Zeitung Heute : Die Harry-Potter-Maschine

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Von Jeffrey A. Trachtenberg

Was lässt man als Verleger auf einen Bestseller wie Harry Potter folgen? Barry Cunningham, der 1996 das Glück und die Weitsicht hatte, ein Buch ns „Harry Potter und der Stein der Weisen“ von einer gewissen J.K. Rowling in sein Verlagsprogramm zu nehmen, hat jetzt ein neues Kinderbuch entdeckt, das auf seinem Heimatmarkt zwar schon seit zwei Jahren zu haben ist, dass aber nun mit enormem Aufwand in den Weltmarkt gedrückt wird: Die Hoffnungen ruhen auf der Erzählung „Herr der Diebe“ von der deutschen Autorin Cornelia Funke.

Den direkten Vergleich mit J.K. Rowling will in seinem Verlag keiner ziehen. Doch gemessen am Vermarktungsaufwand hat der Roman die besten Aussichten, den Erfolg von Harry Potter zu wiederholen.

Das Buch spielt in Venedig, wo eine Gruppe ausgebüchster Kinder auf die magischen Kräfte eines Jungen vertraut, der die Ausreißer mit allerlei Diebesgut versorgt. Verleger Cunningham hat die Geschichte am vergangenen Wochenende auf den englischen Markt gebracht. Allein die Bücherläden der W.H. Smith Group, einer der größten britischen Ketten, haben 20000 der insgesamt 60000 Paperback-Bücher bestellt. In der Branche gilt dies als überaus starkes Bekenntnis für eine außerhalb von Deutschland so gut wie unbekannte Autorin.

Der amerikanische Verlag Scholastic, der auch die Harry-Potter-Bücher in den Vereinigten Staaten herausgebracht hat, wird im September 75000 gebundene Exemplare für den US-Markt produzieren. Von Kinderbüchern druckt Scholastic zunächst selten mehr als 10000 Stück. Bei der ersten Harry-Potter-Geschichte, die in den USA erschien, waren es anfangs allerdings 35000 Bücher. Bis heute wurden davon einschließlich der Paperback-Exemplare fast 23 Millionen Stück verkauft.

Allerdings: Selbst mit der Unterstützung des Harry-Potter-Teams wird es für den Titel, der in Großbritannien und in den USA als „The Thief Lord“ angeboten wird, schwer werden. „Zu oft haben uns die Verleger versprochen, dass wir dieses oder jenes Buch mögen werden, weil es genau wie Harry Potter ist“, sagt Constance Sayre von der Managementberatung Market Partner International.

Doch der Scholastic-Verlag hat von der Vermarktung von Harry Potter gelernt: Von den teuren Vorab-Exemplaren brachte man gleich 5000 Stück in Umlauf, doppelt so viele wie sonst üblich. Damit will Scholastic für Gesprächsstoff unter den Einkäufern des Buchhandels und im Literaturbetrieb sorgen. In das Marketing soll eine sechsstellige Summe fließen - nur eine Hand voll Titel wird jährlich so massiv gefördert. „Keiner kann einen Harry Potter reproduzieren“, sagt Michael Jacobs, Vizepräsident von Scholastic. „Doch dieses Buch kann den Bann brechen, wenn wir es richtig anfangen."

Scholastic will auch die Phantasy-Leserschaft ansprechen, die im Zuge von Harry Potter enorm expandierte. Doug Whiteman, Vizepräsident des Verlagshauses Penguin Putnam sagt, dass in den USA bereits eine Reihe von Phantasy-Autoren von diesem Effekt profitiert haben, darunter Brian Jacques, Philip Pullman, Eva Ibbotson und David Clement-Davis.

Bisweilen versuchen es die Verlage auch gezielt, ihre Werke verkaufsfördernd in die Nähe der Harry-Potter-Geschichten zu rücken: Als der Hyperion-Kinderbuchverlag zusammen mit Talk Miramax Books den Buchhändlern im Mai 2001 die Geschichte „Artemis Fowl“ von Eoin Colfer anbot, las man im Begleitbrief, das Werk sei genau so packend wie „Der Kleine Hobbit“ oder „Harry Potter". Das Buch und die Folgegeschichten tauchten dann auch schnell in der New Yorker Bestsellerliste für Kinderbücher auf. „Ein neues Kinderbuch, bei dem der Held ein Junge und der Autor britisch ist, wird unweigerlich mit Harry Potter assoziiert“, sagt Kathy Schneider, Verlegerin bei Talk Miramax Books. „Doch bei so vielen Harry-Potter-Fans ist es für jeden Autoren positiv, mit J.K. Rowling in Verbindung gebracht zu werden. Das hat auch Eoin Colfer mehr Aufmerksamkeit für seine Bücher beschert."

Der „Herr der Diebe“ stand noch vor anderen Problemen. Vor allem dem, dass bisher nur sehr wenige deutsche Kinderbücher in das Englische übersetzt wurden. Doch Autorin Funke setzte alles daran, auch diesen Markt zu testen. Der Auftrag zur Übersetzung des Buches ging an ihre Cousine und ihr deutscher Verleger gab die Rechte an der englischen Ausgabe fast vollständig auf.

Dann erschien Verleger Cunningham auf der Bildfläche und „entdeckte“ die deutsche Autorin. Zu dieser Zeit hatte er seinem Arbeitgeber Bloomsbury Publishing den Rücken gekehrt und mit Chicken House Publishing Ltd. einen eigenen Verlag gegründet. Er wolle sich auf neue Kinderbuchautoren und übersetzte Ausgaben ausländischer Schreiber konzentrieren, sagte Cunningham seinerzeit.

Eine junge zweisprachige Leserin schwärmte ihm von Funkes Buch vor, das sie in der deutschen Version gelesen hatte. An Cunningham schrieb sie, er müsse dieses Buch unbedingt veröffentlichen. Von Cornelia Funke hatte der Verleger bis dahin noch nichts gehört. Erst später fand er heraus, dass sie bereits über 40 Kinderbücher geschrieben hatte, von denen mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Als er dann „The Thief Lord“ in der Übersetzung las, waren auch einige der großen Verlage schon an dem Buch interessiert. Mit einem Lächeln gibt Frau Funke zu verstehen, warum sie sich letztlich für Cunningham entschieden habe: Er habe sie sehr an Bob Hoskins erinnert, ihrem Lieblingsschauspieler.

„Ebenso wie Jo Rowling weiß Cornelia Funke weit mehr über Kinder als die typischen Kinderbuchautoren“, sagt Verleger Cunningham. „Auch ihr Buch orientiert sich streng an einer Sichtweise aus Kindesaugen. Cornelia schreibt über Kinder, die auf ihren Verstand vertrauen und die Folgen ihrer Taten einsehen." In dem Wissen, dass Scholastic das Buch unterstützt, hat auch Joe Monti, Einkäufer bei Barnes & Noble den Titel für sämtliche Geschäfte der US-Bücherkette geordert und wird die Werbetrommel kräftig rühren. „Über der Geschichte schwebt etwas Mysteriöses, die Charaktere verändern sich und die magische Auflösung gefiel mir besonders gut“, sagt Monti. Zur Anzahl der bestellten Exemplare äußert er sich nicht.

Cornelia Funke, die mit Ehemann und zwei Kindern bei Hamburg wohnt, war in der letzten Woche auf Werbetour in England. „Mein Traum ist wahr geworden“, sagt sie. „In England möchte ich möglichst viele Kinder treffen."

Neues gibt es auch von J.K. Rowling: Eine Sprecherin von Scholastic sagte, dass die Autorin nunmehr am fünften ihrer voraussichtlich sieben Bücher der Harry-Potter-Reihe arbeitet.

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