Zeitung Heute : Die Heldenschändung

Markus Hesselmann[London]

Die Zuhörer waren gewarnt: Keinesfalls werde es bequem heute Abend, hatte der Moderator gleich zu Beginn der Diskussion gesagt. Tröstliches sei nicht zu erwarten. Vom „größten Kindermörder der Geschichte“ ist dann im „London Review Bookshop“ nah beim Britischen Museum die Rede. Und von Kriegsstrategen, die den Tod hunderttausender Zivilisten nicht nur in Kauf nehmen, sondern wollen. Geht es einmal mehr um Hitler, den Wiedergänger im kollektiven Bewusstsein der Briten? Ein weiterer Abend im Zeichen englischer Selbstvergewisserung, dass man damals wer war und deshalb heute noch ist?

Die Rede ist von Winston Churchill. Und es ist ein Deutscher, der seinen gut 100 Londoner Zuhörern – viele Ältere, einige Junge – Schlimmes über ihren Kriegshelden sagt. Jörg Friedrich diskutierte am Donnerstagabend zum ersten Mal mit britischen Zuhörern über sein Buch „Der Brand“, das gerade als „The Fire“ auf Englisch erschienen ist. Vor vier Jahren hatte Friedrichs Buch über die deutschen Opfer der alliierten Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs in Deutschland eine Debatte um geschichtliche Tabus und um einen neuen Patriotismus ausgelöst. Zur selben Zeit war Winston Churchill in einer BBC-Umfrage zum größten Briten aller Zeiten gewählt worden – „knapp vor Diana“, sagt Friedrich, was nicht ganz richtig ist und den zweitplatzierten Baumeister Brunel unterschlägt.

In gutem Englisch mit leichtem deutschen Akzent spricht der Historiker nun mit denen, die ihre Großeltern, Eltern und sich selbst auf der richtigen Seite der Weltkriegsfront sehen.

„Bullshit“ und „nonsense“ – immer wieder gibt es Zwischenrufe, wenn Friedrich über Churchill als Bombenkrieger spricht. Dabei will er seine drastische Darstellung der deutschen Opfer nicht als Retourkutsche gegenüber selbstgefälligen Siegern verstanden wissen, sondern als Plädoyer gegen den totalen Krieg – egal mit welcher Begründung.

Friedrich ist angekündigt als „professioneller Tabubrecher“ und hält sich an diese Vorgabe. Er spricht von „Ihrem Aliierten Stalin“, als ob seine Zuhörer damals mit in Jalta gesessen hätten. Wütend wird der Historiker, wenn man ihm Einseitigkeit vorwirft. „Sie erwähnen nichts von den deutschen Angriffen“, sagt ein älterer Zuhörer. Friedrich ignoriert die Konventionen höflicher englischer Debatten und geht den Mann frontal an: „Sie lügen!“, ruft er, fuchtelt mit der 500-seitigen Hardcover-Ausgabe herum und zeigt auf das Stichwortregister: „Coventry, London, Warschau – es steht alles hier drin.“

Beim Thema Bomben und zivile Opfer ist der Weg zu Aktuellem nicht weit. Bald schwenken die Fragen auf das Thema Irak. Ob die Zuhörer hier mit dem Einverständnis des strengen Deutschen rechnen können? Immerhin waren dessen Landsleute ja von Anfang an gegen den Irakkrieg gewesen, so wie es immer mehr Briten inzwischen auch sind. „Ich habe den Angriff auf den Irak befürwortet“, sagt Friedrich. Zweck dieser Bombardements sei nun einmal nicht der Tod irakischer Zivilisten gewesen. Doch als er Bilder sterbender Kinder im Fernsehen gesehen habe, habe ihn das sehr berührt.

Versöhnliches zum Schluss: Ein Zuhörer dankt Friedrich für seine Schilderungen, die für ihn und seine Landsleute neu seien. „Von den deutschen Verbrechen wissen wir ja alles. Wir hören davon vom ersten Tag unseres bewussten Lebens an.“ Ein anderer sagt: „Die Demokratie muss höhere moralische Maßstäbe setzen als der Faschismus. Deshalb waren diese Bombardements Unrecht.“

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