Zeitung Heute : Die Homepage-Fabrik: Immer mehr Internet-Nutzer wollen eigene Visitenkarten im Netz

Dietrich Kluge

Wie war das noch vor der Internet-Revolution? Wer seine Ansichten der Welt mitteilen wollte, scheiterte schon an der Material-Hürde. Schülerzeitungen und Vereinsblätter wurden noch in liebevoller Handarbeit mit Schere, Uhu und Kopierer zusammengeschnipselt. Einziger Vorteil war, dass die Allgemeinheit von der Weltanschauung eines mitteilungsfreudigen Origami-Bastlers oder den Vereinsaktivitäten der Kaninchenzüchter von Köln-Nippes verschont blieb. Dann aber kam der Heimcomputer, irgendwann später das Internet und mit ihm sehr bald das Verlangen nach einer eigenen Homepage. Mittlerweile sind in Deutschland mehr als drei Millionen Internetadressen registriert, täglich kommen etwa 4000 neue hinzu.

Dank des Online-Booms der letzten Jahre sprechen schon Zehnjährige lässig von "Internet-Service-Provider" und "Flatrate". Das Phänomen Homepage: Jeder hat eine, jeder braucht eine. Stellt sich allerdings die Frage, wie die Internet-Präsenz denn nun entstehen soll. Im einfachsten Fall nach "Marke Eigenbau". Das setzt ein solides Wissen der Auszeichnungssprache HTML ("Hypertext Markup Language") voraus; die ist, vereinfacht gesagt, das Gerüst jeder Seite.

Einfacher, weil ohne HTML-Kenntnis zu bedienen, machen es da schon Softwarepakete wie "Net Objects Fusion" oder Microsofts "Front Page", mit denen Internet-Seiten kinderleicht, nahezu wie Textdokumente erstellt werden können. Seit findige Software-Unternehmer gemerkt haben, dass zwar ein grosser Bedarf an raffiniert gestalteten Internet-Seiten besteht, aber längst nicht jeder Internet-Nutzer bereit ist, für deren Erstellung viel Zeit zu investieren, kann man nun auch auf den Service professioneller Webseiten-Agenturen zurückgreifen. Der neu entstandene Berufsstand des "Web-Designers" ist sozusagen der Arbeiter einer neuen Welle der Cyber-Industrialisierung.

"Homepage-Fabrik", gar "die größte Deutschlands", nennt sich deshalb konsequenterweise die "Initiative 24" im brandenburgischen Kleinmachnow. Hier werden Internet-Präsenzen in hoher Stückzahl produziert. Bis zu 1500 Unternehmen sollen in Zukunft pro Monat so versorgt werden. "Wir bieten Standardlösungen an und machen die Herstellungen von Internet-Sites zum Massengeschäft", sagt Horst Berghaeuser von der "Initiative 24". Der Kunde kann, ähnlich wie beim Autokauf, zwischen verschiedenen Plattformen wählen. Von "Small" bis "Large" reicht die Palette, für die weniger Kreativen sind außerdem standardisierte Seitenlayouts zu haben. "Industrial gold", "wired fire" und "burning caterpillar" heißen die Kreationen der Homepage-Boutique.

Fehlt jetzt noch der Inhalt oder "Content", das Text- und Bildmaterial, das später die Web-Seiten füllen soll. Aber auch hierüber muss sich kein Homepage-Betreiber mehr den Kopf zerbrechen. Die "Fabriken" liefern die richtige Füllmasse gegen Bezahlung frei Haus. Abgerechnet wird das Abonnement entweder mit einer Monatspauschale oder nach Anzahl der Zugriffe auf die Kunden-Homepage.

Spezialisiert auf "Content-Management" sind die Berliner Webdesigner von "Livingnet". Wer sich hier seine Seite einrichten lässt, kann gleich den passenden Inhalt mitbestellen: Ob Reisenachrichten, Lifestyle-News oder Gesundheitstipps, mit dem passenden "Content" steht der eigene Online-Auftritt einer professionellen Beraterseite in nichts mehr nach. Mittels eines Verweises auf der Seite, an der Stelle, an der die Nachricht erscheinen soll, wird eine Verbindung zum "Content-Provider" hergestellt. Aktualisiert wird dann vollautomatisch und in regelmäßigen Abständen." Axel Leopold von "Livingnet": "Viele Kunden möchten ohne großen Aufwand ständig aktualisierten Content auf ihren Seiten haben."

Irgendwie steht der Hobby-Informatiker, der ja eigentlich nur eine kleine Internet-Präsenz haben wollte und in der Homepage-Fabrik landet, wieder am Anfang. Vielleicht lohnt es sich dann doch wieder, zu den Wurzeln des Handwerks zurückzukehren, einen Volkshochschulkurs "Webdesign für Einsteiger" zu besuchen und in Handarbeit mit Maus und Tastatur zu werkeln.

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