Zeitung Heute : "Die Hunde von Ararat": Auf der Flucht vor den Häschern

Tessa Hofmann

Dieses Erinnerungsbuch ist der gelungene Versuch einer Rekonstruktion. Aus Andeutungen, Erzählungen, alten Dokumenten sowie schriftlich fixierten Zeitzeugenberichten fügt der US-armenische Lyriker Peter Balakian in "Die Hunde von Ararat" die Geschichte seiner Familie zusammen, die Geschichte der Arusjans aus Diyarbakir, reiche, kultivierte Erzeuger, Veredler und Händler von Seide, sowie der Palakjans aus Konstantinopel, einer Familie von Ärzten, Lehrern und Geistlichen. Dabei stößt der Autor auf zahlreiche Verbindungen seiner Verwandten mit der Verfolgungsgeschichte der Armenier zwischen 1894 und 1922.

Bischof Grigoris Palakjan, der Großonkel des Autors, sagte 1921 vor einem Berliner Gericht als Zeuge in einem Aufsehen erregenden politischen Verfahren für den Mörder des Talaat Pascha aus, der als Innenminister des jungtürkischen Regimes und späterer Großwesir verantwortlich für den ersten großen Völkermord des 20. Jahrhunderts war. Die deutschen Schöffen sprachen den armenischen Rächer damals frei. Tiran Palakjan, der Großvater des Autors, half 1909 als Arzt nach Massakern an 30 000 Armeniern in Kilikien überlebenden Opfern. Die grauenvollen Episoden, die er in Briefen an seine Familie in Konstantinopel berichtete, regten den Dichter Siamanto zu seinem Lyrikzyklus "Blutige Nachrichten von meinem Freund" an. Siamanto gehörte zu den Hunderten bei einer Großrazzia im April 1915 in der osmanischen Hauptstadt Konstaninopel verhafteten und zu Tode gefolterten geistigen armenischen Führern.

Doch solche Einzelheiten erfährt der Autor erst als junger Erwachsener. Peter Balakian wuchs behütet in amerikanischen Vorstadtsiedlungen auf. Seine Familie gehört zu den nicht nur äußerlich angepassten, alles "ethnische" entschieden ablehnenden US- Armeniern. Der Sohn Peter nimmt die Kultur des "alten Landes" nur als elitäre Intellektualität sowie als raffinierte, sich deutlich vom amerikanischen fast food unterscheidende, zeitaufwendige Kochkunst wahr. Der Völkermord ist ein Tabu. "Wir können nicht den Friedhof unserer Vorfahren auf dem Rücken herumschleppen", zitiert Balakians gelehrte frankophile Tante Anna den surrealistischen Dichter Marinetti. Selbst die dem Enkel Peter besonders nahe stehende Großmutter Nafina durchbricht ihr Schweigen nur, als die Japaner Pearl Harbour angreifen und sie die Rückkehr der Türken als Folge des neuen Weltkrieges befürchtet. Eine Elektroschocktherapie beendet den "paranoiden Anfall".

Erst wenige Jahre vor ihrem Tod deutet Nafina dem Enkel in märchenhaften Erzählungen und bildhaften Erinnerungsschüben Bruchstücke des für sie Unaussprechlichen und Unvergesslichen an: Sie war erst 25, als sie mit ihrem ersten Ehemann und zwei kleinen Töchtern den Todesmarsch in die mesopotamische Wüste antreten musste. Unterwegs wurde ihr Mann Hakop ermordet, sie selbst vergewaltigt. In Aleppo erkrankte die junge Frau, wie so viele Deportierte, an Cholera. Sie überlebt und erhebt als Witwe eines ermordeten Armeniers amerikanischer Staatsbürgerschaft Schadensersatzansprüche gegen die türkische Regierung: "... denn ich stehe unter dem Schutz des menschlichen und internationalen Rechts".

Armenische Albträume währen über Generationen, nicht zuletzt deshalb, weil den Opfern und ihren Nachfahren bis heute keine Anerkennung ihrer Leiden zuteil wurde. Sie erfahren, im Gegenteil, die anhaltende Leugnung des Verbrechens durch die türkische Regierung, die Balakian als letzten Akt des Genozids beschreibt, da sie die Existenz der Toten und das Erinnern an das Töten tötet. "Wenn eine Zivilisation ausradiert wird, gibt es eine neue Dunkelheit auf der Erde", schreibt der Autor in tiefer armenischer Resignation. Immerhin überwanden US-armenische Enkel die postgenozidale Betäubung ihrer Eltern und Großeltern. Balakians literarisches Credo, durch Dichtung verlorene Dinge zurück ins Leben zu bringen, ist bereits von der Zuversicht Amerikas geprägt, der Zuflucht und Hoffnung vieler verfolgter und gedemütigter Einwanderer.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben