderlin. Und sie können den Typus des anfallartig schreibenden Autors zeigen, der dem Takt wechselnder Zyklen folgt. An Franz Kafkas Manuskripten etwa lassen sich die Beschwingtheit des idealen Arbeitsprozesses, aber auch die Qualen von Schreibwiderständen und Produktionskrisen ablesen.

Die Analyse einer Dichterhandschrift ergründet nicht zuletzt die innere Struktur des Textes. Das beweist besonders eindrucksvoll Kafkas Roman „Der Process“. Der Autor schrieb das erste und das letzte Kapitel im August 1914 nahezu zeitgleich, in fast parallelen Arbeitsgängen, die dem Manuskript einen genauen Rahmen setzten.

Es ist die Rhythmik der Handschrift, die dem philologisch geschulten Betrachter zeigt, wie der Autor verfuhr. Das erste und das letzte Kapitel weisen einen weiträumigeren Duktus auf als alle anderen Kapitel. In keinem sonstigen Abschnitt des Manuskripts existiert ein größerer Zeilenabstand, ein breiterer Schwung der Buchstaben. „Die Handschrift redet“, so hat der Oxforder Germanist Malcolm Pasley die physiognomische Sprache charakterisiert, die das „Process“-Manuskript an den Tag legt.

Erst das detektivische Lesen der Schrift erschließt den Geist des literarischen Textes, der sich in den schönen Tänzen der Buchstaben veräußerlicht. Originalmanuskripte freilich gehören zu den alten Medien, deren Zeit abläuft. Ihren Platz nehmen heute digitalisierte Textversionen ein, die beliebig häufig herstellbar sind und keine Spuren ihres genetischen Prozesses mehr an sich tragen. Die Durchstreichungen und Korrekturen, in denen Manuskripte die Dramen ihrer Entstehung dokumentieren, sind Systemen gewichen, deren Speicherungsleistung mit einer Ökonomie der Auslöschung erkauft ist. Jeder Fehlversuch oder Irrtum wird von der elektronischen Textverarbeitung in den Orkus des Vergessens geschickt. Wenn künftige Philologen-Generationen nur noch die Festplatten der veralteten Computersysteme zu reaktivieren suchen, mit denen die Autoren unserer Zeiten arbeiten, ist die Kulturgeschichte der Schrift in eine dürftige Epoche eingetreten. Die individuelle Sprache der Dichtermanuskripte ist dann endgültig ein Fall für das Archiv und für die einsamen Spurensucher geworden, die in den Kellerräumen der Magazine die Handschriften zum Reden bringen.

Der Autor ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin.

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