Zeitung Heute : Die Hooligans des Internets

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Immer wieder sorgen Viren und Hacker für Schlagzeilen in den Medien. Manch einer könnte den Eindruck gewinnen, dass die schlimmste Bedrohung für Gesellschaft und Wirtschaft von anonymen Informatik-Experten aus dem Netz kommt. Für den Schaden sind jedoch längst nicht immer nur Experten verantwortlich: Ein gelangweilter Teenager und die richtige Web-Adresse genügen, um den Betreibern von Internet-Services (ISP) erhebliches Kopfzerbrechen zu bereiten. Oft genug versuchen so genannte Script-Kids, auf diese Weise ihr Mütchen zu kühlen.

„Bekannt wurde der Terminus ’Script- Kid’ erstmals im Februar 2000“, sagt Daniel Gläser, EDV-Experte der Stiftung Warentest in Berlin. Damals legte ein 15-Jähriger aus Kanada die Web-Server von Yahoo, Ebay und dem Nachrichtensender CNN lahm. Die Höhe des Schadens lag zwischen 1,5 und 3 Millionen US-Dollar.

„Script-Kids sind die schwarzen Schafe der Szene“, sagt Andy Müller-Maghun, Sprecher des Chaos-Computer-Clubs (CCC) in Berlin. Sie benutzten Hacker-Programme nicht, um Schwachstellen in Systemen zu finden, sondern um Schaden anzurichten. Dabei handelt es sich in der Regel nicht um Software-Experten. Script-Kids verwenden – wie schon ihr verrät – Scripte. Das sind leicht ausführbare Programme, die massenweise im Netz zu finden sind.

„Vor allem männliche Jugendliche beschäftigen sich zunehmend gerne mit Rechnernetzwerken. Die Script-Kids darunter geben sich als Hacker aus und sind in der Lage, Server funktionsunfähig zu machen“, sagt EDV-Experte Gläser. Sie gehen dabei vor allem nach zwei Hauptangriffsmustern vor. Da ist zum einen die so genannte DOS-Attacke – „Denial Of Service“-Attacke –, bei denen ein Web-Server lahm gelegt wird. Die Funktionsweise der dabei verwendeten Scripte ist einfach, erklärt Kenneth De Spiegeleire, Sicherheitsexperte von X-Force Professional Security Systems in London: „Die IP-Adresse eines Rechners wird so lange mit Daten bombardiert, bis ein Distributions-Problem entsteht und der Daten-Torpedo den Server zum Absturz bringt.“ Dieser Angriff kann laut De Spiegeleire von einem einzelnen Rechner aus geschehen. Bei verteilten DOS-Angriffen dagegen würden fremde Rechner missbraucht, zu denen die Skripte – beispielsweise als E-Mail getarnt – geschickt und dann von dort ausgeführt werden. So wird das Ziel von mehreren Rechnern gleichzeitig unter Beschuss genommen.

Ein anderes für Script-Kids typisches Hackmuster ist das Web-Graffiti. Dabei verschaffen sich die Hacker kurzzeitig Zugang zu einer fremden Webseite, verändern die Inhalte und hinterlassen so ihr Markenzeichen. Der Mythos des jugendlichen Hackers ist allerdings kaum greifbar. „Ich schätze, dass rund 90 Prozent der Hacker-Aktivitäten im Internet von Script-Kiddies ausgeübt werden“, sagt De Spiegeleire. Dennoch ist dem Bundeskriminalamt nach eigenen Angaben kein Fall in Deutschland bekannt, bei dem ein Script-Kid zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Auch wenn der Schaden erheblich sein kann, haben die Attacken von Script-Kids meist nicht das Kaliber von Computerviren wie „Nimda“, „I Love You“ oder „Code Red“, die „zweifellos von qualifizierten Programmierern aufgesetzt wurden“, so De Spiegeleire. Script-Kids seien eher mit Fußball-Hooligans als mit Kriminellen vergleichbar. Mareike Enderle (dpa)

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