Zeitung Heute : Die Hoffnung starb 1976

Vor 30 Jahren warf die DDR Wolf Biermann raus. Und nicht nur der Sänger musste erkennen: Für Kommunisten ist in diesem Staat kein Platz.

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Von Kerstin Decker Im Fernsehen der DDR läuft 1976 ein viel beachteter Mehrteiler: „Daniel Druskat“ handelt von der Kollektivierung der sozialistischen Landwirtschaft. Kluger, fortschrittlicher Parteisekretär (Hilmar Thate) hat Ärger mit bösem, reaktionären Bauern, der seine größten Kartoffeln für sich behalten und nicht in die LPG will (Manfred Krug, wer sonst?). Sehr unterhaltsam, auch heute noch. Im Oktober 1976 bekommen Hilmar Thate, Angelica Domröse und Manfred Krug die zweithöchste Auszeichnung, die die DDR zu vergeben hat. Den Nationalpreis zweiter Klasse für den Parteisekretär, die Frau des Parteisekretärs und den Ego-Bauern.

Nur einen Monat später haben die drei Höchstprämierten eine Erklärung unterschrieben, in der das bislang in der DDR ungehörte, ungeheuerliche Wort „Protest“ vorkommt. Und der Chef des DDR-Fernsehens brüllt durch Domröses und Thates Telefon: „Was bildet ihr euch eigentlich ein?“

Diese Frage, was die Beteiligten sich damals eigentlich einbildeten, ist bis heute nicht zureichend geklärt. Am 15. November wird der Sänger Wolf Biermann 70 Jahre alt. Als er aus der DDR ausgebürgert wurde, war er gerade einen Tag lang 40. Und das Schriftstück mit dem DDR-Un-Wort „Protest“ wird am 17. November 30 Jahre alt. Aus diesem Grunde wollte der „Spiegel“ soeben mit denen sprechen, die damals dieses Wort gebrauchten. Aber fast keiner wollte mit dem „Spiegel“ reden. Was ist da los? Der „Spiegel“ schrieb: „Eigentlich ist es eine wunderbare Geschichte. Eine Geschichte mit klugen, tapferen und lauteren Helden, die sich einem Schurkenregime widersetzten.“ Der „Spiegel“ nennt die Beteiligten „Helden“, immer wieder. Wahrscheinlich erschrecken „die Helden“ noch heute tief über dieses Wort. Denn alles wollten sie sein damals, nur keine Helden. Und dem Schurkenregime sollte um Himmels willen nichts passieren. Es gibt heute keine allgemein verständliche Sprache mehr für ihre Erfahrungen.

Wer diesen DDR-November vor 30 Jahren wirklich verstehen will, muss sich noch einmal ganz auf die Bewusstseinswelt des Kommunismus einlassen, aus mindestens zwei Gründen. Die Akteure von damals verstanden sich fast ausnahmslos als Kommunisten und es war ihr „Schurkenstaat“. Und Biermann war der Oberkommunist. Die geschichtliche Bedeutung der Biermann-Ausbürgerung ist, dass sie der eigentliche Anfang war vom Ende der DDR. Doch keiner der Beteiligten wollte die DDR stürzen. Nicht mal Honecker, nicht mal das Politbüro. Die emotionale Differenz zum November 13 Jahre später könnte größer nicht sein. Keine Euphorie, eher Verzweiflung über das eigene Nicht-anders-Können.

Aber von vorn.

Noch herrscht Ruhe im Land und mehr als das. Selbst Mitte Herbst ist er da, ein leiser Hauch von Frühling. Vielleicht ist das gar kein richtiger Frühling, nur ein Windchillfrühling, den aber viele spüren seit Honeckers Amtsantritt 1971. Denn Frühling ist Milde, und Honecker, das war eine plötzliche Milde nach dem schneidenden Ulbricht-Dauerwinter. Auch eine kulturelle Milde? Vielleicht wird das doch noch etwas mit dem Sozialismus, glauben nun sogar manche von denen, die schon an gar nichts mehr glaubten. Sogar die Wandlitzer fühlen sich gut und so sicher, dass sie sich in diesem Herbst endgültig von Biermann befreien wollen.

Biermann stört den Frühling, die neue Milde. Nicht weil er gegen den Kommunismus ist, im Gegenteil. Biermann zeigt immerzu auf die anderen und sagt: Ihr seid gar keine! Keine echten. Ihr seid in Wahrheit Antikommunisten! Und das hält kein Kommunist aus.

Wenn der „Klassenfeind“ sich benimmt wie der „Klassenfeind“, ist das in Ordnung, denn niemand hat etwas anderes von ihm erwartet. Insofern war Adenauer schwer in Ordnung, denn der benahm sich genau so, wie die alten Kommunisten der DDR es voraussahen. Sie waren Unterschichtler, tief plebejischen Bewusstseins, die durch die Gunst einer politischen Stunde zur neuen Oberschicht geworden waren. Niemand wusste besser als sie selbst, dass keine Oberschicht das verzeiht.

Offenen Hass kannten sie, ihr Leben lang, der hat sie geprägt, auch in ihren emotionalen Möglichkeiten, damit konnten sie umgehen. Mit der neuen Ostpolitik der SPD war es schon viel, viel schwieriger, denn die passte nicht in das nicht eben faltenreiche Weltbild des Kommunismus. Das Schlimmste aber waren die Verdächtiger in den eigenen Reihen, eben solche wie Biermann. Also Aussperren oder Einsperren? Es ist der Unterschied zwischen einem Hamburger Federbett und einer Bautzener Knastbank. Biermann wusste das auch: „Doch ich will nicht auf die Spitze/ Treiben meine Galgenwitze/ Gott weiß es gibt Schöneres/ Als grad eure Schnauzen/ Schönere Löcher gibt es auch/ als das Loch von Bautzen.“ Der Heine-Ton, dieser freche Selbstgenuss, den nehmen sie ihm besonders übel.

Biermann kommt es gleich merkwürdig vor, dass er, der Dauerinternierte seiner eigenen Wohnung an der Chausseestraße in Mitte, plötzlich eine Tournee machen darf, sogar in den Westen. Die IG Metall hatte ihn eingeladen; er solle da bei ihnen ein wenig progressiv wirken. Biermann nimmt es als ein Zeichen der Öffnung. Soeben hatte in Berlin eine internationale Konferenz der Arbeiterparteien stattgefunden, und nachher standen die Reden der italienischen, französischen und spanischen Kommunistenführer im „Neuen Deutschland“ – Reden, sagt Biermann, die jede für sich genommen 20 Jahre Bautzen wert waren. Der Abdruck war die Bedingung Berlinguers, Marchais’ und Carillos gewesen. Biermann frohlockt und Havemann, sein bester Freund, sagt: Dich nicht wieder reinzulassen, würden sie nicht wagen!

Biermann fährt, spielt dieses wunderbare Konzert in Köln – es ist schon etwas anderes, im eigenen Wohnzimmer zu singen als vor vielen Tausend, aber Biermann erklärt den Kölner Nachthimmel umgehend zu seinem Wohnzimmer. Wenn man dieses Konzert heute hört, ist es fast wie eine Liebeserklärung an die DDR – an das, was aus ihr werden sollte. Es ist dieser volle Sehnsuchtston, der vielleicht das Schönste ist, was der Sozialismus hervorgebracht hat. Dass die oberen Genossen das nicht hören, ist klar. Sie sind nicht sehr musikalisch. Die wirklich harten Lieder lässt er weg, aber, wird Biermann später sagen, als er seine Akten gelesen hat: „Ich hätte da in Köln auch den ganzen Abend ,Hänschen klein, ging allein’ singen können, sie hätten mich trotzdem nicht reingelassen.“ Die Sache ist längst beschlossen, das argwöhnen viele.

Dass er ausgebürgert ist, erfährt Wolf Biermann bei 160 km/h auf der Autobahn nach Bochum. Gut, dass nicht er am Lenker sitzt, sondern ein Fahrer von der IG Metall. Am Abend in Bochum wird Biermann nicht singen. „Dazu war ich aus sportlichen Gründen nicht in der Lage. Ich war k.o. Das Konzert wurde abgesagt.“

Von einem Tag auf den anderen ist der Windchillfrühling zu Ende, ist es tiefer November, alle Bäume sind kahl und werden nie wieder grün. Es kommt überraschend, für alle Seiten. Die Nationalpreisträger zweiter Klasse, Angelica Domröse und Hilmar Thate, sind schon von der Autobahn runter, sie hatten Güstrow inspiziert, ob man da nicht einen Volksliederabend fürs Fernsehen machen könnte. Kaum zu Hause, sehen sie die Spätausgabe der „Tagesschau“ und denken von diesem Augenblick an nie wieder an einen Volksliederabend in Güstrow.

Es geht allen ähnlich. „Wenn man so wie von einer Keule getroffen ist, dass einem die Beine wegrutschen, dass einem alles aus der Hand fällt“, sagt die große Biermann-Skeptikerin Christa Wolf, „da muss man sich doch fragen: Was ist jetzt hier eigentlich los?“ Auffällig viele Künstler beginnen an diesem Tag Briefe zu schreiben. Jeder für sich. Die Briefe sind meist an Erich Honecker oder das Politbüro. Manfred Krug hat schon ziemlich viele Seiten fertig, als ein paar Profischreiber bei ihm klingeln, deren Brief ist viel kürzer, und, wie Krug findet, auch viel besser.

Er lautet: „Wolf Biermann war und ist ein unbequemer Dichter – das hat er mit vielen Dichtern der Vergangenheit gemein. Unser sozialistischer Staat, eingedenk des Wortes aus Marxens’ 18. Brumaire’, demzufolge die proletarische Revolution sich unentwegt selbst kritisiert, müsste im Gegensatz zu anachronistischen Gesellschaftsformen eine solche Unbequemlichkeit gelassen nachdenkend ertragen können. Wir identifizieren uns nicht mit jedem Wort und jeder Handlung Wolf Biermanns und distanzieren uns von den Versuchen, die Vorgänge um Biermann gegen die DDR zu missbrauchen. Biermann selbst hat nie, auch nicht in Köln, Zweifel darüber gelassen, für welchen der beiden deutschen Staaten er bei aller Kritik eintritt. Wir protestieren gegen seine Ausbürgerung und bitten darum, die beschlossenen Maßnahmen zu überdenken. 17. November 1976.“

Krug unterschreibt sofort, die ersten Namen unter dem Text sind die Sarah Kirschs und Christa Wolfs. Am frühen Nachmittag fährt Stephan Hermlin zum „Neuen Deutschland“, um die Petition abzugeben: zum Druck abzugeben. Dass er gar nicht erst hätte loszufahren brauchen, ist allen Beteiligten klar. Was der zweite Stefan inzwischen tut, hat Manfred Krug unübertroffen formuliert: „Während etwa derselben Zeit war Stefan Heym unterwegs zur Reuters-Agentur. Er verstand was von psychologischer Kriegsführung und war deshalb äußerst verzweifelt, denn nur in äußerster Verzweiflung konnte er dem Klassenfeind erlauben, einen Blick auf das Wort ,protestieren’ zu werfen.“

Manfred Krugs „Abgehauen“ ist das populärste Buch zur Biermann-Ausbürgerung. Krug besitzt einen Hang zur lapidar-überlegenen Formulierung – kein Satz ohne Pointe –, und vielleicht darum hat er eine falsche Fährte gelegt: „Als sie uns den (Biermann) weggenommen haben, wurden wir zum ersten Mal richtig böse. Wie standen wir auf einmal da! Man kann sagen schutzlos. ... Nie mehr würde man ohne ihn herausfinden, wie viel Missvergnügen noch gezeigt werden durfte.“

Natürlich ist das Ironie, keiner der Anwesenden hätte Biermann dafür gebraucht. Es handelt sich – bei allen – um einen Akt der Selbstachtung. Es gibt keine Öffentlichkeit in der DDR, aber es gibt öffentliche Menschen. Die dürfen nicht reden, man hört sie aber trotzdem: Man hört ihr Schweigen. Die DDR ist eine strukturell kindliche Gesellschaft, in der ziemlich viele sehr erwachsene Menschen leben. Erwachsensein heißt, Verantwortung für das eigene Denken und Handeln übernehmen. Und jetzt plötzlich manifestiert sich dieses Erwachsensein nach außen. Aber nicht als Hochmut, schon gar nicht als Heldentum, sondern als Verzweiflungsakt. Als ein lutherisches Hier-stehe-ich..., als eine Tapferkeit des Herzens. Ohne einen Moment des Triumphs. Damit haben die alten Genossen der DDR nicht gerechnet. Das konnten sie auch nicht verstehen. Sie hatten zum Geist ein sehr plebejisches, in der Grundschicht feindliches Verhältnis: Sie heiligten (Marxismus) oder sie verketzerten ihn. Und vor allem hatten sie Angst vor ihm.

Der Fernsehchef Adameck befiehlt das Nationalpreisträgerpaar zu sich, Werner Lamberz, Sekretär für Agitation und Propaganda im Politbüro, befiehlt alle drei zu sich. Wir haben euch gemacht!, ruft Lamberz Thate und Domröse entgegen. Thate blickt sehr überrascht zurück: Wer hat uns gemacht? Ihr? Wenn schon, dann haben Brecht und die Weigel uns gemacht, aber ihr? Glaubt ihr das wirklich?

Manfred Krug reist schon im folgenden Sommer aus, denn die DDR versucht, die Richtigkeit des Lamberz-Satzes an ihm zu demonstrieren: Wir haben Euch gemacht, wir können Euch auch vernichten. Abgesagte Konzerte, keine Angebote mehr.

Die Repressalien gegen die Unterzeichner beginnen. Auch die Staatsgewalt sammelt nun Unterschriften. Protestiert gegen die Protestierer! Das Volk schaut sich ratlos an: Wer ist eigentlich Biermann? Kennt fast keiner. Woher auch, der durfte doch gar nicht singen. Und wir sollen es gut finden, einen auszubürgern, den wir gar nicht kennen?

Der große Exodus der Künstler beginnt. Und der Exodus derer, die keine Lust haben, für die Ausbürgerung wildfremder Menschen zu sein.

Nur Wolf Biermann sitzt im Westen und denkt, sein Leben sei zu Ende. Er ist Kommunist, vor die Wahl gestellt, Knast oder Hamburger Federbett, hätte er den Knast genommen, sagt er später. Vielleicht wollten die Herrschenden nur milde sein, aber nicht bloß Heym registriert: Das Ausbürgern ist eine Nazi–Praxis. Das letzte Konzert der November-Tour in seiner Heimatstadt Hamburg spielt Biermann. Über sechs Stunden. Dann veröffentlicht er ein Buch, das heißt „Nachlass 1“. Wie bei Toten üblich. Noch sagt er jedem, dass er Kommunist ist, denn das ist ein heiliges Wort für ihn wie für seine ganze kommunistische Hamburger Familie.

So wie noch heute im Osten irritierend viele das Wort „Kommunist“ für ein heiliges Wort halten, vielleicht auch, weil ihnen in der Definition, wonach der Kommunismus ein Verbrechen ist, irgendetwas fehlt.

Wolf Biermann ist schon lange kein Kommunist mehr. Aber er weiß, was der Kommunismus auch war: „Die kommunistische Utopie ist ein legitimes Kind der Aufklärung, eine Konsequenz der sozialen und allgemeinen menschlichen Emanzipation.“ Ihre Motive sind älter als sie selbst und wer sie je ernst nahm – sagt Biermann – könne kein Kommunist mehr sein.

Hilmar Thate und Manfred Krug in „Daniel Druskat“, Krug verließ die DDR 1977.

Angelica Domröse ging zusammen mit ihrem Mann Hilmar Thate 1980 in den Westen.

Christa Wolf wurde 1976 aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen.

Auch Sarah Kirsch wurde ausgeschlossen und zog 1977 nach West-Berlin.


WAS 1976 NOCH GESCHAH

40-Stunden-Woche für Jugendliche

Neues Scheidungsrecht

Der Bundestag verabschiedet das neue Eherecht. Danach werden Scheidungen nicht mehr mit der Schuld eines Partners, sondern mit dem Scheitern der Ehe begründet (Zerrüttungsprinzip). Auch wird der Unterhaltsanspruch neu geregelt, der bisher an die Schuldfrage geknüpft war.

Fünf Tage reichen

Der Bundestag verabschiedet ein neues Jugendarbeitsschutzgesetz. Für Jugendliche wird unter anderem die Fünf-Tage-Woche, der Acht-Stunden-Tag, die 40-Stunden-Woche und die Erhöhung des Urlaubs von 24 auf 25-30 Urlaubstage eingeführt. In der DDR werden derweil die Mindestlöhne von 350 auf 400 Mark der DDR erhöht. Die Arbeitszeit wird auf 43 3/4 Stunden verkürzt, Schichtarbeiter müssen nur 42 Stunden arbeiten.

Die Concorde startet

Nach 15 Jahren Entwicklungszeit nimmt die Concorde (Foto) den regelmäßigen Flugbetrieb über den Atlantik auf. Das Überschallpassagierflugzeug ist eine britisch-französische Gemeinschaftsproduktion und erreicht bis zu 2330 Stundenkilometer. Damit fliegt die Concorde in dreieinhalb Stunden von Paris nach New York.

Palast eröffnet

Auf dem Platz des ehemaligen Berliner Stadtschlosses in Ostberlin wird der „Palast der Republik“ eingeweiht.

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