Zeitung Heute : Die Hemden-Affäre

Frauen und Frustkäufe – ein bekanntes Thema. Aber Männer? Joschka Fischer war in Washington, keine leichte Zeit. Er tröstete sich bei „Brooks Brothers“, dem legendären Herrenausstatter.

Marc Pitzke

Joschka Fischer zum Beispiel. Acht Stunden war er letzte Woche nach Washington gejettet, wurde dort von George Bush und dem gesamten Kongress trotz deutschen Wahlsiegs ignoriert, wurde in nicht mal einer Dreiviertelstunde von Colin Powell abgestraft und nach einem zweiminütigen Presse-Termin vor dem State Department von dem Amtskollegen buchstäblich im Regen stehen gelassen. Thank you and goodbye. Wer bekäme da keine schlechte Laune? Und so was muss verdaut werden. „Danke für den warmen Empfang“, bibberte Fischer also und ließ sich umgehend von Powells Amtssitz in die Connecticut Avenue chauffieren. Zu Brooks Brothers, dem edlen Herrenausstatter. Hemden kaufen.

Ein Einkaufsbummel, den das Bekleidungshaus auf Anfrage gerne bestätigt. Das Auswärtige Amt dagegen macht ihn nachträglich zum Staatsgeheimnis: Kein Kommentar, wiegeln Berlin wie auch die Botschaft in Washington alle Fragen zur spontanen Hemdenbesorgung des Chefs ab. So, als habe man sich nach einer Geheimklausel im Koalitionsvertrag erkundigt. Dabei hatte der orts- und hemdenkundige Botschafter Manfred Ischinger den Minister noch persönlich bei Brooks Brothers abgesetzt, Luft in dessen Terminkalender war ja genug. „Mit ganz leeren Händen“, verlautete es schließlich über Umwege, habe Fischer eben nicht nach Hause zurückkehren wollen.

„Shopping therapy“ nennen die Amerikaner das fröhlich, „Frustkäufe“ sagen die Deutschen deprimiert. Ein Phänomen, mit dem man bislang aber überall eher Damen in Verbindung gebracht hat. „Frühstück bei Tiffany’s“, und die traurige Holly Golightly, Sie wissen schon. Das ist natürlich Quatsch. Sagt auch die moderne Sozialforschung. Zusehends therapieren sich nämlich auch die Herren. „Wir nutzen Einkaufen zur Therapie, zur Belohnung, zur Bestechung“, schreibt Konsumwissenschaftler Paco Underhill in seinem Buch „Why We Buy“. Und fügt eine geschlechtsspezifische Sonderfunktion hinzu: Männern, die sich durch gewisse Lebensumstände „entmannt“ fühlten, gäbe Shopping das Gefühl von Virilität. Mit anderen Worten: „When the going gets tough, the tough go shopping.“

Vor allem das Bezahlen, sagt Underhill, vermittle Männern „das erregende Gefühl, das Sagen zu haben“ und „mit gebührendem Respekt behandelt“ zu werden. Kein Wunder, dass Fischer, der bei Powell wenig sagen durfte und viel zu hören bekam, bei Brooks Brothers landete: Hier war er wieder wer. Gediegene Atmosphäre, edles Holz, leise Jazzmusik, sanftes Licht (gut für den Teint), vorteilhafte Spiegel (gut für die Figur) und wieselige Verkäufer, die wie auf lautlosen Rollen daherkommen, einen mit „Sir“ anreden (gut fürs Ego) und lästige Reporterfragen nach weiterer prominenter Kundschaft diskret an sich abtropfen lassen. „Für so was sind wir zu beschäftigt“, sagt Geschäftsführerin Nancy McMillan. Da fühlt er sich wohl, der Politiker, der nach Auskunft seines Sprechers „eben eine starke Persönlichkeit“ ist und ergo so behandelt werden will.

Das hätte Fischer natürlich auch bei Ralf Setzer am Kudamm finden können, wo sie auch keine schlechten Hemden haben und „der Herr“ sagen. Doch bei Brooks Brothers konnte sich der Deutsche zumindest durchs Hintertürchen in den Washingtoner Machtklüngel einschmuggeln, der ihm politisch gerade noch die kalte Schulter gezeigt hatte. „Wir schneidern für Präsidenten und Botschafter“, sagt Firmenchef Claudio Del Vecchio. In der Connecticut Avenue kaufen Abgeordnete, Senatoren und Minister – und vor allem George W. höchstpersönlich. Oder besser gesagt, er lässt kaufen, durch First Lady Laura.

Wir schneidern für …

Elegant, doch nicht überkandidelt sind die Sachen: So was passt dem texanischen Umweltsünder genauso wie dem baden-württembergischen Grünen. Ein italienischer Kaschmir-Anzug für 798 Dollar, eine Satin-Krawatte für 95 Dollar (kauf eine zweite und du bekommst sie für 30 Prozent weniger), ein bügelfreies Houndstooth Button Down Dress Shirt für 65 Dollar, vielleicht sogar ein Fläschchen Eau de Cologne („clean and easy“) für 45 Dollar. Und alles in Seidenpapier eingewickelt und dem Kunden in einer stabilen schwarzen Tragetasche überreicht, in der er noch wochenlang andere Sachen herumschleppen kann, ohne sich von dem noblen Label trennen zu müssen.

„Nur feinste Qualität, für Leute, die solche Ware zu schätzen wissen“. Das war ja schon das Motto des Firmengründers Henry Sands Brooks. Und das hat sich inzwischen auch in Deutschland herumgesprochen – spätestens seit Christian Krachts Roman „Faserland“: „Meine Hemden sind alle von Brooks Brothers. Kein Hemdenmacher schafft es, so einen wunderbaren Stoff herzustellen. Der Kragen bei diesen Hemden rollt sich ein bisschen, und das Hellblau sieht immer frisch aus, und deswegen kann man sie wirklich jederzeit tragen. Der Unterschied zwischen Brooks-Brothers-Hemden und Ralph-Lauren-Hemden ist natürlich der, dass Ralph Lauren viel teurer ist, viel schlechter in der Verarbeitung und im Grunde scheiße aussieht.“

Und wer will das schon? Vor allem, wenn einer wie Wolfgang Joop dem zum Anzugständer gewandelten Turnschuh-Grünen Fischer vorwirft, er kleide sich, als gehöre er einem „Team von Pathologen“ an, „die als Kommunikationsthema die global disease haben.“ Da hilft nur noch das klassische Brooks-Brothers-Hemd – denn das, schreibt Warren St. John, Modekritiker der „New York Times“, „gefällt jedem Chef“. Und es erfüllt die Anforderung des neuen „Easy Looks“, den der „Spiegel“ neulich bundesweit ausgerufen hat. (In den USA hat der allerdings schon längst wieder der Rückzug angetreten, zu Gunsten der alten, strikteren Kleiderordnung im Büro).

Doch nicht nur das trieb Fischer von Powell wohl gleich zu Brooks Brothers. Schließlich verkauft der Laden, mehr noch als Kleidung, ein Image, das dem Minister im State Department ein wenig abhanden gekommen war: Macht, Glamour, Prominenz. Cary Grant, Gary Cooper, Rudolph Valentino, Errol Flynn, Fred Astaire, Clark Gable zählte das Haus, das seit 1818 das Goldene Vlies zum Symbol hat, zu seinen Stammkunden. John F. Kennedy trug Brooks Brothers. Abraham Lincoln wurde in einem Brooks-BrothersAusgehanzug erschossen. Immerhin, schick bis in den Tod.

Uramerikanisch ist der Laden also. Vor allem seit dem 11. September 2001, als die Brooks-BrothersDependance gegenüber dem World Trade Center, an der Liberty Plaza, zum weltweiten Symbol des Opfergeistes einer Nation wurde. Denn das zerstörte Ladengeschäft diente eine Zeit lang als provisorisches Leichenschauhaus. (Was manche Feuerwehrler nicht daran hinderte, zwischendurch den einen oder anderen Wildledermantel anzuprobieren.)

Wobei das mit der „uramerikanischen Eleganz“ natürlich längst auch nur noch ein verkaufsfördernder Mythos ist. 1988 kaufte das britische Warenhaus Marks & Spencer Brooks Brothers auf. Im vorigen Jahr stießen sie den maroden Konzern nun mit großem Verlust wieder ab. An einen Großkonzern aus Connecticut, der sein Geld mit Shopping Malls fürs Volk macht und von einem Italiener geführt wird.

…Präsidenten und Botschafter

So bleibt uns doch nur der tiefenpsychologische Blick auf die Hemdentour: „Sicherheit, soziales Prestige und Selbstverwirklichung“, wie es der Psychologe Abraham Maslow kategorisiert hat. Mit einem Haken nur: „Das währt nicht lange, denn in Wahrheit ändert sich nichts“, sagt Jane Hammerslough. Tatsächlich!

Vielleicht aber darf man die Dinge auch nicht ganz so ernst nehmen. Vielleicht wollte Joschka Fischer ja einfach nur ein paar Hemden kaufen, mehr nicht. Und an der Kasse ein perfektes Mitbringsel für den Kanzler dazupacken lassen: die BrooksBrothers-Benimmfibel „As a Gentleman Would Say“. Die gibt nämlich Auskunft darüber, wie sich ein Mann von Welt aus gesellschaftlich und politisch „peinlichen Situationen“ elegant befreit – ideal für die derzeitige deutsch-amerikanische Eiszeit. „Ein Gentleman denkt, bevor er spricht“, heißt es darin als goldene Regel. Und geht das mal schief, möge der Gentleman zur höflichen Standardformel greifen: „Ich hoffe, wir können weiter zusammenarbeiten und einen neuen Anfang finden.“

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