Zeitung Heute : Die Herbstzeitlose Eine Pflanze mit ihrem eigenen Rhythmus

Ursula Friedrich

Wer jetzt um diese Zeit über die Wiesen spaziert, kennt die zarte violette Blume, die ein wenig schüchtern den Herbst anzeigt wie Krokusse das Frühjahr. Wer je einen Gichtanfall hatte, kennt auch ihren Namen: Colchicum. So heißt das Medikament gegen die Höllenschmerzen, und so heißt auch die Pflanze, aus der es gewonnen wird. Zu deutsch: Herbstzeitlose.

Im „Vollständigen Giftbuch“, erschienen in Weimar 1810, wird sie als Giftpflanze der 6. Klasse beschrieben, so giftig wie Kaiserkrone, Narzisse und Gefleckter Schierling. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, sie in meinem Garten zu pflanzen, schon der Kinder wegen nicht. Denn in besagtem Giftbuch ist erwähnt, dass anno 1829 sich in Thalgau bei Salzburg ein Kind mit dem Samen dieser Pflanze tödlich vergiftete. Aber eines Tages war sie da. In einer steinigen Ecke wuchs ein Büschel dunkelgrüner, langer Blätter ohne Blüten.

Eines Tages verschwanden die Blätter wieder. Wurden zuerst gelb und ließen sich dann herausziehen. Dass ganz unten zwiebelartige Knollen waren, fiel mir weiter nicht auf. Es war Sommer, überall fing alles zu blühen an. Und ich vergaß die sonderbare Pflanze wieder. Bis Anfang September auf einmal aus der Erde nackte, schmächtige Blüten erschienen. Sahen aus wie Herbstzeitlose. Ich schlug im Botaniklexikon nach, und dann war das Rätsel gelöst.

„Die Herbstzeitlose richtet sich mit Blühen und Fruchten nicht nach dem Rhythmus der übrigen Pflanzenwelt“, stand in dem Buch. „Ihr einstmals gebräuchlicher Name ,Sohn-vor-dem-Vater’ weist darauf hin, dass die Pflanze im Mai und Juni mit einem üppigen Blattschopf erscheint, und dass erst im September und Oktober die zierliche Blüte auf einem blattlosen Stiel folgt. Das Jahr der Herbstzeitlosen beginnt nicht im Frühjahr, sondern im Herbst mit der Blüte."

Die ganze Pflanze enthält ein gefährliches Gift, das nur in der Medizin auch heilend eingesetzt wird. Verkehrte Welt! Mein kleiner Hund hat bisher übrigens nie von dem seltsamen Gewächs gekostet. Kleine Kinder muss man vor dem Abreißen der Blüten warnen. Ich könnte sie auch ausreißen. Aber die Zeitlose strahlt etwas aus, vor dem ich mich fast fürchte. Etwas Magisches.

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