Zeitung Heute : Die Hoppe. Ein Adieu

MEIN KLASSISCHES LEBEN

Christine Lemke-Matwey

Also meine Idee war das nicht. Ich finde es nämlich peinlich, Menschen anzusprechen. Stell‘ dich nicht so an, stöhnte meine Bekannte, ich kenne die Hoppe gut, sie liebt Musik, und du kommst mit.

Wir also nach Siegsdorf, in den Chiemgau. Im Auto erzählt die Bekannte von der Nacht, in der sie mit Marianne Hoppe „getrunken“ habe, damals nach Thomas Bernhards Tod. Das war Seelenverwandtschaft, raunt sie, während sich in meinem Kopf Sätze wie Baumstämme stapeln. Frau Hoppe, würde ich gleich sagen, Bernhards „Heldenplatz“ in Wien, ein schwüler Tag, ich kam zu spät, Sie waren großartig, das ganze Stück fand nur auf Ihrer Stirn statt, eine Stirn wie eine Bruckner-Partitur! Wir passieren das Siegsdorfer Ortsschild. Frau Hoppe, würde ich sagen, Stefan George, das „Buch der hängenden Gärten“, von Schönberg vertont, der erste Liederzyklus in freier Atonalität, das heißt, Sie deklamierten die unvertonten Gedichte, großartig Ihre Stimme, ein Timbre wie aus Sandpapier! Ein roter BMW rumpelt dicht vor uns über den Bordstein. Oho, jubelt die Bekannte und drückt aufs Gaspedal, Marianne hat ihren Führerschein wieder! Frau Hoppe, würde ich sagen, Dezember 1994, Bahnhof Rolandseck, „Die schöne Magelone“, Brigitte Fassbaender singt Brahms und spricht Tieck, es wird dies, was noch keiner weiß, der Abend des Fassbaenderschen Bühnenabschieds sein, nur Sie Jahrhunderttheatertier haben es gewiss gespürt, als Sie am Ende mit einem Blumenstrauß hinauf aufs Podium kletterten. Frau Hoppe… Jetzt aber sind wir da. Vor einer Tenne dampft der rote BMW. Marianne! winkt die Bekannte. Hoppe verschwindet wortlos im Haus. Ich habe Ihnen eine junge Dame mitgebracht, schmettert die Bekannte und pufft mich, sie versteht etwas von Musik. Wie der Blitz ist Hoppe wieder draußen. Der Lietzau, ruft sie, rauft sich die Haare und gestikuliert, der wollte immer die Johannes-Passion mit mir arbeiten, kennen Sie die Johannes-Passion, „O große Lieb‘, o Lieb‘ ohn alle Maaße“… Kaum hole ich Luft, ist sie wieder weg. Wir warten. Zehn Minuten, eine halbe Stunde. Jetzt schau‘ doch mal, was sie macht, zischt die Bekannte, schließlich wolltest Du sie kennenlernen. Ich stolpere einen langen Flur entlang, am Ende Bildschirmgeflacker: Hoppe schaut fern. Frau Hoppe, flüstere ich. Pschscht!! – macht es aus dem Ohrensessel, und eine kleine alte Hand fährt wütend durch die Luft. Wir, die Bekannte und ich, sind dann ganz leise wieder gefahren.

Berlin, Jahre später, „Ruhesitz am Zoo“, das Seniorenheim mit Blick auf Elefanten, Löwen und Giraffen. Hier, im dritten Stock, lebt Marianne Hoppe die letzte Zeit. Sie sei einsam, heißt es, sehr sogar. Besucht habe ich sie trotzdem nicht. Jetzt ist sie tot, und es tut mir leid, richtig leid. Denn wahrscheinlich hat sie die Musik doch sehr geliebt.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel

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