Zeitung Heute : Die herrenlose Angst

Man achtet auf herumstehendes Gepäck, bereit für den Notfall: eine Zugfahrt in Moskau

Elke Windisch[Moskau]

Der tägliche Härtetest. Sechs Leute haben Platz auf den Bänken, bezogen mit speckigem Kunstleder. Bis zu zehn sitzen halb aufeinander. Manche schaffen es, in der überfüllten U-Bahn ein Buch aus der Manteltasche zu ziehen oder die Zeitung. Neben der Tür ein Vorschlaghammer für Notfälle und manchmal ein Schaumlöscher. Bei jedem Halt die Ansage: „Sehr geehrte Fahrgäste, vergessen Sie beim Aussteigen nicht ihr Gepäck. Über herrenloses Gepäck informieren Sie bitte Polizei oder Zugpersonal über die Wechselsprechanlage im Waggon.“

Tanja Kolesnikowa steht. Sie ist 53 Jahre alt und auf dem Weg zur Arbeit. Eine von neun Millionen, die in Moskau täglich mit der Metro fahren. Und wie fast alle blickt die Frau aus ihren braunen Augen etwas ängstlich und traurig um sich.

40 Tote beim Anschlag in der Metro am 6.Februar, 26 Tote, als eine Woche später die Kuppel des „Transvaal“-Schwimmbades einstürzte. „Furchtbar“, sagt Tanja Kolesnikowa, „die armen Menschen. Aber es sind nicht nur die Opferzahlen, die so schocken.“

Moskau hat die fast 13 Jahre Postkommunismus als fortdauernde Geschichte großer und kleiner Katastrophen erlebt. Und selbst die schlimmsten bisher immer erstaunlich locker weggesteckt. Mindestens 500 Menschen starben, als Boris Jelzins Panzerattacke auf das Parlament im Oktober 1993 fast einen Bürgerkrieg auslöste. Fast 300 starben bei Sprengstoffanschlägen auf Wohnhäuser im Herbst 1999, im Musical-Theater „Nord-Ost“ vor anderthalb Jahren erstickten 130 Zuschauer, ihre 55 Geiselnehmer wurden zuvor erschossen. Dazu kommen jede Menge Attentate. Im Fußgängertunnel unter dem Puschkin-Platz explodierte ein Sprengsatz, vor einem Hotel, bei einer Flugschau, auf Märkten.

„Wir fühlen uns auch hilflos und vor allem betrogen“, sagt Kolesnikowa. „Wir haben Putin vor vier Jahren gewählt, weil er uns mehr Sicherheit versprochen hat.“ Damit Ira, ihre Tochter, nachts wieder allein und ohne Angst nach Hause gehen kann. So wie Tanja Kolesnikowa früher, als es die Sowjetunion noch gab. „Wir waren nicht frei, aber wir fühlten uns sicher“, sagt sie, und dass nur ein starker Staat mit einem starken Mann an der Spitze die Ordnung wiederherstellen könne. Der alte Polizeistaat? „Bitte sehr“, sagt Tanja Kolesnikowa, „wenn das der Preis ist, meinetwegen. Das ist dann ein ehrlicher Kuhhandel.“

Und was ist ein unehrlicher Kuhhandel? „Das, was wir jetzt haben. Wieder Zensur, eine neue Einheitspartei und ein neuer Polizeistaat mit mehr Beamten als je zuvor und weniger Sicherheit als je zuvor.“

Wenn die Familie morgens in der Küche frühstückt, fragt Kolesnikowa sich manchmal, ob sie abends alle heil und gesund wiedersehen wird. Ira, 19, die dunkle Schönheit, Ehemann Walerij und Roma, den 21 Jahre alten Sohn. Viereinhalbtausend Dollar hat Kolesnikowa dem Arzt im Wehrkreiskommando zugesteckt, damit er Roma Asthma bescheinigt und für wehrdienstuntauglich erklärt. Mit dem Geld wollten sie die Wohnung renovieren. „Egal“, sagt Tanja. „Was hab ich von einem schicken Bad, wenn ich Roma als Krüppel oder im Zinksarg wiederkriege?“ Mit Vsjatki – Bestechungsgeld – geht vieles. Vor den Gefahren im Alltag schützen sie nicht: Rivalisierende Gangs, die ihre Meinungsverschiedenheiten am helllichten Tag auf offener Straße ausschießen, Großbrände, wie im November im Wohnheim der Ausländer-Universität, Gasexplosionen, Tausende von Knochenbrüchen auf den spiegelglatten Straßen im Winter. Von den Medien längst als „Inzindent“ verharmlost. Ein nicht mehr zu korrigierender Hörfehler bei der Übernahme des englischen incident. Ein Zwischenfall, ein Vorkommnis, so belanglos, dass es keinen Platz in den Hauptnachrichten hat.

Die Stadtregierung ließ vergangene Woche im Fernsehen wissen, dass sie öffentliches Feiern jetzt für deplatziert halte. Musikanten und Folklore-Gruppen wurden abbestellt, statt Possenreißern gehörte der abgesperrte Rote Platz der Polizei. Maslenitsa, der Russen liebstes Fest – sieben tolle Tage – fiel in diesem Jahr aus. Keinem steht der Sinn nach Karneval und Kasatschok in Moskau. Eher nach schwarzem Tuch, so wie die Popen es haben. An diesem Montag, am ersten Tag des Großen Fastens, verhängen sie damit ihre goldgerahmten Ikonen.

„Gott schützt vor allem den, der sich selbst schützt“, sagt Tanja Kolesnikowa und bezahlt daher für die Fernüberwachung ihrer Wohnung monatlich 117 Rubel – dreieinhalb Euro – an die Polizei. Keine Vsjatki, sondern ein legales „Sicherheitsabonnement“. Bevor sie weggeht, ruft sie eine Nummer auf dem Polizeirevier an, gibt Namen und einen Zahlencode durch und bekommt ein Passwort. Heute „Angara 11“. Nach dem Auflegen drückt sie den roten Knopf der Alarmanlage, die ihr Telefon dann auf die Einsatzzentrale im Revier umstellt. Von der Anlage geht ein Draht ab, der die gesamte Wohnungstür von innen umläuft. Wird sie geöffnet, löst der Draht nach spätestens einer Minute Alarm aus, nach einer weiteren ist eine Streife da.

„Das funktioniert“, sagt Kolesnikowa. Einmal konnte sie den Zettel mit dem Passwort nicht finden, das sie gleich nach dem Aufschließen an die Einsatzzentrale durchgeben muss. „Ich wollte gerade anrufen, da hielt unten schon ein Auto mit Blaulicht und Sirene.“ Sie bedauert, dass „das Ding nicht arbeitet, wenn man zu Hause ist. Das wäre vor allem für meine Mutter gut.“ Die wurde neulich im Treppenhaus von Einbrechern überfallen und zusammengeschlagen.

Woran denkt Tanja Kolesnikowa, wenn sie in die Metro geht? Hat sie Angst, dass wieder ein Selbstmordattentäter zuschlägt, Panik ausbricht und die Menschen hier unten einander zertrampeln? Kolesnikowa schweigt und starrt hoch, auf den roten Sowjetstern an der Decke oben im Vestibül, wo die Rolltreppe endet und es nach draußen geht.

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