Zeitung Heute : Die Heilsarmee

Seit der Flut sind die Soldaten Helden der Republik. Starke Männer schuften Schulter an Schulter – das Land hat ein neues Bild von der Armee. Schon werden neue Aufgaben für die Bundeswehr gefordert. Beginnt für sie ein neues Zeitalter?

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Von Moritz Schuller, Bitterfeld

Der Oberarm von Enrico Tietze sieht aus, als würde er gleich das grüne T-Shirt sprengen. Wegen dieses Körpers wurde Tietze 1998 zum Mister Sachsen-Anhalt gewählt, wegen seiner blonden Haare und der blauen Augen. Tietze blickt auf den Schuttberg, der vor ihm auf der Straße liegt. Alte Kühlschränke, Bretter, Sofas, Kommoden, ganze Wohnzimmer liegen aufgetürmt vor den Haustüren. Alles ist zu Müll geworden in Jeßnitz, hier wurde der Kampf gegen das Wasser verloren. Als Enrico Tietze nach der Flut zum ersten Mal durch den Ort gefahren ist, habe er gedacht, er sei wieder im Kosovo. Sechs Monate war er mal dort, in Prizren, zwei Jahre ist das her. Nun ist der Stabsunteroffizier Tietze mit seinen Kameraden von der 4.Kompanie des Panzergrenadierbatallions 112 aus Regen im Bayerischen Wald nach Sachsen-Anhalt gekommen. An die Heimatfront. An die Mulde. Zum Aufräumen.

Schon bei der Oderflut hatte sich die Bundeswehr in die Herzen der Bevölkerung geschuftet, die Soldaten waren keine Mörder mehr, sondern Malocher. Damals hatten sie sich nach vollendeter Deichsicherung wieder in die Kasernen zurückgezogen. Diesmal wird es anders sein: Die Soldaten, hat der Verteidigungsminister versprochen, werden auch helfen, die Schäden zu beseitigen. Bevor die Jungs einfach nur ihre Stiefel putzen, das fordern inzwischen auch Politiker, sollte die Bundeswehr ruhig regelmäßig zu solchen Inlandseinsätzen herangezogen werden. Der ehemalige Generalinspekteur und „Held vom Oderbruch“, Hans-Peter von Kirchbach, und Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm sagen sogar, dass die Bundeswehr solche Einsätze in Zukunft leiten soll. Beginnt für die Bundeswehr ein neues Zeitalter?

Manchmal scheint das neue Zeitalter eher profan. Die zweite große Flut hat die Armee auch zur nationalen Müllabfuhr gemacht. Die Offiziere schwärmen vom tollen Einsatz der Zivilisten, von ganzen Schulklassen, die ins Katastrophengebiet zum Helfen kommen. Die Soldaten reden anders: „Wenn man Zivilisten fragt, ob sie helfen wollen, sagen die Nein“, erzählt einer von Tietzes Kameraden. „Am Anfang saßen die Leute vor ihrer Tür, haben zugeschaut und Bier getrunken. Kaum hatte man die Schutthaufen weggeräumt, da kam aus dem zweiten Stock noch mehr Müll.“ Und dann hebt er einen alten Fahrradreifen auf und wirft ihn auf den Laster. „Der war sicher nicht überflutet.“

Soldaten meckern gern, und dass die Stimmung unter den Einwohnern von Jeßnitz gedämpft ist, darf keinen überraschen. Für die meisten Soldaten versteht es sich von selbst, dass sie zum Aufräumen bleiben. Das gehöre zu den Aufgaben der Bundeswehr, erklärt Oberleutnant Tibor Konya. Katastrophenschutz sei ihre Sache, und „Aufräumen ist eine direkte Folge der Katastrophe“. Und so arbeitet sich die Kompanie von Tietze seit zwei Tagen durch die Straßen von Jeßnitz, zwölf Stunden täglich, unterbrochen von Zigarettenpausen, in denen die Soldaten vor den leeren Häusern sitzen. Alle in ihren grünen T-Shirts, und bevor wieder ein vollkommen verschlammtes Auto abgeschleppt wird, lassen sie sich davor fotografieren.

Eine „innerdeutsche Erfolgsstory“ nennt die Bundeswehr diesen Einsatz, und Verteidigungsminister Peter Struck spricht sogar davon, dass „sich bei der Arbeit auf den Deichen die Einheit vollendet hat“. Daran denkt keiner dieser Soldaten. Der ehemalige Mister Sachsen-Anhalt kommt ja sowieso aus dem Osten, und einige seiner Kameraden, die, die in Passau wohnen, haben erst bei sich zu Hause geholfen, bevor sie an die Mulde verlegt wurden.

Wie schon bei der Oderflut ist der Einsatz der Bundeswehr von Pathos begleitet, von Bildern, die Soldaten Schulter an Schulter mit Zivilisten im Kampf gegen das Wasser zeigen. Es sieht aber nicht überall so aus, vor allem dort, wo die Katastrophe nicht verhindert werden konnte. Wie auch ein paar Kilometer flussaufwärts von Jeßnitz, in Bitterfeld: Auf der Straße neben dem übergelaufenen Goitzsche-See sammelt die 6.Kompanie des Nachschubbataillons 51 aus dem hessischen Schwalmstadt nasse, faulende Sandsäcke ein. Hier ist der Kampf vorbei, die Überschwemmung der Stadt war unausweichlich. Nächtelang hatten die Soldaten gearbeitet, jetzt scheint die Sonne, und das Wasser geht zurück, und vielleicht 30 Nachschubler stapeln die Säcke aufeinander. Ein zusammengewürfelter Trupp Wehrpflichtiger, ruhmlos, ermattet. Schlafen mussten sie die ersten Nächte in einer alten Russenkaserne, wo sie nach zwölf Stunden Knochenarbeit nicht einmal duschen konnten.

Doch nicht einer beschwert sich. Seine Leute waren heiß darauf, hierher zu kommen, sagt der Zugführer. Heiß auch aufs Aufräumen? „Ob Heldentaten oder helfen, das ist doch egal“, sagt ein Gefreiter und ein anderer meint: „Wer aufbaut, kann auch abbauen.“ Ärger mit den Zivilisten gab es nur einmal, da war die Sandsackkette plötzlich unterbrochen. Als sie nachschauen gingen, saßen die Männer von der Freiwilligen Feuerwehr am Boden und rauchten. Sonst sei die Stimmung gut. „Wir halten uns selbst am Leben.“

Beim größten Katastropheneinsatz ihrer Geschichte ist die Bundeswehr mit Feldküchen und Faltstraßen ausgerückt, mit Brückenpanzern, Hubschraubern, Schlauchbooten, Krankenwagen, Wasserpumpen und Gabelstaplern. Ein Aufklärungsgeschwader hat die Deiche aus der Luft kontrolliert.

Die Bundeswehr hat ihre Kasernen leer geräumt: 25000 Mann sind noch immer im Einsatz, fast zehn Prozent der gesamten Truppe. „350 Soldaten unserer Kompanie sind in Prizren, 100 sind in den Hochwassergebieten“, erzählt der Hauptmann der Nachschubkompanie aus Bitterfeld. „Zu Hause ist nur noch der Hausmeister.“ Passieren darf in diesen Tagen in Deutschland nichts mehr.

In Sachsen kam die Bundeswehr zu spät. Doch als das Elbehochwasser nach Niedersachsen und Mecklenburg gelangte, warteten schon Tausende Soldaten darauf. Flussabwärts, entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, wurde der Fluss in seine Schranken gewiesen. Die Szene im niedersächsischen Pisselberg ist deshalb auch eine andere als in Jeßnitz: Zivilisten laufen mit Kaffeekannen herum, THW und Feuerwehr lungern herum, Soldaten löffeln Eintopf. Die Stimmung ist ähnlich wie auf dem Jahrmarkt. Soldaten umarmen Kameraden, die sie zuletzt im Kosovo gesehen haben. Hier sind sie Helden, versorgt vom Volk, hier ist Ergriffenheit zu spüren und militärisches Selbstbewusstsein. Nach Pisselberg sind sogar die Kampfschwimmer gekommen.

Um 0 Uhr 30 am vergangenen Freitag alarmierte das Flottenkommando in Glücksburg das Beste, was die Bundeswehr zu bieten hat, jene geheimnisvollen Elitesoldaten, die zuletzt im Golf von Aden auf Al-Qaida-Kämpfer Jagd gemacht hatten. So heißt es jedenfalls, denn über ihre Militäreinsätze dürfen sie nicht sprechen und auch fotografieren darf man sie nicht. Keiner soll wissen, wer sie sind. Nur einer darf reden, Fregattenkapitän Stephan Annighöfer, ihr Kommandeur. Er hätte Enrico Tietze beim Schönheitswettbewerb leicht Konkurrenz machen können: Auch er hat blondes, kurzes Haar, wasserblaue Augen, dazu einen Händedruck, der fast übertrieben fest ist. Annighöfer ist drahtig, in seinem engen, schwarzen Neoprenanzug wirkt er fast wie ein Junge.

Seine Leute sollen die Elbdeiche vom Wasser aus sichern. Eine lächerlich einfache Aufgabe für Männer wie diese, eigentlich, und das merkt man dem Kommandeur auch an: Das Wasser sei nur vier Meter tief, sagt er, nicht besonders kalt, keine starke Strömung. Mit Sandsäcken befestigen die Kampftaucher Plastikplanen am Deich, damit der nicht unterspült werden kann.

Geht Ihr etwa schon wieder, seien die Taucher in Pisselberg von der Bevölkerung gefragt worden, als sie einmal zurück zu ihren Lastern liefen. Nein, war die Antwort. Und dann sei die Erleichterung sehr groß gewesen. So erzählt es Annighöfer, der Kommandeur, und dabei streicht er sich durchs Haar. Seine Leute wollten schon die ganze Zeit hierher, helfen im eigenen Land, das sei Motivation genug gewesen. „Wir gehen erst, wenn wir nicht mehr gebraucht werden“, sagt er.

Ein pathetischer Satz, den elbaufwärts in Jeßnitz niemand so gesagt hätte. Dort wagt keiner abzuschätzen, wie lange die Aufräumarbeiten andauern werden. Und wie lange die Bundeswehr wird mithelfen müssen. Annighöfer hat andere Probleme: Ein Journalist fotografierte seine Männer auf dem Deich. Jetzt soll er die Bilder herausrücken.

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