Zeitung Heute : Die helle Seite der Nacht

Hier lassen sich Killer ihre Pistolen segnen, und die Statistik weiß von 32000 Morden pro Jahr. Kolumbien ist ein Land mit einem Horror-Image. Doch im April verwandelt es sich auf wundersame Weise: Dann verzaubert das weltgrößte Theaterfestival die Hauptstadt Bogotá.

Rüdiger Schaper[Bogotá]

Wie eine Deckenleuchte hängt der Vollmond über Bogotá. Mit seiner weiten Aureole füllt das Nachtgesicht den Himmel aus. Bogotá liegt 2600 Meter über dem Meeresspiegel. Mondsüchtig wird man hier. Die Luft ist dünn, und der Äquator ist nah. Das macht den kolumbianischen Mond so fett und so flach. Ein gehämmertes Stück Edelmetall, als müsse man nur die Hand danach ausstrecken: Abbild der alten europäischen Goldsucherträume. Eldorado heißt der Flughafen der Acht-Millionen-Kapitale, die sich endlos über die Hochebene der nördlichen Anden und ihre Hänge windet.

Bei Tag, sagt man, kontrolliert die kolumbianische Regierung 50 Prozent des Landes. Guerilla und Paramilitärs machen den anderen Teil unter sich aus. Die FARC, in den 60er Jahren als Volksbefreiungsarmee gegründet, gilt heute als älteste und reichste Guerillaorganisation der Welt: dank Drogenhandel, Schutzgelderpressung und des florierenden Entführungsgeschäfts. Konstant befinden sich rund 3000 verschleppte Menschen pro Jahr in den Händen der Guerilla. Paramilitärs, ursprünglich private Schutztruppen der Großgrundbesitzer, und Guerilla kämpfen um Drogenanbaugebiete und Transportwege. Überlandfahrten sind lebensgefährlich. Die Regierung hat schwer bewachte Konvois eingerichtet. So können die Bürger Bogotás auch einmal einen Ausflug mit dem Auto machen. Sonst bleibt nur der Luftweg.

Fanny Mikey war eine junge Frau, als sie nach Kolumbien kam, „der Liebe wegen“. Die Liebe ging, sie blieb. Sie stammt aus Argentinien und stand schon mit 16 auf der Bühne. Die Blanche in „Endstation Sehnsucht“ gehörte zu den Lieblingsrollen der 73-jährigen Schauspielerin, deren jugendlich wirkender Körper in hautengen Hosen steckt und die bei Premierenfeiern spät nachts auf dem Tisch tanzt. Fanny Mikey trägt dicke Ringe und eine Armbanduhr in den kolumbianischen Farben Gelb-Blau-Rot. Ein nationales Heiligtum ist sie auch, die Gründerin und Leiterin des „Iberoamerikanischen Theaterfestivals Bogotá“.

In Kolumbien erwartet man alle Herrlichkeiten und Schrecklichkeiten Lateinamerikas in exemplarischer Ausprägung, nur das nicht: das größte Theaterfestival der Welt. 1988 hob Fanny Mikey die Bühnen-Biennale von Bogotá aus der Taufe. Ihre Unerschütterlichkeit, ihr wilder Pioniergeist erinnern an die Siedler von Macondo, an die fantastische Stadt aus Gabriel Garcia Márquez biblischem Epos „Hundert Jahre Einsamkeit“.

Der Reichtum des Landes ist zugleich sein Ruin. So ist es bei Márquez, dem kolumbianischen Nobelpreisträger. Fanny Mikey hat dieses lateinamerikanische Gesetz der Fatalität umgedreht. Ihr Festival mit dem Motto Un Mundo Para Ver (Eine Welt zu sehen) verwandelt die Hauptstadt mit dem Horror-Image auf wundersame Weise. Alle zwei Jahre, während der Festivalzeit Ende März, Anfang April, geht die Kriminalitätsrate auf den notorisch bedrohlichen Straßen von Bogotá spürbar zurück, freilich dank eines massiven Aufgebots von Polizei und privaten Sicherheitsdiensten, und die Auslastungszahlen der touristischen Einrichtungen gehen in die Höhe. Vor den Theatern stehen schwer bewaffnete Soldaten, Zuschauer müssen durch Sicherheitsschleusen, werden abgetastet wie auf dem Flughafen. Auch Sprengstoff-Spürhunde hat man gesehen.

„Ein Akt des Glaubens an Kolumbien“, so begreift Fanny Mikey das gigantische Spektakel. Die Autosuggestion funktioniert. Das Festival übernimmt die Stadt durch seine schiere Masse, seine überwältigende Präsenz. Friedlicher Ausnahmezustand. Bei solchen Dimensionen muss man an die Bilder des berühmtesten kolumbianischen Malers, an Fernando Boteros dicke, überquellende Fruchtbarkeitsgöttinnen denken (Botero hat Bogotá ein herrliches Museum geschenkt): 45 Theaterensembles aus 33 Ländern, dazu 140 kolumbianische Theatergruppen, insgesamt 1200 Künstler, haben in 17 Tagen rund 600 Vorstellungen gespielt, in einem Dutzend Theatersälen, auf Straßen und Kirchplätzen, in der Stierkampfarena, auf dem Messegelände. Über zwei Millionen Zuschauer zählte man, darunter 350000 zahlende Festivalbesucher. Die unglaubliche Masse kommt durch viele Gratisveranstaltungen unter freiem Himmel zustande.

In Windeseile ausgeraubt

Wer das alles bezahlt? Ausländer vermuten schnell, ein solches Riesen-Festival in einem derart armen und zerrissenen Land könne ohne Unterstützung der Drogenkartelle kaum auskommen. Aber das Festival von Bogotá ist keine Geldwaschanlage. Fanny Mikey legt gern ihre Kalkulation offen. 30 Prozent der direkten Festivalmittel kommen vom Staat und der Stadt, weitere 30 Prozent von Sponsoren (Telekommunikations- und Kreditkartenfirmen, Zigaretten- und Getränkekonzerne), der Kartenverkauf macht 40 Prozent des Budgets von insgesamt 3,5 Millionen US-Dollar aus. Tatsächlich liegen die Kosten des Festivals um ein Vielfaches höher. Die großen Hotels von Bogotá beherbergen die Gäste zu Sonderkonditionen, und die meisten ausländischen Ensembles reisen mit Unterstützung ihrer Regierungen an. Bei den deutschen Gastspielen ginge ohne das Engagement des Goethe-Instituts, das in Bogotá eine Filiale unterhält, nichts.

Das Teatro Colón, die schönste Bühne Bogotás, liegt in der Altstadt La Candelaria. Ein Vergangenheitsrausch, morbid, von angestoßener Pracht, ein Theaterschiff. Über dem Portal ein Wappen mit den Karavellen des Kolumbus. „Emilia Galotti“, Michael Thalheimers einmaliger Coup vom Deutschen Theater Berlin, setzte hier seinen internationalen Siegeszug mit den Schauspielern Regine Zimmermann, Nina Hoss, Sven Lehmann und Ingo Hülsmann fort. Lessings bürgerliches Trauerspiel als Welttheater-Walzer. Das Wunder dieses kurzen Abends liegt in der Universalität der Gestensprache. Die auch ihre Grenzen hat. Einige Berliner Schauspieler müssen bei einem Spaziergang unweit ihres Hotels etwas missverstanden haben. Sie fanden sich nach einem kurzen Gespräch mit Einheimischen in einer Seitenstraße wieder, von Messern bedroht und in Windeseile ausgeraubt.

Wenn man in Bogotá nicht mondsüchtig wird, wird man auf jeden Fall taxiabhängig. Nicht, dass die kleinen gelben Kisten sicher wären. Im Gegenteil. Es gilt die alte Weisheit: „Fremder, wenn du hier einsteigst, lass’ alle Hoffnung fahren.“ In Bogotá muss man sich im Hotel ein Taxi bestellen, mit Code-Nummer, und nicht auf der Straße heranwinken. Es könnten sonst Fahrgäste zusteigen, die einen um Uhr und Brieftasche, Fotoapparat und Reisepass bitten und zum nächsten Geldautomaten begleiten. „Millionärsausflug“ nennt man das. Es mag an der brutalen Realität des Landes liegen, dass in Kolumbien ein besonders höfliches, blumiges Spanisch gesprochen wird.

Taxi, Taxi, Taxi. Es gibt keine andere Art der Fortbewegung von Spielort zu Spielort. Von dem Saal in der Altstadt, wo zwei kolumbianische Tänzer eine schwule Bewegungsstudie von Becketts „Warten auf Godot“ vorführen, zum zehn Kilometer entfernten Libre Chapinero, wo das Teatro Nacional Bogotá mit viel TV-Prominenz seine Version von Mario Vargas Llosas Roman „Das Fest des Ziegenbocks“ zeigt: lateinamerikanische Militärpolizeidiktatur am Beispiel des dominikanischen Diktators Trujillo. Taxi, Taxi: Das spanische Teatro del Temple schickt drei Helden der Avantgarde auf die Bühne, „Bunuel, Lorca y Dali“; Kitsch, der einen nur an Flucht denken und sämtliche Gefahren Bogotás vergessen lässt.

Der Spielplan des Festivals ist so üppig wie der Time-Table der Berlinale. Ganze Tage im Taxi, eine Lotterie. Immer etwas verpasst, durchlitten, entdeckt: wie das Teatro de Ciertos Habitantes aus Mexiko. Das genial konstruierte Stück „El Automovil Gris“ entwickelt sich aus der Vorführung des gleichnamigen mexikanischen Stummfilms von 1915. Er erzählt das Schicksal einer ruchlosen Räuber- und Mörderbande. Mit Klavierbegleitung sprechen die Schauspieler Texte ein, im Stil der japanischen Benshi- und Kabuki-Tradition. Der vorsintflutliche Kinoklassiker – die Erschießungsszene am Ende ist authentisch – verbreitete damals in Mexiko eine in diesen Breiten ebenso unsterbliche wie ohnmächtige Botschaft: Verbrechen zahlt sich nicht aus, man soll anständig sein Geld verdienen. Eine hübsche Moral für ein Land wie Kolumbien, wo sich Killer ihre Pistolen von der Heiligen Jungfrau segnen lassen und die Mordrate zehn Mal höher ist als in den USA: 32000 Morde pro Jahr, bei rund 40 Millionen Einwohnern.

Das Publikum tobt

Natürlich trifft man sie hier, die üblichen Verdächtigen des internationalen FestivalZirkus, der in Kolumbien die europäischen Maßstäbe von Avignon und Edinburgh, Wien und Berlin sprengt. Der Belgier Jan Fabre war da, der Choreograf Josef Nadj aus Frankreich, das Cloud Gate Dance Theatre Taiwan, der slowenische Regisseur Tomaz Pandur. Er genießt in Bogotá Kultstatus. Vor zwei Jahren gastierte das Hamburger Thalia Theater mit Pandurs „Inferno“ in Bogotá. Damals flogen dem neu gewählten Präsidenten Uribe bei seiner Amtseinführung Guerilla-Raketen um die Ohren, es gab Bombendrohungen gegen das Festival. Inzwischen wirkt die Lage ruhiger.

Fanny Mikey hat es dem Thalia Theater nie vergessen, dass es 2002 trotzdem in Bogotá auftrat. Jetzt kamen die Hamburger mit Andreas Kriegenburgs Inszenierung von „Bernarda Albas Haus“. Ein deutscher, schwer expressiver Garcia Lorca in einem spanischsprachigen Land der Neuen Welt. Das Publikum tobte. Fanny Mikey brach in Tränen aus. Sie hat sie selbst einmal gespielt, die steinharte Witwe Bernarda Alba.

„Un Mundo Para Ver“. Eine Welt zu sehen: Den Leuten vom Theater La Candelaria, der ältesten freien Gruppe Kolumbiens, war das größte Festival der Welt eines Tages nicht mehr groß genug. Oder: zu groß, zu sehr auf Effekt und Popularität ausgerichtet. Sie gründeten ein Gegen-Festival, das in diesem Jahr auch nicht weniger als 40 Produktionen präsentierte. Im Zentrum stand die Produktion „Nayra“, der indianische Titel bedeutet Erinnerung. Regisseur Santiago Garcia treibt seine Gruppe durch Rituale von dunkler Gewalt, Mystizismus und Prozessionen eines giftigen religiösen Gebräus. Santiago Garcia spricht vom weltweiten Phänomen der „Rückkehr zur Religion“. Aber „schauen Sie sich um“, sagt er, „das Christentum funktioniert nicht mehr in diesem Land.“

Schwerer Shit-Geruch liegt in der Theaterhöhle. Hier scheint keine Sonne, kein Mond.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar