Zeitung Heute : Die Hoffnung und ihr geschundenes Gesicht

„Ohne Kiew ist Europa nur halb so schön“: Viktor Juschtschenko auf Werbetour für die Ukraine – und der Bundestag trägt Orange

Stefanie Flamm

Die Leute von der Botschaft haben Wert darauf gelegt, dass es hell ist im Raum, das Licht aber nicht zu steil auf sein Gesicht fällt. Die Schwellungen und Krater, die das Giftattentat vom September dort hinterlassen hat, sollen in Berlin keine Schatten werfen. Viktor Juschtschenko will einen möglichst makellosen Eindruck in Deutschland hinterlassen.

Es ist seine dritte Auslandsreise als Präsident der Ukraine und sein Antrittsbesuch in Berlin. Und es geht um viel. „Ich möchte mein Land zuerst in die Demokratie und dann nach Europa führen“, sagte er schon am Tag vor seiner Abreise in Kiew. In dem Gespräch, das die Deutsche Welle Dienstagmittag im Haus der Bundespressekonferenz am Spreeufer arrangiert hat, nennt er einen konkreten Zeitplan: 2007 will er mit den Verhandlungen beginnen, in zehn Jahren spätestens soll die Ukraine EU-Mitglied sein. „Ohne Kiew ist Europa nur halb so schön. Erklären Sie das auch Ihren Chefs.“

Juschtschenko, der eingeklemmt zwischen einem Botschaftsangehörigen und seiner Pressesprecherin an einem großen Bistrotisch sitzt, schaut in die Runde. Ob das zu flapsig war? Es ist gewöhnlich nicht sein Stil, Witze zu reißen. Juschtschenko ist einer, der eher zu leise spricht, seine Sätze sind meistens auch ein bisschen zu lang. Manchmal poliert er beim Nachdenken seinen Ehering mit dem Daumen der linken Hand, die meiste Zeit sitzt er einfach nur da, reglos und konzentriert, als habe man ihn auf dem Stuhl festgenagelt. Ein Musterschüler, der weiß, dass er gut ist, sich aber nicht in den Vordergrund spielen will. Den grellen Schal, der seit der siegreichen „Revolution in Orange“ sein Markenzeichen ist, hat er zu Hause gelassen. Der Präsident trägt ein weißes Hemd mit beigefarbenen Balken und eine dunkle, dezent gestreifte Krawatte. Seine Begleiter sind alle in Schwarz gekommen.

Sie wollen sich nicht mehr als Volkstribunen feiern lassen, sondern ein Land repräsentieren, das auf einem guten Weg ist. „Demokratisierung“, „Liberalisierung der Wirtschaft“, „ Pressefreiheit“, „Unabhängigkeit der Justiz“ sind Schlagworte, die im Gespräch häufig fallen. „Wir müssen begreifen, dass es von uns allein abhängt, wann und ob wir Mitglieder der EU werden“, sagt Juschtschenko, aber er sagt auch, dass er Deutschland, den einzigen westeuropäischen Staat mit einer osteuropäischen Vergangenheit, dabei gerne als Partner und Verbündeten sähe.

Doch die Ukrainebegeisterung der Deutschen hat unter der Visa-Affäre gelitten. Ganz gleich, welche innenpolitischen Schlüsse man aus den Vorgängen um die deutsche Botschaft in Kiew ziehen will, sie zeigen, dass die unschönen Begleiterscheinungen der Transformation, Menschenhandel und organisiertes Verbrechen, auch noch zur Ukraine gehören. Wird ihm die Affäre am Ende die Reise verderben? „Nein“, sagt Juschtschenko ohne zu zögern. „Ich glaube nicht, dass die Deutschen so dumm sind, 47 Millionen Ukrainer für Kriminelle zu halten. Denken Sie nur an die Klitschkos.“

Einer der Klitschkos, Wladimir, gehört zu Juschtschenkos Tross. Am Mittwochmittag sitzt er im dunklen Anzug neben dem ukrainischen Außenminister auf der Tribüne des Bundestages, wo sein Präsident gleich seine Rede halten wird. Anders als Juschtschenko tragen sehr viele Abgeordnete orangefarbene Krawatten und Schals, manche Dame hat sich ganz in Apricot geschmissen. „Wir haben Ihre Einwände verstanden“, erklärt Bundespräsident Thierse in seiner Ansprache und versicherte, dass Reisende aus der Ukraine in Deutschland so willkommen seien wie alle anderen auch. Der Saal applaudiert, Bundeskanzler Schröder lehnt sich in seinem Stuhl zurück, Außenminister Fischer stützt sein Kinn auf die Hand und zieht die Stirn in Falten. Juschtschenko ist in der Visa-Affäre so etwas wie sein unfreiwilliger Verbündeter, er muss sich ein bisschen zurückhalten.

Ohne die Erfahrung, die viele junge Ukrainer bei ihren Reisen in den Westen gemacht hätten, sei der Erfolg der Revolution in Orange undenkbar gewesen, sagte Juschtschenko letzten Freitag. Der Volmer-Erlass als Schwungrad der Revolution? In Deutschland hört sich das etwas anders an. „Diese unglückliche Affäre hat zwei Seiten“, erklärt Juschtschenko in dem gut ausgeleuchteten Bistro der Bundespressekonferenz. Denn: „Je mehr wir reisen, desto mehr lernen wir voneinander“, sagt er. Juschtschenko ist kein Diplomat. Viele in seiner Umgebung behaupten, auch Politiker sei er eher widerwillig geworden. Seine Welt seien die Zahlen.

Schon als Schüler war der Sohn eines Dorflehrers in Mathematik immer der Beste. Er hat Finanzwirtschaft im westukrainischen Ternopil studiert und 15 Jahre lang im sowjetischen Bankwesen gearbeitet. 1993 wechselte er zur ukrainischen Nationalbank, deren Präsident er 1997 wurde. Juschtschenko hat den Rubel abgeschafft und die Griwna eingeführt. Bundespräsident Köhler kennt er noch aus dessen Zeit als Chef des Internationalen Währungsfonds. In enger Kooperation mit dem IWF hatte er, ab 1999 Premierminister der Ukraine, jenes Programm zur Stabilisierung der Wirtschaft entwickelt, über das er zwei Jahre später stürzen sollte. Die Kohle- und Aluminiumbarone aus der Donezk-Region hätten auf Subventionen verzichten sollen, das wollten sie nicht. Im April 2001 sprach das Parlament Juschtschenko das Misstrauen aus, und er nahm klaglos den Hut. „Ich werde wiederkommen“, waren seine letzten Worte. Geglaubt hat das niemand.

Juschtschenko galt als integer, aber entscheidungsschwach, ein Akademiker, dem es unfein vorkam, an der Macht zu kleben. Noch während der großen Demonstrationen, als Tausende für ihn und gegen die Wahlfälschungen auf die Straße gingen, hatte es den Anschein, als sei der Revolutionsführer von seiner eigenen Courage überrascht. Die Napoleonpose war ihm fremd, und wenn er doch einmal die Faust ballte und von einer „neuen Ära“ sprach, wirkte das wie eine Pflichtübung.

Im Bundestag liegen seine Hände fest auf der orangefarbenen Mappe, in der sich das Manuskript befindet. Auch sein Blick bleibt am Papier haften, als er den Bogen von der Samtenen Revolution in Prag über den Mauerfall, die Rosenrevolution in Tiflis zum „orangefarbenen Majdan“ in der Ukraine schlägt. Wir, soll das heißen, haben unseren Platz in Europa wirklich erkämpft.

„Er ist ein Wiedergeborener“, sagt sein Büroleiter. Man könnte auch sagen, er ist ein Märtyrer, dessen Krankenakte beweist, dass seine Gegner vor nichts zurückschreckten. Nach dem Giftattentat wurde in seinem Körper die zweithöchste Dioxinkonzentration nachgewiesen, die je bei einem Menschen gemessen wurde. Bis heute steht Juschtschenko unter ärztlicher Beobachtung. Doch wenn er leidet, lässt er sich nichts anmerken. Der 51-Jährige wirkt so, als habe das Gift sich nur im Gesicht festgefressen. Bei Tageslicht schimmert es immer noch blau, unter den Augen hängen schwere Tränensäcke.

„Dieses Gesicht ist das Gesicht der Ukraine“, hat er nach seiner Wahl gesagt. Das Gesicht eines Landes, das sich aus eigener Kraft von den herrschenden Clans befreit hat. Aber es ist auch das Gesicht eines gespaltenen Staatsgebildes, in dessen Grenzen der Ost-West-Gegensatz wieder zu Tage tritt. In der russisch-orthodox geprägten Ostukraine hätte Juschtschenkos Herausforderer Janukowitsch auch die zweite Wahl haushoch gewonnen. Der intellektuelle Antiquitätensammler Jusch- tschenko, der in zweiter Ehe mit einer ukrainischstämmigen Amerikanerin verheiratet ist, passt nicht in die Welt der Kohlenminen und Aluminumschmieden. Russisch, die Alltagssprache im ukrainischen Revier, spricht er mit starkem Akzent. Manchmal fehlt ihm sogar ein Wort, und die Pressesprecherin muss einspringen.

Das industrielle Zentrum der Ukraine, sagt er, sei ein „historisch schwieriger Markt“. 83 Prozent der Raffinerien und 90 Prozent der Aluminiumwerke sind in russischem Besitz. Die „besondere strategische Partnerschaft“, die Juschtschenko bei seinem Besuch in Moskau beschworen hat, ist kein Wortgeklingel zur Beruhigung des von ihm wenig begeisterten großen Bruders. „Wenn wir an unserem EU-Beitritt arbeiten, kann das auf keinen Fall heißen, dass wir gegen Russland arbeiten“, sagt er im Bistro. Verstehen die Russen das? „Ich hoffe es.“

Juschtschenko lächelt. Er muss es hoffen. Ohne russische Investoren können die ukrainischen Industriezentren nicht leben, ohne Europa wird Juschtschenko das undemokratische Erbe, das sein Vorgänger ihm hinterlassen hat, niemals los: Privatisierungskriminalität, Korruption, die gefälschten Wahlen und der Mord an dem regimekritischen Journalisten Georgij Gongadse – so in etwa lautete die Bilanz von 13 Jahren Unabhängigkeit. Seitdem Gongadse vor vier Jahren geköpft und mit Salzsäure übergossen aufgefunden worden war, hält sich der Verdacht, das Umfeld des ehemaligen Präsidenten Kutschma stecke hinter dem Mord. Vor einer Woche hat der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder begonnen. „Ich werde alles tun, damit auch die Hintermänner nicht davonkommen.“

Juschtschenko ist das zehnte Staatsoberhaupt aus dem Ausland, das im Bundestag eine Rede hält. Wladimir Putin hat dies auch einmal getan. „Die gelenkte Demokratie nach russischem Vorbild ist nichts für uns“, sagt Viktor Juschtschenko am Mittwoch – und erntet natürlich Applaus. Schröder nimmt Haltung an, Angela Merkel nickt, und selbst Fischer klatscht vorsichtig in die Hände.

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