Zeitung Heute : Die Hoffnung stirbt jetzt

Wenn die Spürhunde bellen, dann nur, weil sie einen Toten gefunden haben. Am Leben gebliebene suchen sie in Kattowitz vergeblich

Thomas Roser[Warschau]

Eine Taube auf einem Foto, weiß, sie neigt den Kopf, senkt ihn ein wenig. Sie scheint den Blick nach innen zu richten. Wenn man einem Vogel Gefühle zuschreiben könnte, dann wäre dieser traurig. Zu sehen ist er auf einer Internetseite, „Taube 2006“ und „7. Internationale Brieftaubenmesse“ steht über dem Bild, „Katowice 27. - 29. 01. 2006“ darunter.

Vielleicht gibt es diese Seite mit diesem Bild schon länger im Internet, der schwarze Trauerflor in der rechten oberen Ecke aber ist neu.

In Kattowitz fällt Schnee. Er fällt auf Sanitätszelte und Krankenwagen. Er fällt auf ein halbes Dutzend Blechpavillons, auch auf das, was von jenem mit der Nummer I, dem größten, übrig ist. Es ist das Messegelände, der Internationale Markt Kattowitz, ein paar Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Mit Motorsägen versuchen sich die Rettungskräfte durch das Dickicht abgeknickter Stahlträger, umgestürzter Gerüste und Wellblech- Platten einen Weg zu bahnen. Das polnische Fernsehen ist am Sonntag voll mit diesen Bildern.

66 Tote sind bereits geborgen, sagt der Einsatzleiter Leszek Suski. Seit dem späten Samstagabend haben nur noch Leichenwagen das Messegelände verlassen, die Sirenen von Notarztfahrzeugen sind seitdem nicht mehr zu hören. Unwahrscheinlich sei es, dass die Menschen in den Hallentrümmern den eisigen Frost von minus 17 Grad in der Nacht überstanden hätten, sagt Suski. Er ist müde. „Die niedrigen Temperaturen erlauben keine Hoffnung auf weitere Überlebende“, sagt er.

Über 160 Verletzte wurden geborgen, die meisten von ihnen in umliegende Krankenhäuser eingeliefert. Viele haben Schnittwunden, andere Kopf- und Wirbelsäulenverletzungen. Doch obwohl die Feuerwehr und der Katastrophenschutz auch am Sonntag noch mit Suchhunden und Wärmesonden nach Verschütteten fahnden, gehen die Behörden davon aus, dass sich nur die Zahl der Todesopfer noch erhöhen werde. Wenn die Hunde bellen, dann nur noch, weil sie einen weiteren Toten gefunden haben.

Wie Bilder einer eingedrückten Streichholzschachtel wirken die Luftaufnahmen von der Unglückshalle. Mit einem lauten Knirschen und Knacken im Dach hatte sich die Katastrophe am Samstagnachmittag viertel nach fünf angekündigt. „Ich schaute nach oben, und schon kam alles herunter“, sagt einer, der dabei war und am Sonntag noch einmal zurückgekehrt ist. Eine, vielleicht zwei Minuten habe der Einsturz des Daches gewährt, „mindestens 1000 Menschen“ seien da in der Halle gewesen. So wie er hätten sich viele selbst retten können: „Mit einem Stuhl schlug ich eine Scheibe ein und kletterte nach draußen.“ Es ging nur mit Gewalt.

Andere Überlebende berichten von verschlossenen Notausgängen, von Sicherheitsleuten, die nach Schlüsseln dafür gefragt worden seien und deren Antwort: „Wir haben keine Schlüssel.“

Die Kattowitzer Brieftaubenschau ist die größte in Polen, die zweitgrößte in Europa, nur zur Taubenmesse in Dortmund kommen mehr Menschen. 12 000 Besucher wurden erwartet, 43 000 Fachleute – nicht nur aus Polen – sind eingeladen worden. Für Samstagnachmittag waren ein Konzert und ein Fest geplant.

Seiner Frau und seiner Tochter sei es geglückt, rechtzeitig nach draußen zu gelangen, berichtet ein Mann im Fernsehen. Er heißt Marian Pacud, er liegt auf einer Bahre in der Notaufnahme eines Kattowitzer Krankenhauses, mit blutverkrusteten Augenbrauen, schwer atmend: „Ich wusste nicht was geschah. Etwas fiel auf mich, meine Beine waren eingeklemmt, ich verlor das Bewusstsein. Als ich wieder erwachte, streckte ich die Arme aus und rief: Zieht mich hier raus!“

Zwar konnten einige der Verschütteten über ihre Mobiltelefone Kontakt mit den Rettungskräften aufnehmen. Doch nicht nur der Frost erschwerte die Bergungsarbeiten. Schweres Gerät konnte der Katastrophenschutz nicht einsetzen, Hohlräume, in denen Menschen vermutet wurden, hätten eingedrückt werden können. Auch vom Einsatz von Heißluftgebläsen musste der Krisenstab absehen: Experten befürchteten weitere Einstürze beim Abschmelzen der Schneemassen.

„Eine solche Katastrophe hat es in Polen noch nicht gegeben“, stammelt in der Nacht zum Sonntag kreidebleich der an die Unglücksstelle geeilte Chef der Präsidentenkanzlei, Andrzej Urbanski. Und der erkrankte Staatschef Lech Kaczynski ruft am Sonntag einen Tag der nationalen Staatstrauer aus. Premier Kazimierz Marcinkiewicz, der nach dem Erhalt der Katastrophennachricht seinen Besuch beim Skisprung-Worldcup in Zakopane abgebrochen hatte, weist die Behörden an, landesweit die Dächer aller Großhallen zu kontrollieren. Gefährdete Hallen müssten geschlossen, die Verantwortlichen bestraft werden. „Ein solches Drama darf sich nie mehr wiederholen.“

Eine Sonderkommission soll nun die Ursache des Unglücks untersuchen. Ob die erst fünf Jahre alte Halle wegen der Last des Schnees oder vielleicht auch wegen Konstruktionsfehlern einstürzte, wisse noch keiner, sagen die Behörden. Schon seit Tagen hatten Polens Medien vor der Überbelastung von Gebäuden durch die tonnenschweren Schneeschichten gewarnt – besonders die großen Flachdächer von Fabrikhallen und Supermärkten seien gefährdet. Das Dach der Kattowitzer Messehalle sei regelmäßig vom Schnee geräumt worden, versichert die Messeleitung. Feuerwehrmänner äußerten angesichts der gewaltigen Schneemassen am Unglücksort jedoch die Vermutung, dass diese zumindest nicht ausreichend vom Dach beseitigt worden seien. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen eingeleitet.

Schwarzer Trauerflor baumelt neben den auf Halbmast gesetzten weiß-roten Nationalflaggen vor allen Amtsgebäuden Oberschlesiens. Weniger die Frage nach den Verantwortlichen als das Mitgefühl für die Opfer bestimmt die Stimmung in Polens Kohlerevier. Bergbaukatastrophen sind die Menschen hier gewohnt. Doch ein derartiges Unglück haben sie in den letzten Jahrzehnten nicht erlebt, weder unter noch über Tage. Wie einst in den bewegten Zeiten der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc rücken sie nun wieder zusammen: von Zabrze bis Tychy, von Gliwice bis Bytom. Und sie fahren nach Kattowitz.

Schon unmittelbar nach dem Einsturz der Halle fuhren Anwohner mit Decken und Thermoskannen voll Tee zum Unglücksort, brachten mit ihren Autos Leichtverletzte in die Krankenhäuser. „Irgendwas muss man für die Leute ja tun“, antwortet ein Familienvater auf die Frage, warum er wie hunderte andere Kohlerevierbewohner dem Aufruf zum Blutspenden folgte. Wohltätigkeits-Organisationen wie die Caritas richten Spendenkonten ein. Tausende Polen gehen in die Kirchen zu den Gedenkgottesdiensten. Zu Gebeten und Spenden für alle, die unter dem Dach der Halle ums Leben oder zu Schaden kamen, fordert Erzbischof Damian Zimon seine Landsleute beim Trauergottesdienst in der Kathedrale von Kattowitz auf. Er sagt: „Die Opfer und ihre Familien bedürfen unseres Wohlwollens – und unserer Hilfe.“

Am Abend dann entscheidet die Einsatzleitung, ab Montagmorgen doch schwere Räummaschinen einzusetzen. Vorher sollen noch einmal Hunde durch die Trümmer geführt werden, Tote suchen.

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