Zeitung Heute : Die Ideen junger Lehrer sind gefragt

Urban Media GmbH

Von Klaus Wessels

Die Schule ist der Spiegel der Gesellschaft. Alle politischen Spannungen, alle sozialen Probleme, alle gesellschaftlichen Trends, alle kaputten Familienverhältnisse, alle Konsumansprüche, alle Sprachdefizite werden von den Schülern in die Schule getragen. In diesem breughelschen Mikrokosmos müssen Schüler und Lehrer zusammenleben, und hier soll zudem etwas Nützliches, gesellschaftlich Brauchbares gelernt werden. Das geht sogar, aber die Ergebnisse liegen unter den Erwartungen, wie die Pisa-Studie zeigt.

Es wäre jedoch völlig verfehlt, wenn Lehrer, Schulbehörde und Lehrerverbände mit dem Verweis auf die Fülle der Probleme, die die Schule objektiv hat, ihre Mitverantwortung für die schwachen Leistungen leugneten. Es ist vielmehr zu fragen, welchen Anteil die Lehrer selbst an den Ergebnissen der Pisa-Studie haben. Mit welchen methodischen Konzepten sie ihren Beruf ausüben, gilt als persönliche Angelegenheit jedes Einzelnen. Die Methodenfreiheit könnte ein brillantes Spektrum anregender Unterrichtsprofile ergeben. Doch diese Erwartung erfüllt sich leider nicht. Der Unterricht folgt dem gleichen Grundmuster, Stunde für Stunde, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Was dabei herauskommt, zeigt die Pisa-Studie.

Ganz deutlich ist daher dem Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Bartels zu widersprechen, der im Tagesspiegel vom 20. Dezember 2001 schrieb: „Deshalb müssen wir – statt fruchtloser Methodendiskussion – hart darüber diskutieren, was gelernt werden soll.“ In der Pisa-Studie wurden keine Unterrichtsinhalte abgeprüft und deshalb ist es wenig überzeugend, vorrangig über Inhalte zu diskutieren. Es geht vielmehr um die Fähigkeit, Texte zu verstehen und Zusammenhänge zu erkennen. Wie man den Schülern das beibringt, ist eine methodische Frage. Hier steht der Beruf des Lehrers zur Debatte. Fruchtlos wird die Methodendiskussion allerdings dann, wenn pädagogische Begriffe nicht als Verständigungsmittel über den Unterricht verwendet werden, sondern als rhetorische Mittel der politischen Auseinandersetzung. Fruchtbar wird die Methodendiskussion nur, wenn sie geführt wird, um Unterrichtsergebnisse zu verbessern.

Wenn man sich Unterricht ansieht, ist die Tätigkeit des Lehrens stark ausgeprägt. Will man das Lernen der Schüler beobachten, so ergibt sich ein dermaßen diffuses Bild, dass man es kaum beschreiben kann. Das ist nicht verwunderlich, denn Unterricht in seiner herkömmlichen Form vernachlässigt das Lernen. Würden wir das Lernen konsequenter organisieren, wie es in jedem Nachhilfeunterricht geschieht, hätten wir bessere Lernergebnisse. Theorie und Praxis des Unterrichts müssen also ihren Schwerpunkt verlagern, und zwar vom Lehren auf das Lernen.

Wir müssen umdenken, denn wir brauchen für das Lernen andere Unterrichtsformen als für das Lehren. Diese Perspektive löst bei den Lehrern Verunsicherung aus. Das erfährt jeder Kollege, der neue Organisationsformen von Unterricht in der Schule ausprobiert. Im besten Falle gewährt man ihm Narrenfreiheit, in der Regel wird er argwöhnisch beäugt, im schlimmsten Falle wird er vom Kollegium und von der Schulleitung abqualifiziert.

Wo sollen nun die Unterrichtskonzepte herkommen, die den Unterricht zu einer Lernveranstaltung für Schüler machen? Es gibt in der Schule immer einige Lehrer, die ihren Beruf kreativ ausüben. Diese Personen kann man zu Rate ziehen. Außerdem käme man schnell zu neuen Konzepten, wenn man die Ideen der jungen Leute, die in der schulpraktischen Ausbildung sind, nutzen würde. Hierzu ein Modellvorschlag:

Die zweijährige Ausbildung im Referendariat bleibt aus rechtlichen Gründen in ihrem Gesamtanspruch erhalten, wird aber anders organisiert und in ihren Zielen verändert. Nach einer einjährigen Einführung in der herkömmlichen Form gehen die Lehreramtsanwärter für zwei Jahre mit halber Stelle und entsprechender Bezahlung in die Schule. Das Ausbildungsvolumen des noch ausstehenden Ausbildungsjahres wird auf zwei Jahre verteilt, der dafür vorgesehene Unterhaltszuschuss ebenso. Die begleitenden Seminare dienen der Reflexion und der Anreicherung der Berufspraxis. Die generelle Zielvorgabe für die jungen Kollegen besteht darin, neue didaktische Konzepte für das Lernen im Unterricht zu entwickeln. Die Arbeit wird in der Zweiten Staatsprüfung honoriert.

Dieses Modell wäre kostenneutral, brächte junge Gesichter in die Schule und würde dem verkrusteten Betrieb neue Impulse verleihen.

Der Autor war Seminarleiter und hat von 1970 bis 1999 Lehrer für die Sekundartufe I und II ausgebildet. Er selbst hat Englisch und Deutsch unterrichtet.

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