Zeitung Heute : Die Herren der Düfte

Keine toten Frauen als Zutaten wie im Film – stattdessen Zigarettenkippen, Lack und Kerosin: Paris und seine radikalsten Parfümeure

Guido Mingels[Paris]

Der Sommer gibt eine letzte Zugabe, er zieht den Damen die Mäntel aus, in der Metro schwitzen die Männer kreisrunde Flecken unter ihre Achseln und lockern die Krawatten. Hoch über ihnen, in der Stadt, drückt die Sonne föhnwarme Luft in die engen Gassen, dann platzt ein Regenguss hinein und schafft ganze Heuschreckenschwärme neuer Gerüche. Modriger Staub verbindet sich mit frischem Brot, Asphalt mit nassem Hundefell, Benzin mit gebrannten Mandeln. Es stinkt nach Paris.

Wenn Christian Astuguevieille durch seine Stadt spaziert, wünscht er sich manchmal, er hätte eine Duftkamera. „Une machine“, sagt er, „die den Geruch der Umgebung konserviert wie ein Polaroid.“ Damit man ihn zu Hause noch mal riechen, sich an ihn erinnern, ihn mit anderen teilen kann. Der Mann redet, als ob er sänge.

Monsieur Astuguevieille, der sich weigert, Fremdsprachen zu sprechen, ist ein Mann der Sinne, besser: ein Aktivist für bedrohte Empfindungen, also Experte fürs Tasten, Schmecken und vor allem fürs Riechen. Hören und Sehen können von ihm aus vergehen, und er trägt selbst hier, bei Kunstlicht in den fensterlosen Ateliers von Comme des Garçons am Plâce Vendôme, seine Sonnenbrille. Für die Modefirma hat der Designer und Pädagoge in den letzten Jahren Ideen und Konzepte für Düfte entwickelt, wie sie die Welt noch nicht gerochen hat. Zumindest nicht als Parfüms. „Odeur 53“ roch nach Fotokopierer, „Garage“ nach Benzin, „Dry Clean“ nach Waschsalon.

„Die traditionelle Parfümerie“, singt Astuguevieille, „denkt noch immer in Kategorien des 19. Jahrhunderts. Blumen und Früchte, Wiesen und Wälder, Holz und Wasser, das Parfüm als Elixier der Natur. Wir leben aber schon lange nicht mehr mit der Natur. Wir sind Stadtmenschen. Wir arbeiten an Computern. Und ich habe mir schlicht die Frage gestellt: Wie können wir unsere heutige Realität olfaktorisch wiedergeben? Wie bringen wir die Gegenwart in den Flakon?“

In Paris, der Hauptstadt der Düfte, wo die Marktführer dieser Industrie (Givaudan, IFF, Symrise, Firmenich und Quest) ihre Entwicklungslabors haben und wo pro Jahr mehr als 360 neue Düfte auf den Markt kommen, jeden Tag einer, tobt nicht nur der Kampf um den Massenabsatz, hier blüht auch der kleine Klub der Avantgardisten, die alles ganz anders machen. Da ist Oliver Creed, der angeblich nur Naturprodukte verwendet, und bei dem sich Hollywoodgrößen für 100 000 Dollar ihr eigenes Eau de Toilette komponieren lassen. Da ist Serge Lutens, ein vollendeter Snob, der in seinem Salon im Palais Royal die Düfte des Orients feiert. Da ist Frédéric Malle, der den Parfümeuren freie Hand lässt und ihre Namen auf die Flakons druckt, weshalb die Besten bei ihm Schlange stehen. Doch die radikalsten Parfüms von Paris, die findet man bei Comme des Garçons.

Die Branche kann Denkanstöße gebrauchen. Der Besuch einer herkömmlichen Parfümerie oder Duftabteilung eines Warenhauses ist heute ein Erlebnis, das eher zu Kopfschmerzen führt als zum Kauf eines Flakons. Hunderte von Düften stehen auf engstem Raum und riechen einander zum Verwechseln ähnlich. Der Verpackung – hier ein Schläufchen, da ein Röschen, Chichi, so weit das Auge reicht – ist im Kampf um Aufmerksamkeit jedes Mittel recht, und so endet alles in einem Manierismus von Farben und Formen. Parfümkaufen ist heute ein so erlesenes Vergnügen wie ein Dinner bei McDonald’s.

Gier hat sich breitgemacht bei allen Mitspielern, bei den Duftentwicklern wie bei den -anbietern: den Kosmetikkonzernen im Hintergrund (Estée Lauder, L’Oréal und LVMH), deren duftenden Töchtern (Lancôme, Dior, Guerlain, Yves Saint Laurent etc.) und den Parfümerieketten (Douglas, Séphora oder Marionnaud). Der Markt ist überfüttert, der Kunde verwirrt, das Einkaufserlebnis zerstört und das Luxusgefühl preisgegeben worden. Während hinter großen Schöpfungen wie „Angel“ oder „Feminité du Bois“ jahrelange Entwicklungsarbeit steckte, werden neue Parfüms heute innerhalb von zwei Monaten entworfen. Neun von zehn Neulancierungen bestehen zu 80 Prozent aus den immergleichen Grundchemikalien. Fragt man den Physiker und Duftkritiker Luca Turin, der in der Parfümwelt die Rolle einnimmt, die Marcel Reich-Ranicki für die deutsche Literatur spielt, so bestätigt er die düstere Analyse: „Der große Trend in der Parfümindustrie ist dieser: immer mehr Geld für die Werbung, immer weniger für das Parfüm.“

Neue Ideen sind also gefragt, und davon hat Mark Buxton genug. Der Deutsche ist der Top-Parfümeur bei Symrise, der Nummer 3 unter den Duft- und Aromastoffproduzenten, 5500 Angestellte weltweit, Jahresumsatz 1,2 Milliarden Euro. Buxton gewann vor Jahren die Ausschreibung für die erste Herrennote von Comme des Garçons, das „Eau de Parfum CdG“. Christian Astuguevieille hatte damals einen Duft bestellt, der riechen sollte wie „ein großes schwarzes Schwimmbad mit schwarzem Wasser bei Nacht“. Astuguevieille verlangte von den Parfümeuren, sie sollten sich vorstellen, nackt in diesem warmen schwarzen Bad zu schwimmen, und dass sie, wenn sie das Wasser verließen, an nichts anderes mehr denken könnten, als wieder darin einzutauchen. „Christian wollte ein Parfüm wie eine Droge“, sagt Buxton. Manche behaupten, dies sei gelungen.

Auf seinem Arbeitstisch stehen Hunderte Fläschchen, exakt zu Gruppen geordnet, daneben Dutzende sternförmig aufgefächerte Riechstreifen: Skizzen künftiger Düfte. Buxtons rasierter Schädel ist so kahl wie der Raum drumherum, dazu die glasklaren Augen, das weiße Hemd.

Seine Hauptarbeitsgeräte sind Computer und Maus, in der Firmendatenbank sind genau 1385 verschiedene Produkte abrufbar, von A wie Azetatcytronellyl bis Z wie Zimtblätteröl, und davon kombiniert er jeweils etwa 50 zu einem Duft, mailt das Rezept an seine Assistentin und kriegt schließlich aus dem Labor, zwei Stockwerke tiefer, ein daumengroßes Gläschen zum Schnüffeln zurück. Dann zeigt sich, ob die Idee, die im Kopf war, mit dem Geruch zusammenkommt. Ob die Chemie stimmt.

Jetzt schließt er die Augen, riecht an einem Entwurf für Trussardi. „Lieber wäre ich blind“, sagt Mark Buxton auf die Frage, ob er sich ein Leben vorstellen könnte ohne Geruchssinn.

Das Talent in seiner Nase entdeckte der 43-Jährige dank einer verlorenen Wette. Buxton, Sohn eines Engländers und einer Deutschen, studierte in Göttingen Geowissenschaften und lungerte an einem Adventsabend vor mehr als 20 Jahren mit einem Freund in der Parfümerieabteilung eines Warenhauses herum, bis dieser sagte: Komm, wir schreiben dem Frank Elstner von „Wetten, dass ..?“ und behaupten, wir kennen alle Düfte hier! Grund zu solchem Optimismus gab es wenig, der Freund kannte etwa drei Parfüms und Buxton auch. Sie schrieben trotzdem. Zwei Monate später waren sie in der Sendung.

„Beim Üben für die Wette entdeckte ich, dass ich mir die ganzen Düfte sehr leicht merken konnte. Für mich war das einfacher, als ein Gedicht auswendig zu lernen.“ Die Sache ging zwar daneben – der Freund scheiterte gleich beim ersten Versuch, während Mark schon vier Herrennoten errochen hatte –, aber am nächsten Tag erhielt Buxton einen Anruf vom deutschen Dufthersteller Haarmann & Reimer, wo man ihm einen Ausbildungsplatz zum Parfümeur anbot. Paris, das Ziel aller Supernasen, erreichte er wenige Jahre später.

Und heute ist er ein Star. „Blödsinn“, sagt Buxton. „Ein Parfümeur ist niemals ein Star. Oder wer kennt schon irgendeinen beim Namen?“

Anders als Maler oder Musiker, die ihre Werke für Augen und Ohren schaffen, sind Duftkünstler dem Publikum vollkommen unbekannt, ja sie müssen sich sogar die Namen von fachfremden Modeschöpfern auf ihre Kreationen drucken lassen – Gaultier, Tommy Hilfiger, Calvin Klein – oder, noch schlimmer, die Unterschriften fotogener Frauen: Jennifer Lopez, Cindy Crawford, Gabriela Sabatini. Der Parfümeur lebt weit entfernt von der Glitzerwelt seines Produkts, er ist ein kleiner Angestellter eines Konzerns, der, wie Symrise, sein Geld zum größten Teil mit Aromastoffen für die Lebensmittelindustrie verdient, beispielsweise mit künstlichem Rindfleischgeschmack für Hamburger.

Auf Buxtons Arbeitstisch stehen die Fotos seiner Frau und seiner beiden Söhne, die er auf die Namen Elvis und Miles getauft hat. Jedes Jahr zum Geburtstag kreiert er für die beiden einen eigenen Duft. Bisher im Kinderzimmer: „Elvis 1“ bis „Elvis 7“, sowie „Miles 1“ bis „Miles 5“.

„Egal, wo wir sind, in der Bäckerei, in der U-Bahn, im Zoo, ich frage die beiden dauernd: Sagt mal, wie riecht’s denn hier?“ Meistens bekomme er zuerst ein bloßes „Gut“ oder „Schlecht“ zur Antwort. Erst wenn der Vater insistiert – „wie gut?“ oder „auf welche Art schlecht?“ – und wenn danach das Sprachzentrum im Hirn mit dem Hippocampus Kontakt aufnimmt, wo die Geruchsinformationen verarbeitet werden, erst dann sagen Miles und Elvis Worte wie: nach Brot. Nach Furz. Nach Himmel.

Das sind allerdings auch bloß geborgte Begriffe aus der Kulinarik, der Biologie und der Theologie, denn leider haben nur die Chemiker eine Sprache für Gerüche, und die taugt nicht für den Alltag. Trotzdem: Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man nicht zwingend schweigen. „Das Riechen“, sagt Mark Buxton, „kann man nur trainieren, indem man darüber redet.“

Denn riechen kann jeder Mensch gleich gut, bloß machen wir nichts draus. Wir sind Nasen-Autisten: Das Hirn weiß nicht, was die Nase riecht. So ist der Geruchssinn zweifellos das schlechtest genutzte Wahrnehmungswerkzeug des Menschen. Denn jede Nase ist fähig, rund 10 000 Düfte zu unterscheiden, aber nur Menschen wie Mark Buxton sind im Stande, einige Tausend davon auch zu benennen.

Das mag daran liegen, dass der Homo sapiens früher, als alles Leben Kampf gegen widrige Umstände war, einen Überlebensvorteil hatte, wenn er den Löwen riechen konnte, bevor er ihn sah oder hörte. Im Lauf der Evolution hat der Geruchssinn an Bedeutung verloren, aber die Anlagen sind noch vorhanden.

Sind Parfümeure mehr Tier als Mensch, liegen sie ein paar Schritte zurück in der Evolution? Man könnte es glauben, wenn man Buxton sprechen hört über Ambra grisea, einen Duftstoff des Pottwals, der heute synthetisch hergestellt wird, aber in seiner natürlichen Form für viel Geld und mit guten Beziehungen noch immer zu haben ist. Ein Freund von Buxton, eine Art Duft- Dealer, hat kürzlich einen riesigen Klumpen geliefert bekommen, quadratmetergroß, „und dieses glitschige, feuchte Ding stand mitten im Raum und duftete, dass du es am liebsten hättest vögeln wollen“. Zur Demonstration packt Buxton mit beiden Händen seine Schreibtischplatte, rüttelt sie.

Ja, aber was ist Ambra grisea?

„Walfischscheiße“, sagt Buxton. „Jedenfalls so was Ähnliches.“

Wo ist es? Kann man es sehen? Hat der Mann es noch?

Der Dealer wohnt in der Rue Garnier und ist gar kein Dealer, sondern Aromarohstoffhändler. „Ich habe nicht mehr viel davon“, sagt er und holt einen weißen Leinensack aus einem Schrank. Dann liegt es da. Schwarzer Schiefer, klebrig, mit Plastikfetzen und seltsamen spitzen Krallen durchsetzt. Es riecht, es riecht, ja wie denn? Nach Meerwasser. Oder nach urzeitlichen Sümpfen. Oder nach finsteren Höhlen. Und irgendwie auch nach Kätzchen im Pappkarton.

Ambra grisea, erklärt der Händler, entsteht so: Der Pottwal frisst gern Tintenfische und Riesenkalmare. Die haben aber scharfe Hornkiefer, die kann der Wal nicht verdauen. Also umschließt er sie im Magen mit einer fettigen Masse. Alle paar Jahre scheidet er einen solchen Brocken aus. Der treibt dann auf dem Meer und wird irgendwo an einen Strand angespült. „Das Stück hier kommt aus Madagaskar“, dort hat der Händler einen Lieferanten.

Bei ihm gibt es alles, was legal ist. Rosenöl aus Bulgarien, Palisander aus Brasilien, hundert Arten Patschuli und Vetivergras aus Haiti. Und was nicht legal ist, kostet mehr. Natürlicher Moschus zum Beispiel, verboten, der aus den Hoden des Himalaja-Moschushirsches gewonnen wird. Oder Zibet aus Drüsen im After äthiopischer Wildkatzen, das in seiner natürlichen Konzentration bestialisch stinkt. Wohldosiert aber, schwärmt der Händler, „duftet es herrlich narkotisch“.

Als Comme des Garçons begann, aus Zigarettenkippen, Nagellack und Kerosin Parfüms zu machen, glaubten sogar die Franzosen zunächst an eine Performance-Aktion. Ein Kritiker hielt sie „weniger für Parfüms als für Konzeptkunst, … plumpe Akkorde von der Art, wie sie Parfümeurlehrlinge jeden Tag produzieren“. So oder ähnlich hat Professor Adorno über Jazz und Populärmusik gesprochen, und tatsächlich verhält sich ein CdG-Duft zu „Chanel 5“ vielleicht wie Björk zu Mozart. Comme des Garçons hat den Pop eingeführt in eine Welt, in der es bisher nur die große Oper gab.

Es bleibt natürlich die Frage, warum man sich das antun soll. Weshalb nach Asphalt riechen, wenn es schon die Baustelle tut? Zumal man bei einigen der CdG-Düfte tatsächlich „aus den Stiefeln kippt“, wie auch Mark Buxton gesteht. Wenn man Christian Astuguevieille mit solchen Einwänden konfrontiert, wird er fast ein wenig ungehalten. „Die Leute tragen verrückte Kleider, hören die abenteuerlichste Musik und lassen sich die seltsamsten Frisuren schneiden, aber wenn es um Parfüm geht, sind sie alle konservativer als ihre Großeltern. Sie haben noch nicht gemerkt, dass auch Parfüm ein Mittel ist zum Ausdruck von Individualität. Auch die Parfümindustrie hat das noch nicht gemerkt. Aber das muss nicht für immer so sein.“ Er holt Luft, überlegt und ist sich schließlich sicher: „Es wird nicht für immer so sein.“

Dann ist es Abend in Paris, vor dem Palais de Tokyo räumen die Marktfahrer ihre Stände zusammen. Ein Hund, die Nase am Boden, streunt zwischen Kisten und Menschen umher. Er schnüffelt an einer zertretenen Frucht, einer Plastiktüte, an Platanenblättern im Staub, an Eisbrocken, auf denen bis eben noch Meeresfrüchte lagen. Jeder Geruch sei zur Schönheit fähig, hat Astuguevieille gesagt. Der Hund, wenn er könnte, würde nicken.

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