Zeitung Heute : Die Houellebecq-Akte

Buch, Theaterstück, jetzt der Film – die Deutschen mögen die trostlosen „Elementarteilchen“. Wieso bloß?

Deike Diening

Nach Angaben der Verlage sind von Michel Houellebecqs „Elementarteilchen“ in Deutschland über 80 000 Hardcover und 150 000 Taschenbücher verkauft worden, das nennt man einen Bestseller. 1999 kaufte der Regisseur Oskar Roehler eines dieser Exemplare und wusste sofort, dass er es verfilmen wollte.

15 Drehbuchfassungen später startet morgen auf der Berlinale seine Interpretation des Thesenromans, den viele für nicht verfilmbar halten. Es ist, als hätte sich der gesamte deutsche Film erhoben, der Produzent Bernd Eichinger mit eigentlich allen deutschen Schauspielern, um gemeinsam eine Antwort zu finden auf die französische Literatur-Legende. In den Hauptrollen Moritz Bleibtreu, Christian Ulmen, Franka Potente und Martina Gedeck, außerdem Uwe Ochsenknecht und Nina Hoss – ein Berlinale-Großereignis, Superlativen muss man mit Superlativen begegnen. Wie aber konnte die Analyse des gesellschaftlichen Niedergangs aus Frankreich in Deutschland zum Superlativ werden?

Roehler kann man nicht mehr treffen. Roehler kann man nur noch anrufen, denn ihn hat’s erwischt. „Katastrophenstimmung“, sagt er, drei Tage hat er im Bett verbracht, kurz vor der Premiere. Trotzdem schafft er es, noch 43 Minuten zu telefonieren, bevor ihm die Stimme versagt.

Roehler hat Respekt vor dem Mut, mit dem Houellebecq auch ganz persönliche Dinge ausstellt: „Intime Details, die in der Privatsphäre jedes Menschen verankert sind, masochistisch-exhibitionistisch. 50 Mal sagt er, sein Schwanz ist zu klein.“ Dafür muss man wissen, dass der Autor sich in seinen Figuren ganz offen selbst beschreibt.

Houellebecq muss man sich als unglücklichen Menschen vorstellen. Aber vielleicht ist dies das größte Glück, das einer wie er erreichen kann, denn immerhin gilt der Schriftsteller als Berufspessimist und unter diesen inzwischen als millionenschwerer Starpessimist – ein Berufsbild, das noch gar nicht existierte, bis Houellebecq es erfand und sich damit aus seiner Angestellten-Hölle befreite.

Der Autor, heißt es, interessiere sich sehr für Deutschland, seitdem seine Bücher hier so gut laufen; die Deutschen waren sogar die Ersten, die sein Buch auf eine Theaterbühne brachten. Houellebecq sitzt dann zum Beispiel in Köln und sagt, dass ihm unterwegs die Deutschen immer positiv auffallen, „die reisen so romantisch. Suchen immer Dinge in fernen Ländern, die es da gar nicht gibt. Das gefällt mir sehr.“ Wenn Houellebecq einen Witz macht, tut es immer etwas weh.

Warum amüsieren sich die Deutschen dabei so gut? Vielleicht liegt es daran, dass Harald Schmidt sie schon seit einigen Jahren regelmäßig an der Stelle massiert, wo das etwas bittere, politisch unkorrekte Lachen der Erkenntnis sitzt. Dieselben Leute, die Harald Schmidt mögen, mögen auch Houellebecq. Die anderen sehen bloß ein quarzendes Männchen, das sich vor der Welt ekelt. So sehr ekelt, dass es dabei selbst abstoßend wurde. Allein beim Anblick seiner Person befiel viele Zuschauer das akute Gefühl, seine Bücher schon gelesen und alles begriffen zu haben. Den ganzen Kosmos der gefühlskalten Leere, in dem liebesunfähige Menschen hilflos zugrunde gehen. Man sieht es als erwiesen an, dass Houellebecq von sich selbst erzählt und sich in „Elementarteilchen“ in diese beiden Brüder aufgespalten hat: Der verkrachte Lehrer, gespielt von Moritz Bleibtreu, ist süchtig nach Sex ohne Liebe, der Genforscher, gespielt von Christian Ulmen, sucht nach Reproduktion ohne Sex und arbeitet an der Vision einer Gesellschaft ohne Körperkontakt. Beide finden spät noch eine Frau, die ihr Empfinden herausfordert.

Roehler hat viel über Houellebecq nachgedacht. Darüber, wie man einen Thesenroman verfilmt und ob man dafür die Thesen überhaupt noch braucht. Er erzählt, wie er mit Bernd Eichinger zusammensaß und beide das böse Ende immer ärgerlicher fanden. „Ich bin ja im guten Sinne mit Hollywood-Kino groß geworden: Da wird es nie eine Liebesgeschichte geben, die sich lange hinzieht, und wenn sie sich endlich gefunden haben, stirbt die Frau plötzlich an Unterleibskrebs. That’s fucking not possible!“, ruft er in den Hörer.

„Als gesellschaftliche Wahrheit lehne ich das kategorisch ab. Es ist monoton, langweilig und vorhersehbar.“ Am Ende behauptet Roehler in seinem Film das exakte Gegenteil von Houellebecq: Liebe ist möglich.

Die Kritik sagte wahlweise, der Roman handle von der Gentechnik oder der Abrechnung mit den Achtundsechzigern, außerdem sei er brillant frauenfeindlich geschrieben. Roehler sagt, er handelt von der Liebe.

Er weiß, dass es Menschen wie Houellebecq gibt, die zu viel sehen. Sie entwickeln dann ihre Techniken, um es mit heruntergedimmtem Bewusstsein noch eine Weile auszuhalten in unser aller Gesellschaft. „Houellebecq lebt durch den Alkohol sehr entrückt von der Welt. Das ist natürlich ein Riesenvorteil“, sagt Roehler. Als er ihn ein einziges Mal getroffen hat, benahm er sich leider sehr autistisch. Warum aber sind die Deutschen von diesem Mann so begeistert?

Ist es die Schonungslosigkeit, die Lust an der Konsequenz? Der Wille, einen Gedanken zu Ende zu denken, von keinem Gefühl getrübt? Roehler sagt, das könnte sein.

Ist es die Angst der Deutschen vor der Freiheit? Der Freiheit, die ja im Buch alle überfordert und die niemand bewältigt? Möglich, sagt Roehler.

Oder ist es vielleicht, weil Deutschland endlich einen Männerversteher brauchte? Ja, sagt Roehler, die Männer verstehe Houellebecq sehr gut.

Roehler weiß ganz genau, warum er selbst so begeistert ist: Das Opfer ist sich selbst egal. Houellebecq hat es geschafft, die Ärmlichkeit seiner Existenz auszustellen, ohne den lapidaren Tonfall zu verlieren. Er ist ein cooles Opfer. Nie ist er larmoyant geworden, obwohl es Gründe genug gegeben hätte. Der Autor wurde 1958 auf La Réunion geboren. Weil seine Mutter bei ihrer Selbstverwirklichung keinen Klotz am Bein haben wollte, ist er bei seiner Großmutter aufgewachsen. In einem Internat hatten dann die anderen auf seine Kosten viel Spaß. Er wurde Programmierer und lebte als reisender EDV-Berater. Irgendwann beschlich ihn das Gefühl, nicht nur er selbst, auch die Gesellschaft sei am Ende. Und wer könnte das Verlorensein besser nachvollziehen als Roehler? Er erzählte der „Zeit“, wie auch er bei seiner Großmutter aufwuchs, als seine Mutter die Welt entdeckte. Das verlassene Kind wurde fatalistisch und strampelt bis heute um eine positive Weltsicht.

„Houellebecq ist ein perfektes Opfer der Gesellschaft, der sich allein durch sein Talent aus dieser Rolle befreit hat“, sagt Roehler. „Es würde mich nicht wundern, wenn er im Grunde seines Herzens ein tiefer Reaktionär wäre. Einer, der der Gesellschaft Krieg wünscht, damit die Seele gereinigt wird.“ Roehler hustet.

Herr Roehler?

Roehler ist noch dran.

„Wenn ich mir die männlichen Exemplare in den Straßen von Berlin so angucke, dann sehe ich Krieger ohne Waffen. Kraftstrotzend, aggressiv, bereit zum Kampf. Da denke ich: Die müssten im Krieg sein. Sie wären mit einer Waffe vielleicht nicht ganz so unglücklich.“ Er hat von einer Studie gehört, in der stand, dass Männer heute auch deshalb keine Kinder zeugen, weil sie keine Lust auf jemanden hätten, der spätestens nach zwölf Jahren ihr Konkurrent wird. Aber jetzt hat Roehler wirklich keine Stimme mehr.

Im Film ist der Schauspieler Moritz Bleibtreu Roehlers Instrument, Bleibtreu soll sein Houellebecq sein. Eigentlich gibt es niemanden, der von dem affektiert rauchenden Houellebecq so weit entfernt ist wie Bleibtreu. Alter, Aussehen, Attitüde, alles. Houellebecq hat eine berühmte Art, im Sitzen an seinem eigenen Skelett im Stuhl zu hängen, Bleibtreu dagegen federt. Er sitzt in der Bar des Hotel Atlantic in Hamburg und hat gerade ein Sandwich mit Pommes und Ketchup verdrückt. Er hat Hunger und gute Laune und bestellt eine Cola, und etwas derart lustvoll Banales hat von Houellebecq noch niemand berichten können.

„Mir war ziemlich schnell klar: Aus mir wird kein Houellebecq“, sagt Bleibtreu, der im Film den sexsüchtigen Lehrer und damit eben auch den Autor spielt. „Ich hätte mir die Zigarette zwischen Mittel- und Ringfinger klemmen können wie er, die Haare schneiden, im Gespräch war sogar, dass ich zunehmen soll, aber das wäre alles nur die Karikatur eines Autors geblieben: zehn Minuten beeindruckend, fünf Minuten interessant, dann langweilig.“ Er musste stattdessen die Figur so nah wie möglich an sich selbst heranziehen.

Das Problem war: Nahe bei Bleibtreu herrschte überhaupt nicht diese monsterhafte Kälte, die das Buch ausmacht. Nahe bei Bleibtreu ist es ziemlich warm. „Es macht keinen Sinn, sich einem seelischen Abgrund zu widmen, nur um dann eine so harte Gangart einzulegen, dass im Kino keiner mehr hingucken will.“ Die Houllebecq’sche Gangart, glaubt Bleibtreu, hätte das Publikum überfordert. Er hat sich geweigert, dieses Nichts zu spielen, das aus dem Buch klappt wie eine Wand.

Nicht, dass er von dem Buch nicht beeindruckt gewesen wäre, das war es nicht. Als Roehler ihn drängte, es würde nach der Mitte noch besser, hat er es sogar zu Ende gelesen. Theorie hin, Gentechnik her.

„Es hat sich außer Houellebecq keiner getraut, die letzten 40 Jahre sozial, philosophisch und wissenschaftlich so auf den Punkt zu bringen.“ Bleibtreu war fasziniert, ihm ging es da wie vielen Deutschen. Sie hatten das Gefühl, Houellebecq hat Recht, mit allem was er sagt. – „Aber ich will es trotzdem nicht so sehen. Ich will von dem Ideal nicht abrücken, dass der Mensch ein gutes Herz hat.“ Bleibtreu trotzt in seinem Sessel. „Wahr ist aber: Die Freiheit der Achtundsechziger hat nicht immer nur Glück gebracht; in der Partnerwahl spielt Hierarchie eine Rolle, und Frauen altern anders als Männer.“

Die Angst der Männer vor den Frauen ist auch real. Sie sitzt gleich hier. Die Emanzipation der Frau, findet Bleibtreu nämlich, war zugleich die Demaskulierung des Mannes. Davon werde viel zu wenig geredet. Und dann fällt ihm auf, dass es dafür ja gar kein Wort gebe und man ja mal damit anfangen könnte, ein schönes Wort dafür zu erfinden.

Hier zittert der Nerv, den Houellebecq getroffen hat. „Dass jetzt überall so roh über Sex geredet wird, finden vor allem Männer bedrohlich“, sagt Bleibtreu. Er ist einer davon. „Frauen machen sich gar nicht klar, welche Angst Männer vor Sexualität haben.“ Dabei ginge es auch um Rollenverteilung: „Wenn eine Frau vor einem Mann auf die Knie fällt und fragt, willst du mein Mann werden – da bin ich nicht mehr dabei.“ Bleibtreu ist jetzt in Fahrt. Er redet schon fast so gerne über Sex wie Roehler. „Spaß ist in Verbindung mit Sex ein völlig deplatziertes Wort. Fußballspielen macht Spaß, oder Kniffelspielen.“ Und: „Mir kommt es oft vor, als führen diese ganzen Potenzmittel und Silikonbrüste gar nicht wirklich zu mehr Sex – sie sind bloß der Ersatz.“

Am Ende von Houellebecqs Buch steht die Zukunftsvision einer Gesellschaft, die sich ohne Sex reproduziert. Bleibtreu stellt sich lieber vor, wie es wäre, wenn es irgendwann Männer wie Geckos gäbe: Sollten sie einmal vor Schreck ihren Schwanz verlieren, wächst er einfach wieder nach. Moritz Bleibtreu lacht sich scheckig. Dann muss er los.

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