Zeitung Heute : Die Hutprobe

Setz dir eine Kippa auf, dann sieht dich die Welt mit anderen Augen. Und du sie. Das sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin. Hat er recht?

Axel Vornbäumen

Sie werden sich unwohl fühlen, hatte Gideon Joffe gesagt. „Sie werden eine defensive Haltung einnehmen. Und irgendwann werden Sie beginnen, instinktiv auf den Boden zu sehen, um nicht zu provozieren.“

Wir hatten uns in einem Cafe in Mitte verabredet. Joffe war ein paar Minuten verspätet gekommen, in Begleitung von zwei Leibwächtern. Binnen Sekunden hatten sie die Situation im Cafe gescannt und dann einen anderen Tisch vorgeschlagen, einen, der von draußen nicht einsehbar war, in einer Nische. Aus Gewohnheit, hatte Joffe gesagt. Er ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Berlin.

Es hatte einen Anschlag gegeben auf einen jüdischen Kindergarten in Berlin, eine Brandflasche war nicht explodiert, doch der Sprengsatz hatte die Diskussion über Antisemitismus in Deutschland neu entzündet, über eine mutmaßlich neue Intensität des Schreckens. Eine zaghafte Debatte über Wahrheit und Wahrnehmung hatte eingesetzt, über objektive Sicherheit und subjektives Bedrohungsgefühl. Joffe hatte von einem „permanenten Gefühl der Unsicherheit“ der in Deutschland lebenden Juden gesprochen, von neuen Ängsten und davon, dass diese Ängste offenkundig nicht mehr ernst genug genommen würden von der breiten Mehrheit in Deutschland. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde hatte den „Kippa-Test“ vorgeschlagen. „Nicht-Juden sollten sich einfach mal eine Kippa auf den Kopf setzen oder einen Davidstern an die Kette hängen“, hatte er gesagt, „es wird nicht lange dauern, und Sie werden Erfahrungen gemacht haben mit Antisemitismus.“ Das sei keine Aufforderung gewesen, hatte Joffe gesagt, auch kein direkter Hilferuf, eher ein Ruf nach Verständnis.

„Sie wollen den Kippa-Test machen?“, hatte er am Telefon gefragt, und in seiner Stimme lag Erstaunen, „gut, dann treffen wir uns.“

Es war bei dem Gespräch um Grundsätzliches gegangen, um Persönliches auch und um ganz Praktisches. „Die Entwicklungsstufe einer Demokratie erkennt man am Umgang mit den Minderheiten“, hatte Joffe gesagt, und: „Ändern Sie Ihren Alltag nicht, leben Sie normal weiter. Gut, Sie sollten im Restaurant nicht gerade Eisbein bestellen, das würde auffallen.“ Es war um Ängste gegangen, um die Grenzen der Wahrnehmung, um konstruierte Realität. Joffe hatte davon berichtet, dass Mitglieder seiner Gemeinde die Kippa nur noch aufsetzten, wenn sie sich hinter der Sicherheitsschleuse der Synagoge befänden, dass der Davidstern vielfach nur noch unter dem Pullover getragen werde. Die Insignien des Glaubens würden bewusst verborgen, eine Art anonymes Judentum entstehe. Ein Verdrängungsprozess, unbemerkt. Am Ende des Gesprächs hatte Joffe seine eigene Kippa aus der Innentasche des Jacketts geholt und gesagt: „Das wäre natürlich die Härte.“ Auf die Kippa waren hebräische Schriftzeichen gehäkelt, der Anfang des Glaubensbekenntnisses. „Dann wären Sie sofort erkennbar.“

Bin ich das jetzt denn nicht?

Ich sitze in der S-Bahn auf dem Weg zum Tagesspiegel. Meine Kippa ist schwarz, schlicht, vorhin, auf dem Weg zu S-Bahn, war sie mir einmal vom Kopf geflogen, der Wind. Für einen Moment hatte ich gedacht, ob das wohl lächerlich ausgesehen haben muss, unbeholfen. Nun aber spüre ich sie nicht, und unwohl fühle ich mich auch nicht, ganz ehrlich, jedenfalls noch nicht. Unsicher aber schon. Die ersten drei Stationen meiner morgendlichen Fahrt sind unspektakulär verlaufen, aber die Grenzen des Experimentes beginnen mir bereits bewusst zu werden. Normalerweise habe ich im öffentlichen Nahverkehr ein stabiles Desinteresse an meiner Umgebung, Alltagsstudien liegen mir fern. In der Regel lese ich, schaue allenfalls mal kurz hoch. Oft passiert das nicht. Nun frage ich mich, ob ich weiter lesen kann oder ob ich dadurch möglicherweise Signale des Antisemitismus verpasse. Ich packe die Zeitung weg. Ganz normal im Joffe’schen Sinne fahre ich damit nicht weiter.

Diverse Studien ermitteln regelmäßig einen antisemitischen Bodensatz, der in Deutschland irgendwo zwischen zehn und 15 Prozent liegt. Es ist eine Art Arschlochquote, die vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte eine besondere Bedeutung hat. Sie liegt im europäischen Mittel. Viele Ewiggestrige sind dabei, seit geraumer Zeit wird die Gruppe aufgefrischt – auch durch Zuzügler aus dem Nahen Osten, das ist eine andere Form von Antisemitismus.

Die S-Bahn-Waggons auf meiner Linie sind lang gestreckt. Wenn’s geht, sitze ich in Fahrtrichtung links, in einer der vier Vierergruppen. Sind sie voll besetzt, dann müssten, statistisch gesehen, zwei von den 16 Fahrgästen von judenfeindlicher Gesinnung sein. Ich schaue mich um. Sie geben sich nicht zu erkennen.

Es ist nicht so, dass der Kippa-Test gänzlich unumstritten wäre. In der Jüdischen Gemeinde gab es, vereinzelt, Bedenken, wie dies wohl wirken möge; und der Publizist Henryk M. Broder hatte sich über die „Kostümierung“ mokiert und in der ihm eigenen, provokanten Art gefordert, Kippas doch am besten an die gesamte Bevölkerung zu verteilen. Wer sich dann weigere, sie aufzusetzen, den könne man als Antisemiten identifizieren. Auch Michel Friedman, ehemals stellvertretender Vorsitzender des Zentralrates der Juden, war nicht restlos überzeugt. Der Test könne aufklärerisch sein, müsse es aber nicht zwangsläufig, hatte Friedman gesagt, ihn dann aber doch als wackeren Versuch gewertet „der gestörten Wahrnehmung in Deutschland“ zu begegnen, dass alles „normal“ sei. Friedman hatte dann noch erzählt, wie ihm tags zuvor in der Businessclass der Lufthansa ein Wildfremder sein Beileid ausgesprochen hatte, „weil Ihr Volk einen großen Mann verloren hat“. Der unbekannte Passagier hatte Heinz Berggruen gemeint. Solche Sachen. Nix ist normal, wollte Friedman damit sagen, man wird auch von den Gutwilligsten verfolgt.

Auch die Wahrnehmung ist anders.

Wie spüre ich Antisemitismus? Und, ganz wichtig, wo spüre ich ihn auf?

Es ist ein Experiment, es ist, ob ich will oder nicht, konstruierte Realität, ja, unterschwellig soll es sogar eine Form von Provokation sein. Es soll Reaktionen hervorrufen, früher oder später. Das ist die Ausgangshypothese. Bleiben sie aus, dann hat Joffe ein Problem. Ich aber auch, es droht der Vorwurf der Verharmlosung, zumindest der mangelnder Sensibilität. Wie intensiv muss ich suchen?

In „Die Hard“, dritter Teil, läuft Titelheld John McClane mit einem Schild um den Hals durch Harlem: „I hate niggers“ steht drauf. Es gibt sofort Ärger, na logo.

So eindeutig ist das mit der Kippa aber nicht. Sie ist im Dunkeln nicht zu erkennen, im Hellen schwer, manchmal erst im letzten Moment, ich bin gut 1,90 Meter groß. Vielleicht bist du zu groß, hatten Kollegen gemutmaßt, nachdem der erste Tag gänzlich unspektakulär verlaufen war.

Ich war ziellos durch die Stadt gestreift. Unsicher zunächst, ein bisschen beklommen. Über den Ku’damm zuerst, wo vor Jahren orthodoxe Juden einmal angegriffen worden waren und auch damals eine Debatte eingesetzt hatte, weil ein Polizist mit der These auffällig geworden war, dass ein Verzicht auf religiöse Bekleidung oder jüdische Symbole die Sicherheit in der Hauptstadt erhöhen könne. Die Massen waren mir entgegengekommen, doch Massen, weltstädtisch heterogen zusammengesetzt, sind unbedenklich. Jeder kann eintauchen, ich auch. Das merke ich schnell.

Ich war U-Bahn gefahren, S-Bahn gefahren, Bus gefahren – nichts. S- und U-Bahnen erweisen sich für den Kippa-Test als erstaunlich unbrauchbar. In Mitte ist das Publikum wohl zu weltstädtisch, in den Außenbezirken ist es zu müde. Viele haben die Augen zu, viele starren ausdruckslos vor sich hin, zu kraftlos für Feindseligkeiten. Im vollgepackten Bus der Linie M29 tritt mir ein Jugendlicher mit, sagen wir, Migrationshintergrund auf die Füße. Er entschuldigt sich sofort – das kann man nicht rechnen, so oder so, auch bei feinstem Messinstrument nicht. Zwei Tage später remple ich unbeabsichtigt einen Punk am Kottbusser Tor an und entschuldige mich. Auch der Punk winkt nur ab, wieder nix.

Ich bin in den Osten gefahren, an den Alexanderplatz, wo mir ein Mann auffiel, der im Kuhkostüm die Obdachlosenzeitung „Straßenfeger“ verkaufte. Mit der Rechten hielt er sich einen Euter vors Gemächt, mit der Linken hielt er die Zeitung hoch. Mir gehen „Straßenfeger“-Verkäufer mit ihrem Getue grundsätzlich auf die Nerven. Dieser aber ganz besonders. Ich bin an ihm vorbeigegangen, ohne ihm das zu zeigen. Die Gegend um den Hackeschen Markt ist unbedenklich, hatte Joffe gesagt. Sie ist am ersten Tag mein Rückzugsraum. In einem Café spüre ich dem Philosemitismus nach. Gibt es gesteigertes Wohlwollen mir, dem Kippa-Träger, gegenüber? Fehlanzeige. Ich spüre erste Nebenwirkungen. Wer aufpassen muss, wie die Umwelt auf einen reagiert, wird neugieriger, wie die engste Umgebung so ist. Am Nebentisch unterhalten sich zwei Mittfünfziger über Alltagskram. In Dresden haben sie einen neuen Puff, sagt der eine, als Sauna getarnt, 25 Euro Eintritt, die Mädels aus dem Osten. „Da geht Vati einmal die Woche hin.“

Es gibt eine weitere Nebenwirkung. Das Selbstbewusstsein steigt. Mit jedem Meter unbehelligt durchstreifter Öffentlichkeit entferne ich mich von Joffes Erwartungen, instinktiv nicht zu provozieren. Die herbe Ecke links und rechts der Warschauer Straße, der Wrangel-Kiez, der Wedding – nichts passiert. John McClane kommt mir gelegentlich in den Sinn, der filmische Tabubruch, der nur funktionierte, weil er so offensiv begangen worden war. Doch das ist hier nicht Sinn der Sache. Der Kippa-Test funktioniert nur, wenn er defensiv bleibt. Es gibt ungeschriebene Regeln des Alltags, Gesellschaft funktioniert bisweilen in einem unsichtbaren Korsett, für die einen ist es enger, für die anderen ein bisschen weiter geschnürt.

Ich mag den Osten, auch dort, wo er herb ist. Ich ziehe aber auch ansonsten nicht in Lichtenberg nach Einbruch der Dunkelheit um die Plattenbauten.

Im U-Bahnhof Pankstraße weht mir durch den Luftzug der einfahrenden U–Bahn die Kippa vom Kopf. Das ärgert mich. Noch während des Einsteigens bin ich mit ihrer Befestigung beschäftigt und setze mich hin, ohne vorher die Platzwahl zu überdenken. Eine größere Annäherung an die Realität geht nicht. Die U-Bahn ist recht leer. Mir gegenüber sitzt ein an den Händen und Unterarmen tätowierter Alkoholiker. Als er mich sieht, packt er seine Bierflasche weg. Mehr ist nicht.

Anderntags in Neukölln auf der Sonnenallee gibt es erste sichtbare Hinweise, dass das Ungewohnte befremdlich wirken kann. Die Grenzen zur gespürten Verachtung sind durchlässig. Ein Entgegenkommender geht fast im 270-Grad-Winkel um mich herum, dabei abfällig auf meine Kippa schauend. Wenig später spucken drei entgegenkommende junge Männer fast zeitgleich vor sich aus, irgendwo mittig sich und mir vor die Füße. Ich mag die Rotzerei schon bei Fußballern nicht, ertappe mich aber dabei, den kleinen Vorfall ganz zufrieden recht hoch auf der nach oben offenen Ereignisskala einzuordnen.

Was hatte Friedman gesagt? Es kann aufklärerisch sein. Muss aber nicht.

Noch während ich durch Neukölln laufe, ruft mich ein Mann aus der Jüdischen Gemeinde auf dem Handy an. Er geht seit Jahren nicht aus dem Haus, ohne seine Kippa unter einer Mütze oder einen Hut zu verbergen. Das Gefühl von Freiheit, sagt er, habe er nur in New York gespürt, nie aber in Berlin. Wir reden ein bisschen über meine Wahrnehmung. Das sei, sagt er, als ob ich eine Zeit lang mit dem Auto durch die Stadt gefahren wäre, ohne mich vorher anzuschnallen. „Da muss auch lange nichts passieren.“

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