Zeitung Heute : Die Hypochonder- Klinik

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Die Psychosomatische Klinik Bad Bramstedt etwa vierzig Kilometer nördlich von Hamburg gehört zu den wenigen Krankenhäusern in Deutschland, in der Hypochonder die notwendige Hilfe finden. Entsprechend groß ist das Einzugsgebiet des weitläufigen Neubaus. Im dritten Stock von Haus B befindet sich die 14-Betten große Abteilung für somatoforme Störungen und Angststörungen. Hier, hinter der Glastür mit der kleinen Sonne, sind die Hypochonder untergebracht. Im Kontakt mit ihren Patienten vermeiden die Ärzte aber den Ausdruck Hypochondrie und sprechen von gesundheitsbezogenen Ängsten. Denn: „Die Diagnose Hypochondrie stigmatisiert. Die Angst vor einer schweren Krankheit ist nicht lächerlich“, erklärt der behandelnde Psychiater Gernot Langs. Wer eine Einweisung nach Bramstedt erhält, hat meist eine sieben bis zehnjährige Hypochonderkarriere hinter sich.

Tut der Bauch weh, dann denkt ein Hypochonder an den Ernstfall: Magenkrebs. Diese Verknüpfung von harmlosen Allgemeinsymptomen wie Magenzwicken mit katastrophalen Diagnosen wollen die Psychiater in Bad Bramstedt mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen entkoppeln. So sollen sich Patienten, denen ständig der Magen drückt, selbst davon überzeugen, dass sie ihre Symptome eigenständig herbeiführen und beeinflussen können. Ziel ist es, dass die Körperkontrollen und die Arztbesuche immer seltener und unabhängig von irgendwelchen Symptomen nach einem festgelegten Zeitplan stattfinden. Hier kommen Entspannungstechniken zum Einsatz: damit lernt der Patient, die durch Stress oder bei psychischer Belastung ausgelöste Angstspirale zu stoppen, so dass das anfängliche Druckgefühl im Magen nicht jedesmal in Übelkeit endet, Durchfall, Herzrasen oder dem Gefühl, todkrank zu sein.

Zusätzliche Sport- und Bewegungstherapien stärken das verlorene Vertrauen in den eigenen Körper. Denn Hypochonder sind Sportmuffel. Aus Angst, etwa vor dem Infarkt, neigen sie zu Schonverhalten. Daraus resultiert der schlechte körperliche Allgemeinzustand, der ihnen noch mehr Grund zur Sorge gibt. Wird der Patient nach einem durchschnittlich sechswöchigen Klinikaufenthalt entlassen, gilt er längst noch nicht als geheilt; auch wenn sich seine Angst deutlich gebessert hat. Für eine langfristige Heilung bedarf er weiterer psychotherapeutischer Behandlungen.

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