Zeitung Heute : Die Heimat des Schimmelreiters

Claus-Dieter Steyer

Ein kräftiger Schluck aus der Elbe schadet heute nicht mehr. Dieser Satz des vorsorglich angerufenen Arztes bringt etwas Ruhe in die aufgeregt gestikulierende Gruppe. Die Mutter braucht sich um eine Vergiftung des Spösslings keine Sorgen zu machen. Außerdem durchläuft das Elbwasser am Ort des Malheurs einen natürlichen Filter. Es sickert durch den Deich, an dem angeblich viele Schadstoffe hängen bleiben.

Der Ausflug in den nordwestlichsten Zipfel Brandenburgs braucht nicht abgebrochen werden, zumal gleich eine Bäuerin zu Hilfe eilt. Die Frau mit Kopftuch, bunter Kittelschürze und Gummistiefeln bringt einen Stapel sorgfältig gebügelter Ersatzwäsche für den Buben vorbei. "Können Sie behalten", sagt sie kurz. "Unsere Kinder sind längst aus dem Haus." Sie verfolgt am Gartenzaun noch kurz den Wäschewechsel, ehe sie über die feuchte Wiese zurück in ihr Haus stapft.

Plötzlich erscheint die auf den ersten Blick eher spöde Westprignitz in einem anderen Licht. Vielleicht muss sich das Großstadtauge an die Einsamkeit in diesem Gebiet zwischen der Mündung der Havel in die Elbe bei Havelberg und der Grenze zu Mecklenburg bei Dömitz erst gewöhnen. Nicht einmal 40 Menschen leben hier im Durchschnitt auf einem Quadratkilometer. Es gibt nicht viele Gegenden in Deutschland, die mit diesem Wert mithalten können. Dabei heben größere Orte wie Wittenberge, Bad Wilsnack und Lenzen noch den Durchschnitt. Die in diesen Orten zu Touren in das Elbtal aufbrechenden Radfahrer oder Wanderer begegnen manchmal stundenlang keiner Menschenseele. Zuweilen bestehen die Dörfer nur aus fünf oder zehn Häusern.

Damit die Ausflügler in dieser "Heimat des Schimmelreiters" nicht verloren gehen oder inmitten der verästelten Gräben, Elbarme, Bäche, Kanäle, Rinnsale und unendlich scheinenden Weiten nichts verpassen, gibt es neuerdings eine "Naturerlebnisroute" entlang des Elbdeiches. Kundige Naturwächter des seit 1998 von der Unesco anerkannten Biosphärenreservates "Flusslandschaft Elbe" haben zwölf interessante Ziele in einem Faltblatt zusammengestellt. Entlang des gut ausgeschilderten Radwanderweges sind sie extra markiert. So wird man etwa zu verschiedenen Aussichtstürmen geführt, zu einem Glasboden-Floß (zur Beobachtung der Wasserwelt in der Löcknitz bei Lenzen), zu einem früheren Wachturm der DDR-Grenztruppen bei Lütkenwisch und eben jenem Steg, wo der jüngste Teilnehmer unserer Entdeckergruppe ausgerutscht und ins flache Wasser gefallen war. Von weitem muten die Wegweiser wie Marterpfähle aus Indianerfilmen an. Frank Neuschulz, Chef der Brandenburger Reservatsverwaltung, nimmt den Vergleich mit Humor. "Wir wollen keineswegs die Touristen daran festbinden", meint er. "Die sind uns lieb und teuer." Es könnten aber gern noch mehr sein. Dabei mangele es inzwischen nicht mehr an Gaststätten, Pensionen und Hotels aller Preisgruppen. Bislang sei die Elbaue vor allem durch das Storchendorf Rühstädt bekannt, wo sich fast auf jedem Dach ein Horst befinde. "Doch wir haben das ganze Jahr viel mehr als Störche zu bieten", schwärmt der Naturexperte.

Wie in anderen Gegenden Ostdeutschlands gibt es für den Naturreichtum des Prignitzer Elbtals eine einfache Erklärung: Auf einer Länge von 40 Kilometern trennte der Fluss hier über Jahrzehnte Ost und West. Fünf Kilometer breit war die sogenannte Sperrzone. Kaum jemand durfte dort wohnen, es gab bestenfalls schlecht gepflasterte Straßen und weder Industrie noch Gewerbe. Ortsfremden war diese Gegend ohnehin versperrt.

Als Beispiel für die Abschottung sei nur die Burg Lenzen genannt. Bis zum Mauerfall lebten hier ältere Menschen in einem Feierabendheim. Doch ein Schritt auf die Aussichtsplattform des Turmes blieb selbst ihnen verwehrt. Der Blick in Richtung Niedersachsen und auf die akribisch gesicherte Grenze verstieß - so die DDR-Erklärung - "gegen den Geheimnisschutz".

Abseits der Autobahnen gelegen, vermittelt diese Region auch nach der Wende noch viel Ruhe und Einsamkeit. Vorteile, die sich sogar bis nach Bayern herumgesprochen hatten, allerdings mit wenig erfreulichen Folgen. Denn eine Chemiefirma vergrub hier gleich tonnenweise mit Arsen verseuchte Erde. Die Lagerstätte in der Nähe der 22 000 Einwohner zählenden Stadt Wittenberge würde - so hatte man wohl gehofft - nicht auffallen. Erst die ermittelnde Umwelt-Kripo stieß auf eine Spur, die in die Elblandschaft führte. In der Region versuchte man den Skandal niedrig zu hängen. Das Image des Biosphärenreservates als intakter Naturraum sollte wohl nicht aufs Spiel gesetzt werden. Zu verletzlich scheint das noch zarte Pflänzchen Tourismus zu sein.

Doch als Neulinge in dieser umkämpften Branche schlagen sich die Westprignitzer beachtlich. Nicht nur die Naturwächter überraschen mit neuen Ideen, sondern auch die Hoteliers und Wirte. Seit einigen Monaten empfängt beispielsweise der "Alte Hof am Elbdeich" im winzigen Dorf Unbesandten, westlich von Lenzen, Gäste. Der unter Denkmalschutz stehende Bau von 1823 bietet nach fünfjähriger Restaurierung ein liebevoll eingerichtetes Restaurant und Gästezimmer mit insgesamt 35 Betten.

In der bevorstehenden Winterzeit lockt der Landstrich auch mit deftiger Kost. "Knieperkohl" wird da mit Bauchfleisch oder Eisbein serviert, dazu gibt es Pellkartoffeln und Knacker. Die Saison des Prignitzer Nationalgerichtes wird am 2. Dezember im Restaurant "Dörpkrog an Diek" in Abbendorf auf halbem Weg zwischen Bad Wilsnack und Rühstädt eröffnet. Vom Namen des Lokals sollten sich die Gäste nicht täuschen lassen. Der Koch kommt aus Sachsen und beherrscht genauso wenig Platt wie die meisten Westprignitzer.

Tipps für die Westprignitz

Anreise: Die Region liegt etwa in der Mitte zwischen Berlin und Hamburg. Mit dem Auto erreicht man sie über die Autobahn A 24 Berlin-Hamburg und die Ausfahrten Pritzwalk, Putlitz, Meyenburg oder Herzsprung. Um nach Wittenberge, Lenzen und Bad Wilsnack zu kommen, nimmt man die Autobahnausfahrt Pritzwalk und von dort die Bundesstraßen 103 und 189. Alternativ kann man von Berlin aus auch die Bundesstraße 5 befahren.

In Wittenberge halten die IC-Züge aus Berlin. Der Regionalexpress 4 fährt nach Bad Wilsnack und Wittenberge. Auch mit dem Schiff ist die Westprignitz über die Havel und die Elbe erreichbar. In Wittenberge steht den Freizeitkapitänen ein moderner Yachthafen zur Verfügung.

Reiseführer: Brandenburg, Der Norden, Band 3, Die Prignitz, Verlag Pro Line Concept, 2001, 128 Seiten, 16,80 Mark.

Elisabeth von Falkenhausen: Die Prignitz entdecken, Verlag Hendrik Bäßler, 2001, 21,81 Mark

Veranstaltungen: Deichwanderung von Rühstädt nach Bälow, Sonntag, 2. Dezember, Treffpunkt an der Naturschutzstation in Rühstädt um 13 Uhr; Deichwanderung mit Einkehr zum Glühwein, Sonntag, 16. Dezember, 13 Uhr. Treffpunkt ist der Rastplatz Lütkenwisch.

Weitere Ziele: Kristall-Therme Bad Wilsnack, montags bis sonntags 9 bis 22 Uhr, Telefonnummer: 03 87 91 / 808 80

Plattenburg bei Bad Wilsnack. Älteste Wasserburg Norddeutschlands aus dem Beginn des 14. Jahrhunderts. Führungen nach Anmeldung möglich, die Telefonnummer lautet: 03 87 91 / 24 00

Wunderblutkirche Bad Wilsnack

Heimat- und Burgmuseum Lenzen.

Auskunft: Fremdenverkehrs- und Kulturverein Prignitz, Wittenberger Straße 90, 19348 Perleberg, Telefon 038 76 / 16973

Besucherzentrum Rühstädt des Biosphärenreservates Flusslandschaft Elbe, Neuhausstraße 9, 19322 Rühstädt, Telefonnummer 03 87 91 / 980 22, die E-mail-Adresse ist: ruehstaedt_naturwacht@gmx.de

Naturwacht Lenzen, Auf der Burg 3, 19309 Lenzen, Telefon / Fax: 03 87 92 / 17 01

Stadtinformation Bad Wilsnack, Am Markt 5, 19336 Bad Wilsnack, Telefon: 03 87 91 / 26 20.

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