Zeitung Heute : Die heimliche Ost-West-Allianz

Nach dem Mauerbau gab es im Ostteil der Stadt vier Jahre lang eine Mini-Variante der West-Berliner Urania. Ein Zeitzeuge erinnert sich

Zur Geschichte der Berliner Urania gehört auch der Mauerbau am 13. August 1961. Denn von diesem Tag an war es Tausenden von Ost-Berlinern auch nicht mehr möglich, Veranstaltungen in der Urania zu besuchen. Harro Hess, ein Zeitzeuge erinnert sich. Er ist Diplom-Geologe, Wissenschaftsjournalist, hat über die Geschichte der Berliner Urania promoviert und leitet derzeit ihre Geschichtskommission.

In Ost Berlin und in der gesamten DDR existierte zu dieser Zeit die „Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse!“. Eine nach sowjetischem Vorbild der Gesellschaft „Snanije“ („Wissen“) aufgebaute und organisierte Propagandistengesellschaft. Deren Aufgabe bestand darin, Referenten politisch zu ,betreuen‘ und zu schulen, die die DDR-Gesellschafts- und Wissenschaftspolitik unter das Volk bringen sollten.

„Zunächst bestand meine Zuständigkeit in der Betreuung der Geowissenschaften. Dadurch hatte ich Zugang und Verbindung zu namhaften Geowissenschaftlern wie J. F. Gellert, Kurt Bürger. Den Verlust der weltoffenen Urania in West-Berlin milderte ich zunächst mit der Organisation vereinzelter öffentlicher Vorträge in den Hörsälen der Landwirtschaftlichen Fakultät, nahe dem Naturkundemuseum. Schnell fanden sich Freunde und Hörer. Mein – zwar nicht öffentlich gemachtes – Bestreben bestand darin, all jene Leute aufzufangen, denen die Verbindung zur Urania in Wes-Berlin abgeschnitten war.

Alte Programme und Drucksachen der Berliner Urania ermutigten mich, unter dem Dach besagter „Gesellschaft - mit dem langen Namen“ (wie sie im DDRVolksmund) schnell benannt wurde, verdachtsfrei eine „Neue Urania Berlin“ ins Leben zu rufen. Geeignete Räume fanden sich im großen und kleinen Saal der Staatsbibliothek Unter den Linden. Unterstützung kam von der Bibliotheksdirektion, und auch die hauseigene Druckerei half. Selbst ein geeigneter wissenschaftlicher Schutzpatron für einen Programmrat wurde gefunden: Es war der legendäre Tierparkdirektor Heinrich Dathe. Er eröffnete das Programm der „Neuen Urania Berlin“ im November des Jahres 1962 mit einem Vortrag über eine Studienreise nach Finnland.

Zunächst monatlich, später fast allabendlich standen Vorträge von Wissenschaftlern auf dem Programm, die das Tor zur weiten Welt einen Spalt öffneten. Die Resonanz war enorm. Hunderte Ost-Berliner strömten in die Säle Unter den Linden. Mehr Besucher als seinerzeit die gegenüberliegende Staatsoper zählte. Sorgsam gehütete inoffizielle Kontakte zur West-Berliner Urania wurden durch Mittelsmänner geknüpft. Und durch das Entgegenkommen von Otto Henning, dem seinerzeitigen Programmdirektor der (West)-Berliner Einrichtung, gelang es, die eine oder andere Veranstaltung zu koordinieren: Heinz Sielmann trat sowohl in West- als auch in Ost-Berlin auf. Eugen Schuhmacher gehörte ebenso wie Ullrich K. T. Schultz zu den Pionieren dieser heimlichen Allianz. Honorare wurden in Sachwerten beglichen.

So gelang es sogar den seinerzeit auf der Berlinale preisgekrönten Film „Traumstrasse der Welt“ von Hans Domnick mit beiden Teilen kostenfrei nach Ost-Berlin zu bringen. In Tag- und Nacht-Vorstellungen sahen im Kinosaal der Humboldt-Universität eine Woche lang tausende Ost-Berliner die Veranstaltungen. Ebenso erfolgreich wurde uns der Film „Das Jahr der Elche“ von Horst Sievert aus Wiesbaden zugeführt und dann aufgeführt, nachdem die einmalige Filmaufführung durch das DDR-Kulturministerium schriftlich lizenziert wurde. Auf Grund des Vortrags über „Jugoslawien – Tito und wir“ und einem Auftritt von Robert Havemann distanzierte sich das Präsidium der „Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse“ von der „Neuen Urania“ und 1966 war’s vorbei. Dennoch hatte sich der Markenname Urania in Ost-Berlin so weit etabliert, dass besagte „Gesellschaft“ den Namen usurpierte – allerdings mit dem abgrenzenden Geschichtsbezug auf die 1928 in Jena durch Julius Schaxel gegründete kommunistische Zeitschrift „Urania“. Die so benannte Propagandaorganisation hatte aber auch gar nichts mit der Berliner Urania gemeinsam. Erst 1988 zum 100. Jubiläum der Berliner Urania wurde eiligst an einer Gemeinsamkeit gezimmert – aus Sorge davor, dass der Name Urania von damals West-Berliner Seite alleinig besetzt würde.“

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