Zeitung Heute : Die heiße Phase läuft noch

Auch Ende September gibt es in Berlin noch viele freie Lehrstellen. Gesucht werden zum Beispiel Kaufleute, Fachinformatiker und Mechatroniker

Anne Meyer
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Wo die Funken sprühen. Im Berliner Handwerk sind noch rund 140 Ausbildungsstellen unbesetzt. Über eine Hotline der Kammer konnten...vario images

Die vielen Kochsendungen im Fernsehen sind nicht ohne Folgen geblieben: Bei den Berliner Schülern steht der Koch auf der Liste der Wunschberufe weit oben auf Platz drei. Nur Kaufmann und Verkäufer wollen noch mehr Jugendliche werden. Da trifft es sich gut, dass es noch viele freie Ausbildungsplätze für die Köche von morgen gibt – obwohl das Ausbildungsjahr eigentlich schon begonnen hat. „Die Jugendlichen nehmen wahr, dass Berlin vom Tourismus und der Gastronomie lebt“, sagt Erik Benkendorf von der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg.

Wer Kaufmann oder Kauffrau werden möchte, hat ebenfalls gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz: Für zukünftige Kaufleute im Einzelhandel und für Bürokommunikation gibt es noch die meisten freien Plätze. Auf Platz vier und fünf der Rangliste freier Lehrstellen folgen Bürokaufleute und medizinisch-technische Assistenten. Dass sich die Berufswünsche der Jugendlichen derart mit der Realität decken, findet Erik Benkendorf nicht ungewöhnlich, „Sie sind sehr durch ihr Umfeld geprägt“, meint er. „Berufe wie Koch oder Kaufmann können sie gut wahrnehmen.“ Im Gegensatz dazu sind neu entstandene Ausbildungsberufe wie etwa der Industrieelektriker unter den Schülern kaum bekannt und werden deshalb von ihnen auch nicht nachgefragt.

Insgesamt waren bei der Arbeitsagentur Ende August noch 3145 freie Plätze gemeldet. Wer sich also jetzt noch bewirbt, muss nicht zu spät dran sein. „In manchen Fällen geht das bis in den November hinein“, so Benkendorf. Das liegt daran, dass Arbeitgeber und Jugendliche nicht immer termingerecht zueinander fänden. „Viele junge Leute legen sich erst sehr spät fest.“ Außerdem geht die Zahl der Schulabgänger seit Jahren zurück.

Bei der Berliner Industrie- und Handelskammer bietet sich ein vergleichbares Bild: Über die IHK-Börse boten Unternehmen am 1. September noch über 800 Stellen an, davon allein 100 für Kaufleute für Bürokommunikation. Auch im Handel sowie bei Berufen wie Mechatroniker, Industriemechaniker und Fachinformatiker werden Lehrlinge gesucht. „Wer noch keinen Ausbildungsplatz hat, sollte sich jetzt kümmern,“ sagt IHK- Hauptgeschäftsführer Jan Eder. „Jeder ausbildungswillige und -fähige Bewerber erhält ein qualifiziertes Angebot.“

Die Berliner Handwerkskammer bietet zurzeit noch 140 Stellen an. Über eine Ausbildungshotline konnte die Kammer in den letzten Tagen zwar viele Stellen besetzen, doch kommen immer noch neue Angebote hinzu. „Die Betriebe haben zum Teil Schwierigkeiten, geeignete Bewerber zu finden. Zudem haben einige Handwerksbetriebe kurzfristig entschieden, weitere Lehrstellen anzubieten“, so der Geschäftsführer der Handwerkskammer Berlin, Ulrich Wiegand. „Auch jetzt lohnt sich eine Bewerbung im Handwerk also noch.“ Gesucht werden zum Beispiel Auszubildende zum Anlagenmechaniker, zum Fachverkäufer in der Konditorei, zum Hörgeräteakustiker – und viele mehr.

Wer trotz all dieser Angebote keinen Ausbildungsplatz findet – Ende August waren das immerhin noch fast 6000 Jugendliche – sollte über eine rein schulische Berufsausbildung nachdenken. In Berlin haben Jugendliche die Wahl zwischen knapp fünfzig Berufen, die sie außerbetrieblich an Schulen, zum Beispiel Oberstufenzentren, lernen können. Schöner Nebeneffekt: In der Regel erlangen sie dabei zusätzlich die allgemeine Fachhochschulreife.

Damit die Praxis dabei nicht zu kurz kommt, wird in Modellfirmen gelehrt: So lernen künftige Bürokaufleute beispielsweise mit moderner Kommunikationstechnik umzugehen, Termine abzustimmen, Besprechungen und Sitzungen abzuhalten und Vermerke anzufertigen. Außerdem umfasst die schulische Ausbildung immer auch ein Praktikum, in dem Kontakte zu möglichen Arbeitgebern geknüpft werden können.

Eine Reihe von Berufen – etwa die technischen Assistentenberufe – kann man ohnehin nur an Berufsfachschulen lernen. Diese Ausbildung habe aber auch eine sehr hohe Qualität, meint Ralf Jahnke, Schullaufbahnberater und stellvertretender Schulleiter der August-Sander-Schule in Friedrichshain. „Die Übergangsquoten sind gut.“ Ein interessantes Angebot macht auch die Anna-Freud-Schule in Charlottenburg: In drei Jahren kann man dort eine Erzieher-Ausbildung und gleichzeitig das allgemeine Abitur machen.

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