Zeitung Heute : Die Harfen-Bar

Irische Kneipen gibt es in Kreuzberg, Tallinn und auch auf Antigua. Immer sehen sie echt aus. Wie machen die das? Ein Besuch beim Pub-Designer in Dublin.

Ulf Lippitz

Um nach Irland zu kommen, muss man nur nach Kreuzberg fahren. Der Irish Pub am Erkelenzdamm stillt die Sehnsucht nach der Grünen Insel und ihrer Kneipenkultur. Wie eine rustikale Schänke wirkt das großstädtische Kellerlokal, Stühle, Tresen, Bar, Regale – alles aus Holz. Und mittendrin Symbole der irischen Insel wie Leuchtbojen in der See: An den Wänden hängen vergilbte Spiegel mit eingravierter Guinness-Werbung, alte Reklameschilder der Brauerei sind überall verteilt, zerfledderte Taschenbücher passend zum Thema, am Tresen grüßen zerknitterte Postkarten. Am 17. März, dem St. Patrick’s Day, herrscht hier Hochbetrieb: Dann stoßen Iren und solche, die es gern wären, auf den Nationalheiligen an.

Die Einrichtung des Old Emerald Isle suggeriert: Dieser Pub könnte in Dublin stehen. Dabei könnte sich dieser Pub eher in Estland, China oder Australien befinden. Irish Pubs kultivieren die Erkennbarkeit. Sie sind mit Spiegeln, Aufstellern und Biermarken für japanische und italienische Kneipengänger genauso leicht identifizierbar wie Burger-Ketten für Fast-Food-Abhängige. Sie sind eben „ein Exportschlager“, wie Irland-Kenner Ralf Sotscheck sagt, der seit mehr als 20 Jahren in Dublin lebt. Und sie vermitteln einen „Hauch von Disneyland“, wie John Heverin zugibt, der selbst überall auf der Welt Irish Pubs entwickelt und aufbaut. 40 Lokale in fünf Jahren, Tendenz steigend. „Ein gutes Geschäft“, sagt Heverin.

In Dublin schlägt das Herz der Entwicklung. Nicht nur Heverins Firma Ol Irish Pub Company residiert hier, am St. James Gate wacht der Schwarzbier-Riese Guinness seit 1759 über richtige Rezeptur und richtiges Image. Damals pachtete Arthur Guinness das Gelände für 45 Pfund jährlich – und eine Dauer von 9000 Jahren. Ein Schnäppchen. Heute kostet eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Arbeiterbezirk bereits 400 000 Euro.

Das Schwarzbier ist eng mit dem Image des Landes verbunden – und der exportierten Trinkkultur. Ein Irish Pub ohne Guinness oder Kilkenny, das ist wie ein Italiener ohne Pasta. Auch wer als Tourist nach Irland reist, sucht ein Stück dieser Vorstellungswelt und geht ins Guinness Storehouse, dem zum Museum umgebauten Teil der Brauerei. Das Storehouse ist Irlands meistbesuchte Sehenswürdigkeit. Auf sechs Etagen wird Markengeschichte erzählt, ein ganzes Stockwerk widmet sich dem, was jeder Besucher eines Irish Pubs kennt: der Werbung. In einem großen Raum hängen die bunten Reklameschilder aus Leichtblech, die lustigen Tiermotive, die Guinness in den 30er Jahren berühmt machten.

Es gibt noch ein Bild, das in jedem Pub auftaucht: die keltische Harfe. Andrew Williams, 30-jähriger Museumsführer, erzählt gerne die Geschichte, wie das junge Irland 1923 auf der Suche nach einem Nationalsymbol war und die Regierung bei Guinness anfragte, ob sie die Harfe aus dem Firmensignum als Irlandlogo übernehmen könne. Der Brauereiriese wollte Geld haben, der junge Staat besaß keines – und kam auf den Trick, die Harfe spiegelverkehrt abzubilden. So haben Guinness und die Republik ein bis heute fast vollkommen identisches Markenzeichen.

Andrew Williams hat drei Jahre in Deutschland gelebt, im hessischen Limburg, und dort als Barkeeper in einem Irish Pub gearbeitet. Der Dubliner war überrascht, wie sehr die Deutschen die Kneipe mochten. „Sie sagten, bei uns sei es kommunikativer“, erinnert er sich. In Dublin würde er keinen Fuß in so ein Lokal setzen. „Für uns bedeutet ,typischer Irish Pub’: Touristen-Falle.“ Er meint die Kneipenmeile im Viertel Temple Bar. „Pub-Crawls“, organisierte Trinktouren, verleiden ihm die Gegend. Williams geht lieber in modern designte Bars.

Temple Bar kommt der Disney-Version eines Irish Pubs nahe, die John Heverin in seinen Albträumen heimsucht: zu viel Bric-a-Brac, so nennt man die Summe an Nippes, wie Postkarten oder verrostete Werkzeuge. „Ich will nicht in eine Kneipe gehen und denken, ich sei in einem Werkzeugladen gelandet“, meint der Pub-Entwickler.

Heverin, Ende 30, groß, lange schwarze Haare, kantiges Kinn, profitiert seit fünf Jahren vom Boom der Irish Pubs. Marktführer Guinness verkauft seine Biersorten an über 750 Pubs in Deutschland, davon 27 in Berlin. Mitte der 90er Jahre gründete das Haus eine eigene Pub-Design-Firma, löste sie aber 1999 wieder auf. Heute teilen sich vier von Guinness den Kunden empfohlene Entwickler das Geschäft um die „authentische“ Einrichtung.

Heverin und sein Partner Eamonn Cullen sind die Hälfte des Jahres unterwegs – mal in den USA, mal in Antigua, mal in Neuseeland, natürlich nie in Irland. In Deutschland haben sie erst einmal ein Stück Heimat nachgebaut, in Hamburg. Heverin hofft, dass die Pubs „nicht zu sehr nach Disney aussehen“. Er arbeitet mit Handwerksfirmen in Dublin zusammen, um das zu verhindern: Stühle, Tresen und Tische, alles hergestellt in Irland. Ein Fehler in der Spiegelgravur, nicht schlimm. „Macken sind wichtig“, findet Heverin. Sie erhöhen die Einmaligkeit. Getreu der Devise „je beschädigter, umso besser“ stöbert er auf Flohmärkten nach ausrangierten Werbeschildern, Uhren oder Haushaltsgegenständen. Die Gegenstände lagern in einer Halle, eine Autostunde nördlich von Dublin.

Die Firma bietet fünf Arten der Einrichtung an: den Country, Brewery, Victorian, Shop und Whiskey Pub Style. Der schlichte rustikale Stil, das Brauereidesign mit dunklem Massivholz, der als Kaufmannsladen aufgemachte Pub und die gemütliche Whiskey-Ecke – sie verblassen in der Kundengunst vor dem viktorianischen Stil. Die aufwendigen Holzverzierungen, das edel polierte Mahagoni- und Teakholzmobiliar erwecken die Sehnsucht nach einer heilen Vergangenheit. „Oft haben Irish Pubs im Ausland nichts mit den Kneipen hier gemeinsam“, sagt Sotscheck, der seit 1985 als Autor in Dublin lebt. Auch Heverin stimmt zu, dass man so einen schicken Irish Pub schwerlich in Dublin findet. Aber in den USA kommt der Geschmack aus dem 19. Jahrhundert nun mal gut an. Dort setzt die Firma zwei Drittel ihres Geschäftes um. „High-End“, sagt Heverin stolz, am oberen Ende der Preis-Skala.

Die Ol Irish Pub Company sitzt in einem winzigen Büro außerhalb Dublins, keine Spur von „High-End“. Das Beratungszimmer hat keine Fenster, dafür Pappwände und eine Schautafel mit Stoffmustern. Hier erzählt Heverin von einer Studie, die den Aufschwung von Irish Pubs belegt. Eine normale Bar überlebe sieben Jahre, referiert er, ein Irish Pub aber 20. „Weil er keinem Trend gehorcht“, sagt er. Er ist immun gegen Neues, deshalb sieht auch das Old Emerald Isle in Kreuzberg wie aus der Zeit gefallen aus. Mehr als sieben Jahre existiert der Pub schon.

Eines kann jedes wohlfeile Design nicht herbeizaubern: guten Service. John Heverin meint, der Schlüssel für den guten Ruf ihrer Kneipen sei die Kommunikationsfreude der Iren. Das Gespräch war im Irish Pub immer wichtig. Die Kneipe war Gemeindezentrum und Tante-Emma-Laden, vorne verkaufte der Wirt Lebensmittel, hinten besprachen die Menschen den neuesten Klatsch. In vielen Gegenden Irlands war der Pub die einzige Möglichkeit, mit seinem Nachbarn zu reden. In England waren Pubs oft Herbergen, Handelsplatz und Schänke in einem, kleine offene Karawansereien, in Irland abgeschottete Mikrokosmen. Das sei der wesentliche Unterschied, meint Heverin – das und der Umstand, dass in englischen Pubs Teppich ausliegt.

Ralf Sotscheck nennt so einen traditionellen Pub seine Stammkneipe, das „Gravediggers“ am Prospect Cemetery, dem größten Friedhof Dublins. Am Eingang stehen noch die Regale für Lebensmittel, hinter der Schwingtür wartet das Heiligtum, die Bar. Seit 1833 existiert der Pub, er wird in sechster Generation von derselben Familie geführt. Der Klimbim von Memorabilia fehlt. „Klein und verqualmt“, beschreibt er den Schankraum – und verbessert: „Immer noch verqualmt.“ In Irland gilt seit drei Jahren Rauchverbot in allen Lokalen.

Manche behaupten, das Rauchverbot treibe die Dubliner Pubs in den Ruin. Ralf Sotscheck glaubt das nicht. Er sieht sehr wohl, dass der Bierkonsum abnimmt, führt aber andere Gründe an: Das irische Wirtschaftswunder hat die Preise auf vier Euro für ein Pint (0,57 Liter) hochschnellen lassen. Und viele Iren haben mit dem Wohlstand neue Sitten entdeckt – sie trinken lieber Wein als Guinness.

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