Zeitung Heute : Die Heimwerker

Fast alle großen Konzerne ermöglichen Telearbeit von zu Hause aus – der Mittelstand ist skeptisch

Martin Benninghoff

Axel Keldenich hatte es satt. Gasgeben, Bremsen, Gasgeben und wieder Bremsen, sein Ford Stoßstange an Stoßstange durch das Kölner Nadelöhr auf der A 1 im Kölner Norden. Jeden Morgen und jeden Abend kämpfte sich der 55-Jährige jeweils eine Stunde die 55 Kilometer von seinem Haus in Düren bei Aachen bis zu seinem Arbeitsplatz in Köln-Niehl. Keldenich arbeitet für die Presseabteilung von Ford und schreibt Reden für die Manager. Nunmehr an zwei Tagen die Woche tut er dies von zu Hause aus.

Keldenich nimmt an einem Pilotprojekt der Telearbeit teil. Rund 100 Mitarbeiter des Kölner Autobauers arbeiten derzeit in so genannter alternierender Telearbeit. Das heißt, sie arbeiten an zwei Tagen zu Hause, an drei wie gehabt im Büro. „Die Vorteile liegen auf der Hand“, sagt Keldenich. „Ich spare zwei Stunden Autofahrt am Tag und bin fitter für die Arbeit.“

Die großen deutschen Konzerne – darunter Lufthansa, BMW, IBM und eben Ford – bieten flexible Arbeitsgestaltung fast flächendeckend an. „Aber es fehlt die Umsetzung im Mittelstand“, sagt Christiane Flüter-Hoffmann vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Nur rund acht Prozent der deutschen Unternehmen bieten nach Angeben des IW ihren Mitarbeitern die Möglichkeit eines Heimarbeitsplatzes. „Das mittlere Management im Mittelstand ist davon kaum zu überzeugen“, sagt Flüter-Hoffmann. „Die wollen ihre Schützlinge lieber bei sich im Betrieb haben.“

Dabei spart die alternierende Telearbeit nicht nur Sprit und Nerven wie bei Axel Keldenich. Sie ist vielmehr eine Möglichkeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, mit Einschränkungen: „Am häuslichen Arbeitsplatz muss dafür gesorgt werden, dass die Trennung von Erwerbs- und Familientätigkeit vollzogen wird“, fordert Monika Christann, Bundesfrauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Gewerkschaft Verdi. Keldenich hat zu Hause ein eigenes Büro, in dem er von seiner Familie ungestört arbeiten kann. „Ich bin dann eigentlich gar nicht zuhause“, sagt er. Trotzdem kann er seine Zeit frei einteilen, laut Betriebsvereinbarung mit Ford zwischen sechs und 22 Uhr, und schafft nach eigener Aussage mehr Arbeit als im Büro.

Alternierende Telearbeit widerlegt die These, Telearbeiter seien sozial isoliert. Durch die Tage im Büro bekommt Keldenich das Wichtigste mit, was die Kollegen im Büro treiben. Seine Büroausstattung zuhause zahlt Ford, „bei zusätzlichen Kosten von rund 1000 Euro pro Telearbeiter ist das heutzutage keine teure Angelegenheit mehr“, sagt Flüter-Hoffmann vom IW. Jedoch: „Der Feind der Telearbeiter ist der Kühlschrank. Zuhause isst man mehr.“ Den sollte man also besser außer Reichweite schaffen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben