Die Hauptstadtkorrespondenten : Im großen Rauschen

Tissy Bruns

Eine unauffällige Linie durchzieht den Innenhof des Gebäudes am Schiffbauerdamm. Hier stand sie: die Mauer. Heute arbeiten im Haus der Bundespressekonferenz Korrespondenten aus ganz Deutschland und ihre Kollegen aus aller Welt. Wo es vor zwanzig Jahren noch keine Pressefreiheit gab, muss sich heute die Politik befragen lassen, ob es ihr gefällt oder nicht. Vor 60 Jahren wurde die Bundespressekonferenz in Bonn gegründet.

Anders als der Name vermuten lässt, ist sie keine regierungsamtliche Einrichtung. Es sind die Journalisten selbst, die Regie führen, wenn im großen Saal die Bundeskanzlerin, Oppositionsführer, Kirchenmänner, Gewerkschafter, Wirtschafts- oder Sozialverbände Rede und Antwort stehen. 1949 wollten die Bonner Korrespondenten die Lehren aus der Nazi-Diktatur ziehen, regierungsunabhängig sollte die neue freie Presselandschaft sein. Kein Kanzler sollte einen Journalisten von Informationen abschotten können, weil ihm die politische Linie seines Blattes oder Senders nicht passte. Keine Selbstverständlichkeit, in den meisten Hauptstädten der Demokratien gibt es diese Organisationsform nicht. „Wieso erscheinen wir als Regierung vor der Bundespressekonferenz, wenn sie es will?“, hat ein Adenauer-Sprecher damals gefragt.

Sie erscheinen bis heute, dreimal in der Woche, die Sprecherinnen und Sprecher von Angela Merkel und ihren Ministern. Die Macht über die Verbreitung von Informationen hatten die Bonner Journalisten allerdings nie – und die Hauptstadtkorrespondenten in Berlin haben sie erst recht nicht. Schon Adenauer, der die Presse einmal als sein Schmerzenskind bezeichnete, hat ausgewählte Journalisten an seinen Teetisch gebeten, um gezielt Einfluss zu nehmen, nicht anders haben es seine Nachfolger und die erste Nachfolgerin gehalten.

Demokratische Öffentlichkeit steht heute in einer ganz und gar veränderten Medienlandschaft. Politik, und mit ihr der politische Journalismus, ist in ihrem großen Rauschen an den Rand geraten. Wir Journalisten verstehen uns als kritisches Gegenüber der Politik, aber viele Bürger nehmen Politiker und Journalisten als eine Kaste wahr, die, selbstbezogen und gut situiert, gemeinsam einen unaufhörlichen Fernsehtalk veranstaltet. „Und es dürfen auch Fragen an sich selbst sein“, hat der Bundespräsident sich gewünscht, der am Donnerstag am Schiffbauerdamm gratulierte.Tissy Bruns

Die Autorin war von 1999 bis 2003 Vorsitzende der Bundespressekonferenz.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben