Zeitung Heute : Die Hoffnung ist rund

Die andere Weltmeisterschaft: Straßen-, Flüchtlings- und Kriegskinder – über 200 junge Straßenkicker aus 25 Ländern kämpfen in Berlin-Kreuzberg um die Copa Escobar

Constanze Bullion

Als der Hip-Hop des Kommentators losfegt wie ein Gewitter und 20 Paar nagelneue Sportschuhe über den blauen Kunstrasen jagen, da werden die Gesichter plötzlich ganz ernst und es breitet sich atemlose Stille im Stadion aus. Kaum ein Platz ist frei geblieben in dem luftigen Gebilde aus Stahlrohren, das am Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg steht. Schulter an Schulter stehen die Spieler hier drin auf den Rängen, Masoud Sultani aus Kabul beißt sich auf die Fäuste, Olivi Uwingabire aus Kigali gefriert das Lachen im Gesicht. Nur das Team aus der Türkei löst sich aus der Erstarrung und feuert die fünf Halbstarken vom Team Balkan an, die da unten auf dem Spielfeld gegen das Team aus Paraguay anrennen und mit ihrem Fußballmatch eine sehr andere, sehr aufgeregte Weltmeisterschaft eröffnen.

Über 200 jugendliche Straßenfußballer aus 25 Nationen kämpfen seit Sonntag beim „Streetfootball Festival 2006“ in Kreuzberg um die Copa Andrés Escobar. Der Pokal ist nach dem kolumbianischen Fußballstar benannt, der am 2. Juli 1994 auf offener Straße ermordet wurde, nachdem er bei der WM in den USA ein Eigentor geschossen hatte. Und weil Fußball, Armut und Gewalt nicht nur in Kolumbien nahe Verwandte sind, hat der damals in Medellin lebende deutsche Sportsoziologe Jürgen Griesbeck ein Projekt gestartet hat, das sich inzwischen wie ein Netz um die halbe Welt spannt.

80 soziale Projekte, die benachteiligte Jugendliche, Obdachlose und Straßenfußballer aus chilenischen Armenvierteln, südafrikanischen Townships oder Londoner Vororten betreuen, haben die Straßenkicker-WM in Kreuzberg organisiert, haben junge Spieler nach Berlin eingeflogen, die in ihren Heimatländern und im großen Fußballgetriebe oft weit im Abseits stehen. Jürgen Klinsmanns „Stiftung Jugendfußball“ und die Bundesregierung unterstützen das Spektakel – was ein paar besonders gewissenhafte deutsche Diplomaten allerdings nicht davon abhalten konnte, den Teams von Nigeria und Ghana die Visa zu verweigern. Die Bewerber hätten arm gewirkt, stellten die Diplomaten fest, und womöglich eine Karriere als Profifußballer angestrebt.

Als der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier am Sonntag das Stadion am Mariannenplatz betritt und das Festival der Streetfootballer eröffnen will, da gehen seine Worte in einem Pfeifkonzert unter. Schließlich gibt es kaum einen hier im globalen „Team Village“ Kreuzberg, der nicht wie die Jungs aus Nigeria und Ghana ganz groß rauskommen will beim Fußball und jetzt zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommt, wie es so ist, mal ein Star zu sein.

Einer von ihnen ist Mittelstürmer Masoud Sultani aus Kabul. Er hat jetzt ein viel zu großes Bett zwischen Baugerüsten, das im Klassenzimmer einer leergeräumten Kreuzberger Schule steht. Ein zarter Dunst von Lampenfieber und Sportlerehrgeiz zieht durch diese wuselige Bettenburg, in der die Afghanen sich ein Zimmer mit den Türken teilen und die Brasilianer bei den Leuten aus Paraguay schlafen – wenn sie nicht gerade feiern, was meistens der Fall ist.

Masoud Sultani ist ein magerer kleiner Kerl von 13 Jahren, der auf den ersten Blick wie ein Achtjähriger wirkt und mal zum Heer der Nichtstuer, Schuhputzer und Schulschwänzer von Kabul gehört hat, als die Jugendhilfeorganisation „Learn and Play“ ihn eingesammelt und über Fußball an Bücher herangeführt hat. Neun Kinder sind sie zu Hause, sein Vater fährt „so was wie ein Taxi“, und irgendwie hat Masoud es geschafft, auf die deutsche Oberrealschule in Kabul zu kommen. Wenn er die abgeschlossen hat, sagt er, wird er Profi „wie Ballack oder Klose“ und dann Diplomat, am liebsten in Berlin, „ich liebe Deutschland“. Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was Masoud nicht gefällt an diesem fremden Deutschland, in dem so viel Platz ist auf den Straßen und die Häuser so wenig Löcher haben.

Die jungen Fußballer werden während des Turniers rund um die Uhr betreut und in vornehmen VIP-Bussen herumgefahren. An einem sonnigen Morgen vor dem Kick-off werden sie zum Beispiel in den Stadtteil Friedrichshain kutschiert. Auf dem Dach eines Großhandelsgebäudes, hoch oben über der Stadt, sollen die Jugendlichen einen sündteuren Fußballplatz einweihen. Auf der Tribüne sitzen Herren in zu engen Anzügen, Masoud aber sieht nur dieses Wahnsinnstor aus Gummi, in das sich jetzt ein bulliger, kahl rasierter Pole stellt. Der kleine Afghane schießt, trifft ins Netz, schießt wieder, trifft wieder, bis der Pole irgendwann diskret um seine Auswechslung bittet.

Die Helden dieser Straßen-WM allerdings werden wohl andere sein, Masoud ist im afghanischen Team nur so eine Art Begleiter, der anfeuert und für Stimmung sorgt. Er ist noch zu jung, um auf den Platz zu dürfen, dort spielen Ältere und Erfahrenere: afghanische Lehrersöhne, Abiturienten und Studenten, alles Straßenfußballer und vor allem solche, die wegen ihrer sportlichen Talente nach Deutschland geschickt wurden. Das Land erwartet jetzt viel von seinen Söhnen.

Straßenfußball ist nicht nur ein Zeitvertreib, sondern längst auch ein Politikum – und in vielen Projekten Ländern auch so eine Art zusätzlicher Sozialkundeunterricht. Da gibt es das „Peace Team“ aus Tel Aviv, in dem palästinensische und israelische Jugendliche gemeinsam antreten. Pausenlos sind sie jetzt von Journalisten umzingelt, denen sie versichern, dass sie lieber miteinander kicken, als aufeinander zu schießen. Die Kinder aus Kenia erzählen, dass sie fürs Müllsammeln zu Hause im Dorf Punkte für das nächste Fußballspiel gutgeschrieben bekommen. Bei „Kick Aids“ aus Südafrika wird beim Training über sexuelle Enthaltsamkeit geredet. Ein Gebot, das hier in Berlin offenbar auf eine harte Probe gestellt wird, wie ein leise besorgter Trainer erzählt.

Verteidiger Olivier Uwingabire lehnt sich weit über das Geländer im Stadion am Mariannenplatz und verfolgt die ersten Partien auf dem Rasen. Wahnsinn, sagt er. Diese ganze Organisation. Die Häuser. Das Stadion. Sein Team heißt „Espérance“, es kommt aus Ruandas Hauptstadt Kigali, normalerweise spielt man da auf Sandplätzen hinter der Schule. Straßenfußball in Kigali, das ist für viele eine Methode, die Familie über Wasser zu halten. Für manche Spiele gibt es ein bisschen Geld von Sponsoren, und die Fußballtrainer sorgen dafür, dass die Spieler auch in die Schule gehen.

Es gibt kaum einen im Team „Espérance“, an dem der Bürgerkrieg spurlos vorübergegangen ist. Pascualine ist 17 und hat die Eltern und seine kleinen Schwestern verloren, Arlette den Vater und ihre Brüder. Fragt man aber, wer hier Hutu ist und wer Tutsi, hört man immer nur einen Satz: „Wir sind alle Ruander.“

Überhaupt geht es jetzt weniger ums Gestern als ums Heute. Um das Turnier am Sonntagnachmittag zum Beispiel, bei dem die Ruander ausgerechnet gegen Brasilien antreten müssen. Und um das Essen, das hier in Deutschland, nun ja, „sehr anders“ ist als in Ruanda, wie Olivier sich ausdrückt. Es gibt da so ein Gemüse, sagt er, es ist klein, manchmal grün und manchmal khakifarben. Er macht eine Handbewegung, als würde er etwas sehr Kleines zwischen seinen Fingern zerkrümeln. Er meint Brokkoli. „Das ist nicht essbar“, sagt er, „das muss man wegschmeißen.“ Aber sonst, sagt er, ist Deutschland einfach großartig. Würde er hier bleiben? Er schüttelt den Kopf. Niemals, sagt er. Dann muss er los. Das Team ruft, es muss heute gewinnen.

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